Wettbewerb - Mein Tag am Strand - Das Leben danach... - HeartOfHeaven

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1 Kapitel - 5.425 Wörter - Erstellt von: HeartOfHeaven - Aktualisiert am: 2013-08-01 - Entwickelt am: - 3.545 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Hier mal meine kleine FanFiction für den Schreibwettbewerb:)

Viel Spaß beim Lesen!

    1
    Gerade hebt sich die Sonne über den Horizont. Das Meer liegt ruhig und unendlich weit vor mir.
    Eine sanfte Brise umspielt meine Nasenspitze, sodass es kitzelt und ich unwillkürlich lächeln muss. Die Nacht war, wie immer, viel zu warm. Aber hier auf Barbados ist das wohl so. Sonne, Strand und Meer – der Ort, wo viele Menschen Urlaub machen. Der Ort, wo auch meine Familie und ich Jahr für Jahr Urlaub machen und Zeit finden, dem hektischen Alltag zu entfliehen.

    Ach ja, ich bin Joe. Mit vollem Namen heiße ich Joe Faulkner. Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich bin halber Brite und halber Australier. Schuld an dieser Konstellation sind meine Eltern, James und Franziska. Ich bin das Mittlere von drei Kindern. Sowohl meine große Schwester Samira, als auch mein jüngerer Bruder Martin scheinen Vollblut-Australier zu sein, während bei mir die britischen Gene meines Vaters durchkommen. Generell könnte ich ein Ebenbild von ihm sein. Die gleichen rehbraunen Augen, die selben dunklen Haare, der gleiche Akzent und die selben hohen Wangenknochen, die mein Gesicht etwas feminin wirken lassen. Ich bin ein junger Orlando Bloom Verschnitt. Sagt zumindest meine Schwester.
    Wie gesagt, wir kommen jedes Jahr nach Barbados. Und während der Rest der Familie tagtäglich in der Sonne liegt und die pure Lust des Lebens (so nennt es meine Mom immer) genießt, bin ich auf der Suche nach Abenteuern.
    Ihr wisst schon – Action erleben eben. Ich weiß, dass ich hier wohl keinen Piratenschatz entdecken oder auf Captain Jack Sparrow – den meine Schwester vergöttert – treffen werde, aber ich habe das Gefühl, dass noch etwas auf mich zukommen wird.
    Versteht mich nicht falsch, eigentlich bin ich nicht der Typ der sich von einem Schlamassel ins andere stürzt, aber hin und wieder etwas „aufregendes“ machen, kann doch gar nicht so verkehrt sein, oder?
    Ich bin weder etwas Außergewöhnliches, noch irgendwie anderweitig besonders. Ich bin wahrscheinlich weder schlechter noch besser als jeder andere Mensch auf diesem weiten Planeten.
    Das Universum nimmt wahrscheinlich kaum Notiz von mir, genauso wie die meisten Menschen. Für viele bin ich quasi unsichtbar.

    Die Strahlen der Sonne blenden mich, als ich meinen Blick nach oben richte. Die Strahlen spiegeln sich auf der Oberfläche des Meeres, und man bekommt den Eindruck als würden abertausende Diamanten auf dem Meer funkeln.
    Ich liebe diesen Anblick. Die Weite, die Ruhe, die Grenzenlosigkeit die das Meer ausstrahlt hat mich schon seit jeher fasziniert. Ich wünschte, ich könnte ewig hierbleiben...

    Da! Ein Geräusch lässt mich hochschrecken. Blitzschnell drehe ich mich um, und sehe, dass die Tür zu unserer Ferienwohnung, die wir ebenfalls jedes Jahr aufs Neue beziehen, offen steht. Meine Familie ist also aufgewacht.
    Ich verlasse den Strand, der um diese Zeit noch menschenleer ist und gehe hoch zur Terrasse. Dort hinten, auf einer Bank sitzt sie. Meine Schwester. Ihre hellbraunen Locken fallen ihr über die Schultern. Sie trägt eine weiße, mit schwarzem Blumenmuster verzierte, leichte Bluse, helle Jeans und ihre geliebten Chucks von Converse. Sie hat mindestens zehn Paar davon, und jedes davon zählt zu ihrem persönlichen Reichtum. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sie noch nie mit anderen Schuhen erlebt. Wenn doch, dann fällt es mir gerade nicht ein.
    Sie hat ihren Blick aufs Meer gerichtet – was mir klar war, denn sie liebt das Meer genauso wie ich.
    Mein Blick ruht auf ihr. Sie atmet ruhig, was ich an den langsamen Auf- und Abbewegungen ihrer Brust erkennen kann.
    Wie so oft muss ich feststellen, dass sie wunderschön ist. Ich weiß, dass sie es selbst nicht so sieht. Eher im Gegenteil. Aber für mich ist sie die Hübscheste von allen. Sowohl außen, als auch innen. Sie strahlt wie die Sonne – zumindest empfinde ich das so. Natürlich, jetzt könnte man sagen, ich behaupte dass, weil ich ihr Bruder bin. Aber nein. Ich sage das, weil ich das aus tiefstem Herzen so empfinde. Und weil ich meine Schwester nie belügen würde.
    Da fällt mir ein, habe ich ihr eigentlich je gesagt, wie hübsch sie ist?
    Noch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, vernehme ich ein Räuspern hinter mir.
    Fast gleichzeitig wenden meine Schwester und ich unsere Köpfe in die Richtung, aus der das Räuspern kam. Nur wenige Schritte entfernt steht mein jüngerer Bruder Martin.
    Er macht gerade seine Schauspielausbildung an einer renommierten Schauspielschule. Ich finde ja, dass das nicht wirklich zu ihm passt – er hätte lieber einen „richtigen“ Beruf ergreifen sollen. Arzt oder so.
    Aber er lässt sich von mir ja nichts sagen. Teilweise habe ich das Gefühl, er nimmt mich gar nicht wahr. Wundert mich aber nicht, denn wir beide hatten nie ein enges Verhältnis zueinander.

    „Samira?“, höre ich ihn fragen.
    „Ich komme gleich.“, lautet die leise Antwort meiner Schwester.
    Ich sehe, wie er nickt.

    Komisch, warum sind die denn heute alle so bedrückt? Wir sind gerade mal etwas über 24 Stunden hier und es ist nicht wie sonst. Die ausgelassene Stimmung fehlt. Ich glaube, ich muss Samira später mal danach fragen. Weiß ich da wohl etwas nicht?
    Noch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, sehe ich, wie Martin wieder die Wohnung betritt. Auch ich beschließe zu gehen, und rufe: „Bis nachher, Samira.“
    Kurz blickt sie auf, antwortet aber nicht. Na, dann halt nicht, sage ich leise zu mir, ehe ich die Terrasse verlasse.

    ***

    Ich weiß nicht, wie ich hierher kam, aber plötzlich finde ich mich an einem Abschnitt des Strands wieder, an dem ich zuvor noch nie gewesen bin. Noch immer ist der Strand wie ausgestorben, doch lange würde das nicht mehr anhalten. Bald würde die Jagd nach den besten Plätzen losgehen. Handtücher und Liegen würden ausgebreitet werden, als Zeichen dafür, dass der Platz schon belegt war.
    Soweit die Füße tragen... Komisch. Warum kommt mir das gerade in den Sinn? Wahrscheinlich war ich so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wohin meine Füße mich trugen.
    Mein Vater sagte früher immer: „Junge, herumirren ist nicht immer schlecht. So sieht man mehr von der Welt.“
    Es stimmt. Manchmal müssen wir uns wohl verlaufen, um neue Orte zu entdecken. Mal ehrlich, wo wäre die Menschheit, wenn sie immer nur den direkten Weg genommen hätte, anstatt Umwege in Kauf zu nehmen? Und wer weiß schon, wie viele Orte heute noch unentdeckt sind, weil sich noch niemand daran gewagt hat, alte Ufer zu verlassen um neue Welten zu erkunden.

    Ich blicke mich um. Noch immer weht die leichte Brise, und es tut verdammt gut, denn die Sonne, obwohl sie noch nicht im Zenit steht, entfaltet bereits ihre volle Wärme.
    Der feine, warme Sand knirscht bei jedem Schritt unter meinen Füßen und viele kleine Sandkörner kitzeln auf meiner Haut. Hin und wieder erreicht eine Welle das Ufer so weit, dass das Wasser sanft meine Knöchel umspült. Hach, ist das herrlich.
    Ich höre das sanfte Rauschen der Wellen im Meer, das Rascheln der Blätter, welche durch die Brise bewegt werden und hier und da zwitschert ein exotischer Vogel seine Lieder.

    Kurz überlege ich, ob ich weitergehen soll, doch dann beschließe ich, eine Weile an diesem schönen, ruhigen Plätzchen zu verweilen. Ich lasse mich im Sand nieder, lege meinen Kopf in den Nacken und genieße die warmen Strahlen der Sonne auf meiner Haut.
    Meinen Gedanken schweifen in meine Kindheit. Obwohl mein Leben nicht immer einfach war – aber welches Leben ist das schon? - bin ich glücklich, eben diese Kindheit gehabt zu haben.
    Die sorglosen Stunden, die ich damals mit meinen Geschwistern verbracht habe, zaubern mir noch heute ein Lächeln ins Gesicht.
    Die Zeit, die ich gemeinsam mit meinem Vater in London verbracht habe, bedeutet mir auch heute noch unheimlich viel und oft wünsche ich mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Zurück zu der Zeit, als mein Vater noch lebte. Er starb, als ich fünfzehn war. Kurz zuvor waren wir noch in London und ich werde nie vergessen, als er eines Tages über Schmerzen in der Brust klagte.
    So oft bat ich ihn, zum Arzt zu gehen – vergeblich. Eines Morgens fanden wir ihn leblos in seinem Bett. Er sah aus, als würde er schlafen. Später wurde uns mitgeteilt, dass sein Herz versagte. Die Gründe dafür kenne ich nicht, und ehrlich, ich bin froh darüber. Ich will nicht wissen, ob man es verhindern hätte können. Ich will mich damit nicht auseinandersetzen, weil ich Angst habe, mir noch mehr Vorwürfe zu machen.

    „Hey, du da!“

    Ich öffne meine Augen und suche nach der Stimme.
    Vor mir steht eine hübsche junge Frau, die ich nicht kenne. Ihr dunkles Haar fällt ihr in weichen Wellen über den Rücken und ihre dunklen Augen funkeln, während sie mich mit einem schiefen Grinsen ansieht. Keine Frage, diese Lady hat es faustdick hinter den Ohren. Selbst ein Blinder würde das sehen. Wollen wir doch mal sehen, wie weit man sie reizen kann.

    „Geh mir aus der Sonne!“, antworte ich knapp.
    „Ein Gentleman bist du nicht gerade, was?“, antwortet sie prompt.
    Ich sehe sie an. Nicht einen kleinen Millimeter hat sie sich bewegt.
    „Wenn du 'nen Gentleman suchst, solltest du es im Kino probieren. Ich habe gehört, es laufen zur Zeit wieder diese romantischen Liebeskomödien, mit Schauspielern von denen jedes Mädchen träumt.“
    „Zu dumm, dass ich selbst 'ne Schauspielausbildung hinter mir habe und sehr gut beurteilen kann, wie echt diese sogenannten 'Gentleman' in diesen von dir genannten Filmen wirklich sind!“
    „Tja, dann kann ich dir nicht helfen. Aus welchem Theater bist du denn entflohen, Süße?“
    „Willst du etwa ein Autogramm?“, fragt sie schnippisch.
    Ich schüttele grinsend den Kopf. „Nicht wirklich. Wenn du gut wärst, würde ich dich kennen. Und außerdem – ich halte von Schauspielerinnen wohl genauso viel, wie du von mir hältst.“

    Sie hält kurz inne, ich glaube sogar, dass sie einen Moment überlegen muss, was sie antworten soll.
    „Naja, ein Orlando Bloom bist du auch nicht gerade. Obwohl ich zugeben muss, dass du ihm sehr ähnlich siehst.“
    Ich grinse. „Und, hat ein Orlando Bloom Chancen bei dir?“
    Prompt schüttelt sie energisch den Kopf. „Ich denke, aus dem Alter bin ich raus.“

    Wir sehen uns einige Zeit an. Irgendwie kommt mir diese ganze Debatte auf einmal so dermaßen kindisch vor. Kann es sein, dass sie ihre derbe Ansprache gar nicht böse gemeint hat und ich es nur falsch aufgefasst habe?
    Ich beschließe, nicht weiter darüber nachzudenken, stehe auf und schüttele mir den Sand von der Kleidung. Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um, und rufe der Frau zu: „Auf Wiedersehen!“, dann verschwinde ich.

    ***

    Zugegeben – sehr höflich war das ganze nicht von mir. Ehrlich, normalerweise bin ich nicht so. Vielleicht sollte ich doch noch einmal zurück und mich bei ihr entschuldigen.
    Ja, das sollte ich wohl.
    Schnell mache ich mich auf den Weg, zurück zu dem Platz an dem ich vor wenigen Minuten noch mit dieser Frau gesprochen hatte.
    Doch leider ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Komisch, denke ich. Habe ich mir das alles vielleicht nur eingebildet? So schnell kann sie doch gar nicht weg sein. Diese Ecke des Strandes ist an allen Stellen einsehbar. Und doch sehe ich keine Menschenseele hier herum laufen.

    Na, dann eben nicht, denke ich mir. Aber ganz wohl ist mir trotzdem nicht bei der Sache.

    ***

    Schneller als gedacht erreiche ich den gewohnten Strandabschnitt, den ich seit Jahren in- und auswendig kenne. Hier ist es schon um einiges voller. Viele Menschen, vorzugsweise junge Paare und Familien mit Kindern haben sich bereits die heiß begehrten Plätze in direkter Nähe zum Meer gesichert. Ich höre das Lachen der Kinder, die vergnügt Sandburgen bauen und Muscheln einsammeln, die von den Wellen ans Ufer gespült werden.
    Hier und da hört man ein Kind rufen: „Guck mal Mama, was ich gefunden habe!“

    Ob meine Geschwister und ich früher wohl auch so waren? Bestimmt!
    Ich laufe an den Menschen vorbei, die mit geschlossenen Augen im Sand liegen und sich von der Sonne bräunen lassen. Dabei stelle ich fest, dass es manche wohl echt übertreiben. Der Mann da vorne zum Beispiel, der bereits aussieht, wie ein Hummer den man ins kochende Wasser geworfen hat. Manche Menschen kriegen wohl nie genug, denke ich.
    Da fällt mein Blick auf ein Plakat.

    „DIE PARTY DES JAHRES“, steht dort in großen Lettern geschrieben.
    Darunter das heutige Datum. Eine Strandparty... So so. Na, das lasse ich mir heute Abend bestimmt nicht entgehen. Ich werde später Samira fragen, ob sie mich begleitet. Wobei, wahrscheinlich hat sie mit Ricky, ihrem Freund, schon etwas anderes vor.

    „Na Ricky, alles klar?“

    Wenn man vom Teufel spricht... da drüben steht er. Braungebrannt, strahlend blaue Augen, schwarze Haare, große, athletische Figur. Ja, das ist Ricky. Der Sunnyboy schlechthin. Ich frage mich ja immer noch, was meine Schwester an diesem Aufreißer finde. Nicht, dass ich meiner Schwester ihr Glück nicht gönnen würde. Aber ich würde mir wünschen, dass sie einen besseren Kerl an ihrer Seite hätte. Jemand, der sie liebt und schätzt um ihrer selbst willen.
    Ricky – der Typ hat doch jede Woche 'ne andere am Start.
    Auch jetzt wird er wieder von vielen Mädchen umringt. Ich werde Mädchen nie verstehen, wie es möglich ist, dass sie SO jemanden, SO dermaßen anhimmeln. Als wäre er Gott persönlich. Pah.
    Und seine Kumpels, die ihn wie Bodyguards ständig begleiten, sind keinen Deut besser.

    Ich sehe mir diese Szenerie noch eine Weile an. Gott sei dank hat er mich noch nicht bemerkt. Das Verhältnis zwischen Ricky und mir ist wahrscheinlich so, wie das zwischen Martin und mir. Wir dulden uns, mehr aber auch nicht. Respekt? Fehlanzeige.
    Erklären, wieso und weshalb das so ist, kann ich nicht. Es ist einfach so.

    Kurz darauf gehe ich weiter meines Weges. Vorbei an „Mr. Hummer“, an verliebten Pärchen, die sich gegenseitig den Rücken eincremen und vorbei an einer Horde Kinder die gerade dabei sind, ihren Vater, mit Ausnahme des Kopfes, im Sand zu verbuddeln.

    ***

    Der Tag verlief ruhig. Jeder aus der Familie hatte sein eigenes Programm geplant, was dazu führte, dass ich niemanden von der Familie zu Gesicht bekommen habe.
    Am Abend. entscheide ich mich, an eine der unzähligen Strandbars zu gehen. Rhythmische Musik erklingt aus überdimensionalen Lautsprechern. Paare tanzen eng aneinander geschmiegt auf der Tanzfläche. Erinnert mich irgendwie an eine Szene aus „Dirty Dancing“. Ob ich wohl dabei helfen soll, eine Wassermelone zu tragen? Bei diesem Gedanken muss ich lachen. Wie oft musste ich diesen Film gezwungenermaßen mit meiner Schwester sehen? Ich überlege gerade, als ich plötzlich mit jemandem zusammenstoße.

    „Kannst du nicht aufpassen?“, höre ich eine Stimme schimpfen. Obwohl ich niemanden, bis auf meine Familie, hier kenne, kommt mir die Stimme bekannt vor.
    Ich blicke auf mein Gegenüber und sehe die junge Frau mit den schwarzen Locken von heute Morgen vor mir stehen.

    „Entschuldige!“, sage ich hastig.
    Skeptisch und überrascht zugleich sieht sie mich an. „Na, wen haben wir denn da? Wenn das nicht das unhöfliche Orlando Bloom Double ist!“
    „Hi!“, sage ich schüchtern. Verdammt, warum bringt sie mich gerade so aus dem Konzept?

    Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, ehe sie entgegnet: „Hallo.“
    „Ich...“, beginne ich. Man, was ist denn nur los? Ich bin doch sonst nicht so.
    „Du?“, fragt sie.
    „Ich... ich bin Joe!“, sage ich hastig und reiche ihr meine Hand.
    Sie ergreift sie sofort. „Hallo Joe. Ich bin Kelly!“ Da! Da ist es wieder. Dieses schiefe Grinsen von vorhin.

    Sie sieht sich um, ehe sie ruft: „Ganz schön laut hier, was?“
    Erst jetzt fällt mir auf, dass die Musik deutlich lauter ist, als es gerade eben noch der Fall war.
    Noch immer hält sie meine Hand, als sie mich ohne zu fragen, mitzieht.

    ***

    Kurze Zeit später, sitzen wir etwas abseits vom Trubel an einem ruhigen Fleckchen.
    Die Sonne sinkt langsam aber stetig. Nicht mehr lange, und sie würde wieder verschwunden sein.
    Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit an so einem wundervollen Ort vergeht.

    Mein Blick fällt wieder auf die Person neben mir. Generell fällt es mir schwer, meinen Blick von ihr abzuwenden. Es ist, als wäre sie nicht von dieser Welt. Sie ist so wunderschön.
    Ihre vollen, weichen Locken umschmeicheln ihr schmales Gesicht perfekt. Die langen, dichten Wimpern umranden ihre dunklen Augen, die so viel Wärme ausstrahlen.
    Die leichte Röte ihrer Wangen steht ihr verdammt gut und die vollen Lippen sind mit einem Hauch durchsichtigem Lipgloss benetzt.
    Das weiße, knielange Kleid mit der Spitze als Saum steht ihr ausgezeichnet. Es ist verspielt und doch betont es ihren Körper und bringt ihn voll und ganz zur Geltung.
    Die Füße stecken in einem Paar sommerlicher dunkelbrauner Riemchensandalen.

    Im Licht der langsam untergehenden Sonne wirkt sie wie eine Puppe aus Porzellan, so fein und zerbrechlich, dass man sich nicht traut, sie auch nur einen Tick zu lange anzusehen, aus Angst, sie könne in tausend Splitter zerspringen.
    Und doch kommt man nicht umhin, den Blick an sie zu heften. Warum nur bin ich der Einzige, der sie anstarrt? Alle anderen gehen an ihr vorbei, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Sind die denn alle blind!

    Unverhofft sieht sie mich an. Ihr Blick trifft meinen, und ich hätte schwören können, dass die Röte ihrer Wangen noch ein wenig intensiver wird.
    Sie fasziniert mich zusehends. Mit jeder weiteren Sekunde, die vergeht, habe ich das Gefühl, als könne ich in ihre Seele blicken. Und sie in meine.
    Es braucht keine großen Worte, es scheint, als würden unsere Herzen zueinander sprechen. Noch nie in meinem Leben hat mich jemand so sehr angezogen, wie sie es in genau diesem Moment tat.
    Wie ein Magnet zieht es mich zu ihr, und kurz bevor sich unsere Lippen berühren können, höre ich plötzlich jemanden rufen.

    „HILFE! Bitte, helft mir doch!“

    Sofort springen wir beide auf. Die Stimme würde ich unter tausenden wiedererkennen.
    „Das ist Samira!“, sage ich zu Kelly.
    Hastig blicke ich mich um, als ich etwas im Wasser entdecke. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich meine Schwester, die dort draußen versucht, sich über er zuWass halten.

    „Warte Samira! Ich komme!“, rufe ich laut.
    „HILFE!“, höre ich sie erneut schreien.
    Noch ehe ich das Wasser betreten kann, hält mich Kelly am Arm fest. „Joe, warte.“
    „Was?“, frage ich garstig. Warten? Worauf sollte ich denn ihrer Meinung nach warten?
    Hektisch reiße ich meinen Arm aus ihrem Griff und springe ins Meer. Da sehe ich Martin neben mir auftauchen. „Ich mach das schon!“, rufe ich ihm zu, doch er scheint mich nicht zu hören. Typisch Martin, selbst in so einer Notsituation ignoriert er mich.
    Während wir beide Seite an Seite schnell auf Samira zuschwimmen, rufe ich: „Okay. Ich weiß, wir beide haben ein mieses Verhältnis. Aber könnten wir das nicht wenigstens jetzt beiseite legen? Martin? HALLO?“

    Erneut keine Reaktion. Warum muss dieser Kerl nur so dermaßen stur sein?

    Einen Tick schneller als mein jüngerer Bruder komme ich bei Samira an. Ich versuche ihr gut zuzureden. „Samira, keine Panik. Es wird alles wieder gut. Du hast einen Krampf im Bein. Komm, ich bring dich an Land.“
    Noch während ich auf sie einrede, höre ich sie erleichtert ausrufen: „Martin! Da bist du ja! Ich glaub, ich habe einen Krampf im Bein.“
    „Keine Sorge! Komm, halt dich an mir fest. Ich bring dich zurück ans Ufer.“

    Verdutzt blicke ich den beiden hinterher. Das Martin mich ignoriert, wundert mich nicht. Aber warum jetzt auch Samira? Waren wir nicht immer das Dream-Team gewesen? Etwas enttäuscht schwimme ich zurück.

    ***

    Nachdem der erste Schock überwunden ist, bemerke ich Kelly wieder neben mir.
    „Ich verstehe das nicht...“, sage ich so unerwartet, dass sie kurz zusammenzuckt.
    „Joe?“ Fragend sieht mich Kelly an. Ich nicke ihr zu.
    „Komm mit.“, sagt sie daraufhin. „Ich will dir etwas zeigen.“

    Nachdenklich folge ich ihr. Immer wieder blicke ich mich um, zu der Stelle wo Samira von Martin, Franziska und anderen Leuten umringt wird.

    Kurze Zeit später bleibt Kelly stehen und auch ich mache halt.
    Sie spricht zu mir, ohne mich anzusehen. „Joe... sie ignorieren dich nicht. Glaub mir, Samira hätte sich gefreut, wenn du sie gerettet hättest.“

    „Aber... aber das wollte ich doch!“, rufe ich verzweifelt aus.
    „Ich weiß.“, höre ich Kelly seufzend sagen. „Ich weiß das, Joe.“
    „Warum hat sie es dann nicht zugelassen?“

    Nun sieht sie mich an. Wieder habe ich das Gefühl, als würden ihre hypnotisierenden Augen durch mich hindurch blicken.
    „Schließe deine Augen.“, sagt sie plötzlich.
    „Was?“ Nun verstehe ich gar nichts mehr.
    „Schließe deine Augen und sag mir, was du siehst.“

    Da ich nichts zu verlieren habe, schließe ich meine Augen und antworte: „Nichts. Ich sehe nichts.“
    Ich spüre, wie sie zwei Finger auf meine Stirn legt und tief ein- und wieder ausatmet.
    „Sieh genauer hin!“, entgegnet sie.

    Zuerst ist da nur Schwärze. Tiefes, dunkles Schwarz.
    Doch dann blitzen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Erschreckende Bilder.

    „Was siehst du?“, höre ich Kelly fragen.
    „Ich... ich sehe ein Haus. Es ist unser Haus. Es ist dunkel und kalt. Es liegt Schnee. Und es ist glatt.
    Da bin ich...“ Ich halte inne.
    „Was tust du, Joe?“
    „Ich will mutig sein und etwas ausprobieren. Ich versuche, auf den Balkon zu klettern. Doch... nein. Nicht!“

    Ich merke, wie sich Panik in mir ausbreitet. Noch ehe ich es realisieren kann, höre ich die Sirene des Krankenwagens.
    Ich sehe Samira, die weinend am Krankenwagen steht und Martin, der seine Arme um sie gelegt hat. Und plötzlich erinnere ich mich wieder an alles.

    „Bin ich...“, weiter traue ich mich nicht zu fragen. Ich habe Angst. Angst vor der Antwort.
    Ich öffne die Augen und Kelly zieht ihre Hand zurück.
    Sie nickt, kaum sichtbar. „Ja. Du bist tot, Joe.“, flüstert sie.
    „Und du?“
    „Ich auch.“

    Ich schluckte. War das möglich? Ich hatte nie über das Sterben nachgedacht. Und nun sollte ich wirklich tot sein?
    Aber warum war ich dann immer noch hier?

    „Du bekommst deine Antworten.“
    Erstaunt sehe ich Kelly an. Ich hatte doch gar keine Fragen gestellt. Zumindest nicht laut.

    „Ich kann deine Gedanken hören. Laut und deutlich.“
    „Ach komm – jetzt veralberst du mich aber, was?“ Ich kann es kaum glauben.
    Plötzlich lächelt sie und sagt: „Danke für das Kompliment von vorhin. Ich sehe also aus wie eine Puppe aus Porzellan, ja?“

    Nun starre ich sie mit großen Augen an. DAS hatte ich definitiv nicht ausgesprochen.
    Sie kichert. Aber nun wird mir einiges klar. Vor allem, warum keiner der Jungs sie auch nur eines Blickes würdigte.
    Sie hätten es mit Sicherheit getan – wenn sie sie gesehen hätten.

    „Das war mal...“, hörte ich sie seufzen.

    Ich fragte mich, an was sie wohl gestorben war. Sie war so eine bildhübsche junge Frau. Wie alt sie wohl sein mochte?
    Noch ehe ich sie fragen konnte, antwortet sie: „Im letzten Leben war ich 21. Ich hatte Lungenkrebs. Endstadium. Teuflische Krankheit. Ich habe es bemerkt, als es bereits zu spät war.“
    „Woran hast du das gemerkt?“
    „Nun ja... man merkt es spätestens dann, wenn du Blut hustest. Ständig. Meine Lunge war ein Wrack.“
    „Hattest du Angst vor dem Sterben?“

    Ich sehe sie an. Blicke abermals in ihre wundervollen Augen, in denen man sich ganz und gar verlieren konnte.

    „Nein.“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Ich habe gehofft, dass es danach besser werden würde.“
    „Und?“
    „Es wurde besser.“
    „Kann ich...“, beginne ich, doch beende meinen Satz nicht.

    „Ja. Du kannst sie sehen, wann immer du möchtest.“
    Erneut erstaunt sie mich.
    „Ich hab doch gar nicht zu Ende gefragt.“ Und diesmal auch nicht in Gedanken, füge ich grinsend hinzu.
    „Ich weiß. Aber die selbe Frage habe ich mir gestellt, als ich gestorben bin.“

    ***

    Samira sitzt in ihrem Zimmer in unserer Ferienwohnung und hält ein Foto in ihrer Hand.
    Ich sehe, wie sich ihre Schultern heben und senken. Ich höre sie schluchzen und ich sehe eine Träne über ihre Wange rollen. Dieses kleine, salzig schmeckende Tröpfchen rinnt ihre Wange hinab, überquert ihre Lippen und wagt am Ende ihres Kinns plötzlich den Absprung. Kurz darauf landet die Träne auf dem Bild. Ich setze mich neben sie und betrachte das Foto. Darauf sind sie und ich abgebildet. Ich erinnere mich daran. Es wurde gemacht kurz vor meinem Tod.

    „Joe, du fehlst mir so. Zuerst Dad und jetzt du. Ich kann das nicht ohne dich. Du warst doch mein Ein und Alles. Wie soll es denn ohne dich weitergehen?“

    Ich höre jedes ihrer Worte. So leise sie auch sind, ich verstehe jedes einzelne davon.
    Sanft lege ich meinen Arm um sie. Täusche ich mich, oder schluchzt sie jetzt noch mehr?
    Krampfhaft klammert sie sich an das Bild in ihrer Hand. Wie gerne würde ich ihr jetzt sagen, dass alles gut ist.

    „Ich bin immer noch hier. Ich werde dich niemals alleine lassen. Kein Tag ohne dich, weißt du noch?“ Ich schreie es so laut ich kann, in der Hoffnung, dass sie mich hört.
    Ich schreie, flüstere, rufe – nichts. Von mir selbst enttäuscht, lege ich meine Wange an die ihre, so wie ich es früher immer getan habe.
    Ich umarme sie ganz fest. Ich spüre ihre Wärme und ich kann die nasse Linie fühlen, die die Träne auf ihrem Weg in Samiras Gesicht hinterlassen hat.

    Unwillkürlich streicht sich Samira über die linke Wange – jene Wange, die ich eben in Beschlag genommen habe.
    Eine leichte Gänsehaut hat sich dort gebildet. Sie streicht mit ihrer Hand knapp über mein Gesicht. Ich schrecke hoch, wobei ich anscheinend soviel Wirbel mache, dass das Foto aus ihrer Hand fällt und die Kerze, welche auf dem Tisch wohliges Licht verbreitet, wild zu flackern beginnt.

    „Joe? Joe... bist du da?“, höre ich sie plötzlich flüstern. „Joe... bitte. Wenn du hier bist, melde dich.“

    Ich überlege krampfhaft wie ich ihr beweisen soll, dass ich hier bin. „Sag mir, wie! Samira, hörst du. Sag mir WIE!“, rufe ich ihr zu.
    Sie greift nach dem Foto und ich betrachte es erneut. Wir, im Winter. Eingepackt in unsere warmen Winterjacken. Und Samira, wie immer, in ihren Converse Schuhen.

    „Wenn du mir doch nur ein Zeichen geben könntest. Oder werde ich langsam verrückt?“

    Da fällt mein Blick auf eine Zeitschrift, die vor ihr liegt.
    „Seite 27.“, höre ich plötzlich Kelly neben mir sagen.
    „Was ist damit?“
    „Schlag sie auf.“

    Ehe ich mich versehe, schlage ich zielsicher Seite 27 auf, wobei das Heft zu Boden fällt.
    Samira zuckt zusammen ehe sie die Zeitschrift aufhebt. Als sie es wieder schließen will, fällt ihr Blick auf die aufgeschlagene Seite.
    Endlich erhasche auch ich einen Blick darauf.

    In großen Lettern steht dort geschrieben:
    „Neu und nur bei uns in London: die neuen Chucks von Converse.“

    Darunter ein Bild mit genau jenem Paar Converse Chucks welches ich Samira wenige Wochen zuvor gekauft hatte. In London.

    Nun verstand auch sie.
    Ich sehe, wie sie die Zeitschrift, gemeinsam mit dem Bild von uns beiden, fest in ihren Armen hält und an sich drückt.
    Für menschliche Ohren nicht hörbar, für mich jedoch klar und deutlich zu verstehen, sagt sie gedanklich: „DANKE BRUDERHERZ!“

    Ich sehe sie noch ein paar Momente an, ehe Kelly sagt: „Bereit?“
    Fragend blicke ich ihr entgegen. „Bereit für was?“
    Sie lacht. „Bereit um neue Welten zu entdecken?“
    „Aber..“, beginne ich und blicke wieder zu Samira.
    „Du kannst sie jederzeit sehen. Das hab ich dir doch gesagt. Aber es gibt jemanden, der dich nach langer Zeit sehen möchte.“

    ***

    Die Sonne hat inzwischen Platz gemacht für den hellen Mond. Irgendwie erscheint er mir heute heller und größer als sonst.
    „Ist es so?“, frage ich meinen Dad.
    „Was meinst du?“
    „Wie die Sonne...“, flüstere ich.
    Er nickt. „Ja. Wir gehen auf und unter, wie die Sonne. Wenn wir sterben, geht unsere Sonne in der menschlichen Welt unter, um am Horizont der Unendlichkeit größer und heller zu erstrahlen.“

    Fünf Jahre habe ich meinen Vater nicht gesehen. Fünf lange Jahre, in denen ich oftmals der Verzweiflung nahe war. Und nun stehen wir hier. Den Blick aufs Meer gerichtet. Die Wiedersehensfreude ist unendlich groß und ich wünschte, ich könnte dass allen Menschen nahelegen. Ich wünschte, alle würden wissen, dass es kein endgültiges Ende gibt.

    „Wird sie es überstehen?“, frage ich Dad, während ich ein letztes Mal zum Fenster von Samiras Zimmer blicke.
    Er nickt lächelnd. „Ja. Du kennst sie. Sie gibt nicht auf.“
    „Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, dass ich sie lieb habe.“
    „Das hast du, Joe.“
    „Ach ja?“
    „Ja... du bist erst auf der Fahrt ins Krankenhaus gestorben. Als man dich auf die Trage legte, und in den Krankenwagen schob, da hat sie nach deiner Hand gegriffen. Du hast sie für einen kurzen Moment angesehen und gesagt: ICH HAB DICH LIEB, SCHWESTERHERZ!“
    „Das waren meine letzten Worte?“
    Dad nickt mir gütig lächelnd zu. „Und daraus wird sie immer wieder Kraft schöpfen.“

    Bevor Dad und ich den Strand verlassen um Kelly und all die anderen, bekannten als auch unbekannten, Vorausgegangenen „drüben“ wiederzusehen, blicke ich gen Himmel und sage leise zu mir: „Wahnsinn, was man alles erlebt. An einem Tag am Strand...“













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Lilian ( 1.124 )
Abgeschickt vor 113 Tagen
Wow. Das ist wunderschön. Diese Vorstellung vom Tod gibt Hoffnung. Echt, ich habe nur selten etwas gelesen, was mich so bewegt hat.
hogwarts & manga fan ( 17.70 )
Abgeschickt vor 493 Tagen
Wow! Kompliment, gut gemacht^^
Anonym ( 38.64 )
Abgeschickt vor 499 Tagen
Ich weiß, dass kommt n bissl spät aber ich habe die Geschichte
Erst jetzt gelesen. Und sie ist VOLL SCHÖN..und traurig
Aber echt gut geschrieben