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Das Kind der Lestranges

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13 Kapitel - 32.110 Wörter - Erstellt von: Larrypen - Aktualisiert am: 2015-03-30 - Entwickelt am: - 9.193 mal aufgerufen - User-Bewertung: 4.81 von 5.0 - 31 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Plot: Lia ist die Tochter vom Ehepaar Lestrange. Bei einer Adoptivfamilie untergebracht, verschüchtert und orientierungslos muss sie an der Schule ihren eigenen Weg finden und lernen, für das einzustehen, was sie erreichen will. Eine typische Coming-of-Age-Story also, mit sehr viel Drama und Zauberei.

Diese Geschichte wurde mal irgendwann im Pubertätsalter angefangen. Heute mit weit über zwanzig, sieht man die eigene Geschichte dann doch wieder anders und in einem Anfall von Distanz wurde sie gelöscht^^ Aber man muss auch zu seiner allerersten Sue stehen und das wäre dann wohl Lia. Ich weiß nicht, ob der Erwachsene seine Story noch einmal weiterschreibt, zumindest aber ist zurück, was damals entstanden ist.

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    Vier Jahre sind vergangen, seit der dunkle Lord die Potters getötet und anschließend verschwunden ist und der Frieden in der Zaubererwelt scheint wieder hergestellt. Doch für die Auroren stellt sich die Sache anders dar, denn noch immer ist ein Großteil der Anhänger Du-weißt-schon-wems auf der Flucht, immer auf der Suche nach einem Weg, dem dunklen Meister zurück an die Macht zu verhelfen. Vor allem nach den Gebrüdern Lestrange wird gefahndet, Rodulphus und Rastaban, sowie nach Rodolphus Frau Bellatrix, einige der treusten und gefährlichsten Anhänger des dunklen Lords.





    "Und du bist dir sicher?", fragte Merdock zum fünfzigsten Mal. "Du weißt, wenn das hier schief geht, Mad-Eye, dann können wir uns einen neuen Job suchen." "Ich bin mir sicher", knurrte Moody und das magische Auge rollte zur Seite. "Hatte ich jemals Unrecht?" "Nein, hattest du nicht. Ich weiß, ich weiß", antwortete Merdock und strich sich nervös durchs Haar. "Es ist nur... wenn sie nun wissen, dass wir kommen? Wenn irgendetwas durchgesickert ist und sie uns erwarten? Herrgott, es sind die Lestranges! Ich würde ja behaupten, es sind die schrecklichsten Menschen, denen man begegnen kann, wenn es Du-weißt-schon-wen nicht gäbe!"

    Am Nachmittag war der Tipp reingekommen, war mit den anderen Memos ins Aurorenbüro geflattert und groß und rot auf dem Schreibtisch eines jeden Auroren gelandet. Es hieß, man habe nun endlich den Aufenthaltsort der Lestranges ausfindig gemacht, in einem kleinen Zauberdorf an der Nordküste. Offenbar hatte einer der Häftlinge bei einem Verhör gestanden und dabei einen entscheidenden Hinweis geliefert, der endlich dazu führen könnte, die schlimmsten und gefürchtesten Anhänger von Du-weißt-schon-wem zu stellen. Die Auroren hatten das Haus, einen schäbigen dreistöckigen Bau, an dem schon der graue Putz blätterte, umstellt, die Abteilungen für die Bergung und die Sicherheit, die Sanitätsmagier und die Behörde für den Muggelschutz waren bereits informiert und warteten auf ihrem zugewiesenen Posten auf die Bestätigung der Einsatzleitung und die Spannung, die Chance, die dieser Angriff möglicherweise bergen könnte, hatte sich in die Gemüter der anwesenden Männer und Frauen geschlichen und die Nervosität trat selbst bei den Härtesten und abgebrühtesten unter ihnen deutlich zu Tage. Nach der Sache mit den Longbottoms war das kein Wunder. Die Folterung der beiden berühmten Auroren hatte eine Welle der Empörung in der magischen Bevölkerung ausgelöst und die Wut und damit auch den Tatendrang der Hexen und Zauberer verstärkt. Mit neuem Eifer war die Suche nach den flüchtigen Todessern entfacht und mit mit neuem Eifer die Verhöre der Gefangenen verstärkt worden. Die Kontrollen wurden vervielfacht und immer öfter sah oder spürte man jetzt die Dementoren vorbeiziehen, lautlos und immer hungrig nach dem Glück der Menschen.

    Doch jetzt schienen die Auroren ihrem Sieg greifbar nahe zu sein. Wenn es stimmte und sich die Lestranges tatsächlich in diesem Haus verschanzten, ja, wenn es gelingen sollte, sie heute fest zusetzten, dann wäre die Macht des dunklen Lords, die noch immer über dem Land lag, endgültig und unwiderruflich gebrochen. Es würde ein Signal an die anderen freilebenden Todesser senden, ein Signal, das aussagen würde: Ihr seid dem Untergang geweiht!

    Connor Crickett umklammerte mit schwitziger Rechter seinen Zauberstab und blinzelte angestrengt ins Dunkel. Obwohl er seit zwei Jahren für Moody arbeitete, war er der zweiten Aurorengruppe, der Verstärkung zugeteilt worden und im Grunde genommen war er ganz froh darüber und hatte nicht protestiert. Die Lestranges waren eine Nummer zu groß für ihn. Moody selbst würde mit dem ersten Trupp das Haus stürmen und auf sein Signal, sollte schließlich auch Connor das Haus betreten und die erfahreneren Kämpfer bei der Festnahme unterstützen. Moody hatte darauf bestanden diesen Einsatz ohne die Mithilfe der Dementoren zu regeln, die Fudge ihnen freundlicherweise hatte bereit stellen wollen. Auch dafür war Connor dankbar. Es war auch so schwer genug sich zu konzentrieren. Es hieß, Rastaban sei mit seinen Flüchen so treffsicher wie brutal und angeblich genoss er es, mit seinen Opfern zu spielen, bevor er ihnen letztendlich den Todesfluch versetzte. Und Rodolphus Frau, Bellatrix, war noch schlimmer, verrückt, hieß es, eine Wahnsinnige, vor der sich sogar die Todesser zu fürchten schienen. Connor hatte Fotos von ihr gesehen in den Akten und auf den Steckbriefen, die überall im Ministerium hingen und die Vorstellung, dieser Gestalt in wenigen Minuten vielleicht leibhaftig gegenüber treten zu müssen, jagte ihm eine Heidenangst ein.
    Dennoch war Connor mehr als bereit, diesen Einsatz zu wagen. Er hatte Alice Longbottom flüchtig gekannt, sie war eine Freundin seiner Frau, doch er hatte die warmherzige und freundliche Person sehr geschätzt. Das, was mit ihr passiert war, war so brutal wie bösartig und wenn er daran dachte, dass es genauso gut seine Familie hätte treffen können, packte Connor eine derartige Wut, die er nicht einmal in Worte fassen konnte. Die Longbottoms hatten ein kleines Kind, genau wie er selbst und auch die Potters hatten einen Sohn hinterlassen. Zu viele Kinder waren in diesem Krieg zu Waisen geworden, zu viele hatten ihre Eltern im Kampf verloren und waren jetzt auf sich allein gestellt. Es wurde Zeit, dass dieser Alptraum endete. "Für unsere Kinder", dachte Connor. "Und eine bessere Welt."

    Als hätte jemand seine Gedanken gehört, wurde das erste Signal abgefeuert. Grüne Funken leuchteten auf und die erste Gruppe setzte sich nahezu lautlos in Bewegung. Hektisch wischte sich Connor die schwitzigen Hände an seinem Umhang ab und ging in die Hocke wie ein Sprinter aus der Muggelwelt an der Startlinie. Erwartungsvoll blickte er zu dem dunklen Haus, doch alles blieb still und ruhig, so ruhig, dass Connor am Liebsten geschrien hätte, nur um diese schreckliche Stille zu durchbrechen. Die Zeit verstrich. Sekunden wurden zu Minuten. 
    Dann endlich – ein Lichtblitz. Und dann noch einer. Jetzt drang auch ein langgezogener Schrei hinüber und wieder flammten Lichtblitze in rot und grün auf. Ein Krachen und eines der Fenster im Erdgeschoss explodierte in einem grünen Licht. Die schäbigen Vorhänge eines zweiten Fensters fingen Feuer. Mehr und mehr Lichtblitze zuckten herüber und Schreie und Gebrüll hallten durch die Nachtluft. Doch wo blieb das Signal? Das Signal, auf dass sie alle warteten? 
    Ein zweites Fenster explodierte und das Licht war so grell, dass Connor geblendet die Augen schloss. Als er sie wieder öffnete, war es dunkel geworden. Keine Flüche schwirrten mehr durch die Nachtluft und außer dem Zischen der Flammen, dass die Vorhänge fraß, war kein Laut mehr zu hören. Was war geschehen? War es vorbei? Aber wo blieben dann die verdammten Funken? 
    Unbarmherzig und dunkel gähnte ihnen das Haus mit seinen schwarzen Fenstern entgegen und in dem Knistern des Feuers glaubte Connor das Gebäude hämisch über sie lachen zu hören. Was, wenn alle darin gestorben waren? Wenn sie nun ein Haus voller Leichen vor sich hatten? Connor schüttelte sich. Nein, sagte er sich. Mad-Eye tot? Unmöglich. Der Mann war nicht so leicht umzubringen. Selbst für die Lestranges. 

    In diesem Moment gab es einen Knall, der Connor zusammenzucken ließ. Da waren sie. Endlich. Goldene Funken waren aus einem Fenster im zweiten Stock geschossen, klar und deutlich zu sehen, leuchtend im schwarzen Himmel. Den Zauberstab fest umklammernd rannte Connor los, seine Freunde Lee und Megan hinter sich. Mit wenigen Schritten hatte er die Vordertür erreicht und nach einem Schwung seines Zauberstabs schwang sie knirschend nach innen auf. Mit einem letzten tiefen Atemzug wappnete sich Connor auf das, was ihn im Inneren erwarten würde und tauchte dann durch den hölzernen Türrahmen hindurch in das Gebäude.

    Der Hausflur war hoffnungslos zerstört. Trümmer und Balken am Boden erschwerten den Dreien den Weg und im Eingang zum Wohnzimmer lag eine Leiche, die Connor jedoch mit einem Blick auf das reglose Gesicht erleichtert als Jay Donnigham, einen lange gesuchten Todesser, identifizierte. Moody stand im Wohnzimmer direkt vor einem der brennenden Fenster. Quer über eine schmuddelige ölige Couch lag eine weitere Gestalt, alle viere von sich gestreckt. "Rastaban", knurrte Moody mit einem Wink auf den Körper. "Schockzauber. Hat versucht Merdock den Kopf wegzublasen, aber ich hab ihn vorher erwischt." "Was ist mit den anderen?", fragte Connor mit angespannter Stimme. "Oh," sagte Moody und eine gewisse gehässige Freude schwang in seiner Stimme mit. "Connor, Megan, darf ich euch Rodulphus Lestrange vorstellen?" Er trat zur Seite und jetzt konnte Connor hinter der Couch eine weitere Gestalt erkennen, mit einem hasserfüllten Ausdruck auf dem erstarrten Gesicht. Moody hatte ihn bereits mit Seilen aus seinem Zauberstab gefesselt und diese ein wenig fester gezogen, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Megan neben Connor schauderte sichtbar. "Und hier", fuhr Moody fort und trat mit dem Fuß verächtlich gegen eine weitere Gestalt. "Haben wir die bezaubernde Bellatrix." 
    Vorsichtig trat Connor näher heran. Halb hinter dem schmutzigen Sofa und den Resten eines zertrümmerten Stuhles verborgen lag eine Frau mit wirrem schwarzen Haar und tief liegenden Augen. Trotz der schweren Augenlider und der Dunkelheit konnte Connor deutlich den Hass und die Verachtung in ihrem Blick sehen, mit dem sie die Anwesenden bedachte, aber gleichzeitig glaubte er, noch etwas Anderes wahrzunehmen. Connor war sich nicht sicher, ob er es richtig deutete, doch meinte er fast so etwas wie Stolz bei dieser Frau zu sehen, als läge sie nicht gefesselt und gefangen auf dem verschmutzen Boden ihres zerstörten Heims, sondern als säße sie auf einem Thron und würde allein durch ihren bösen Blick, sie alle verdammen und dem Untergang weihen. Unwillkürlich trat er ein Stück vor ihr zurück, den obwohl gefesselt und absolut hilflos, war sich Connor sicher, einer Schlange gegenüber zu stehen, verwundet, ja, geschlagen und besiegt, aber immer noch äußerst gefährlich.
    Moody dagegen schien diese Bedenken nicht zu teilen, denn er stieß sie mit dunklem Lachen an. "Nicht dein Tag heute, was Bella? Du hast schon mal besser ausgesehen." Lee hinter ihm lachte einmal kurz auf, doch es klang eher ängstlich als belustigt. Diese Frau hatte noch immer Macht über sie und Connor würde erst dann diesen Sieg feiern, wenn die Lestranges sicher und gut verwahrt hinter den Gittern Askabans saßen. Er und Megan tauschten einen Blick und Connor war sich sicher, dass sie Dasselbe dachte. 
    Hinter ihnen öffnete sich eine Tür. Ein Teil der Auroren hatte das Haus über die Hintertür betreten und gesellte sich jetzt zu den anderen in das zerstörte Wohnzimmer. Ihr Leiter, Todd Jenkins, blickte sich misstrauisch um. "Wo sind Merdock und Pelt?", fragte er an Moody gewandt. "Durchsuchen den Rest des Hauses", sagte Moody. "Erdgeschoss und die ersten beiden Stockwerke sind gesichert. Den dritten Stock haben sie versperrt. Vermutlich müssen die Jungs von der Fluchabteilung da ran, sobald wir das Ungeziefer entsorgt haben." Jenkins nickte. "Schätze, sie benutzen den dritten Stock als Lagerraum", vermutete er. "Was auch immer sie verstecken, in ein paar Stunden haben wir es."

    In diesem Augenblick ertönte der Schrei. Ein langer, anhaltender, schriller Schrei, der aus einem der oberen Stockwerke drang und den Connor, solange er lebte, niemals vergessen sollte, denn er fuhr ihm in die Knochen und Eingeweide, ließ seinen ganzen Körper von innen heraus gefrieren. Moody reagierte schnell. "Todd, ihr bewacht die Gefangenen, Crickett, Mayer, Thompson, mitkommen!" Connor tat, wie ihm geheißen. Moody hechtete aus dem Zimmer und eine Treppe hinauf, während der Schrei noch immer anhielt. Connor war sich nicht einmal sicher, ob er von einem Mann oder einer Frau stammte. Er sprintete Moody hinterher, den leuchtenden Zauberstab drohend vor sich ausgestreckt, die Nerven angespannt.
    Außer Atem erreichten sie den versperrten dritten Stock. Zumindest war er vor einer halben Stunde noch versperrt gewesen. Jetzt war der Durchgang offen, die Tür hatte es aus den Angeln gehoben. Offenbar war es Merdock und seinen Kollegen gelungen, die Barriere auch ohne die Hilfe der Fluchabteilung zu durchbrechen. Sie standen zu siebt hinter dem Eingang und versperrten Connor, Moody und den beiden anderen die Sicht. "Zur Seite", fauchte Moody über den noch immer anhaltenden Schrei hinweg und versetzte den Auroren einen Stoß, der sie aus dem Weg taumeln ließ. Connor betrat nach ihm den Raum und blickte im Licht der leuchtenden Zauberstäbe in die Finsternis dahinter. "Oh, mein Gott!", entfuhr es ihm.

    Der dritte Stock bestand aus einem einzigen großen Raum. Die Fenster waren mit schweren Vorhängen verhangen oder mit Zeitungen verklebt, so dass ein Blick nach draußen unmöglich war. An den Wänden standen einige zugestopfte Regale, mit Gläsern, Pergamenten und zerfledderten Büchern und ganz hinten im Halbdunkel, gerade noch im Lichtschein der Zauberstäbe, lag eine alte hoffnungslos verdreckte Matratze. Doch das war es nicht, was die Hexen und Zauberer stumm am Eingang erstarren ließ, mit einem Ausdruck des Grauens auf dem Gesicht, der Ungläubigkeit, ja, der Angst. Es waren die Leichen. Drei Tote, mit verdrehten Gliedmaßen und im Sterben schrecklich verzerrten Gesichtern, lagen im Halbkreis auf dem Boden. Einer hielt noch den Zauberstab umklammert, als hatte er versucht sich zu verteidigen, sein Ende hinauszuzögern und war doch unweigerlich gefallen. Alle hatten die Gesichter der Mitte des Raumes zugewandt, dem Ort, von dem aus sie ihr Schicksal ereilt hatte, der Ort, von dem aus dieser schreckliche, ohrenbetäubende Schrei bis in die unteren Stockwerke hinunter drang. 
    In diesem Zentrum saß ein Kind, ein kleines Mädchen. Sie konnte nicht älter als vier oder fünf Jahre alt sein. Sie kniete auf dem schmutzigen Boden, das lange, ehemals blonde Haar, hing ihr in Strähnen ins Gesicht, das mit der spitzen Nase und dem nackten Wahnsinn in den Augen, Connor sofort an Bellatrix erinnerte, die unten verschnürt im Wohnzimmer lag. Sie hatte einen Arm drohend den Männern an der Tür entgegengestreckt und in der Hand hielt sie einen dicken, knorrigen Zauberstab, der in unheimlichen Violett zu leuchten schien. Ihr Mund war weit aufgerissen und sie schrie. Schrie aus vollem Hals, ohne Luft zu holen.

    Wie versteinert blickten Connor und die anderen auf das kleine Mädchen herab, unfähig sich zu rühren, zu schockiert von diesem Anblick und – wie Connor später erfahren sollte – zum Stillstand gezwungen durch Magie, die pure Macht in der Stimme dieser Fünfjährigen. Vermutlich wären sie noch ewig dort gestanden, doch es war Moody, der den Bann brach. Als die Stimme des Mädchens erstarb und sie Luft holte für den nächsten Schrei, zückte er den Zauberstab und richtete ihn in den Raum. "Stupor!", schrie er und die Kleine kippte stumm vorneüber, der Stab glitt ihr aus der Hand, rollte über den Boden und blieb direkt vor Connor liegen. Merdock schüttelte sich, als hätte er Wasser in den Ohren und blickte dann verwirrt in die Runde der Hexen und Zauberer. "Was zum Teufel, war das denn gerade?", fragte er.



    Die Leichen waren fortgeschafft worden, ebenso wie die Gefangenen. Eine Staffel Dementoren hatte den Abtransport der Lestranges nach Askaban überwacht und geblieben war nur noch das bekannte Gefühl der Leere und des Unglücks, dass sie hinterließen. Die Bergungseinheit hatte das Haus übernommen und die Leute vom Muggelschutz zogen die letzten Illusionszauber auf. 
    Die Diskussion über die Ereignisse hatte jedoch gerade erst begonnen. Fudge und Dumbledore hatte man je eine Eule zukommen lassen, um sie über diese neusten Entwicklungen zu informieren und die Frage, was nun geschehen sollte, stand noch immer unbeantwortet im Raum. Auch die Identität des Mädchens war noch nicht bestätigt worden, obwohl keiner Zweifel hatte, um wen es sich hier handelte. Die Ähnlichkeit war unverkennbar. Die Nase und der Mund der Mutter und das hellblonde Haar ihres Vaters – dieses Mädchen war ohne Zweifel die Tochter von Bellatrix und Rodolphus. Obwohl niemand etwas von einem Kind gewusst hatte. Und auch niemand schien zu wissen, was nun geschehen sollte.

    "Dieses Mädchen hat drei Menschen umgebracht!", schnaubte Jenkins wütend. "Natürlich sollte man diese Brut nach Askaban schicken zu ihren niederträchtigen Eltern. Kind hin oder her – dieses Geschöpf ist bösartig!"
    "Wir wissen doch noch gar nicht, ob sie diese Menschen getötet hat!", warf Merdock ein. "Wie sollte sie das auch getan haben können. Himmel, noch mal, das Kind ist vielleicht erst vier Jahre alt! Wie soll sie denn da einen Zauberstab benutzen, geschweige denn einen Todesfluch abfeuern können! Das ist schlichtweg nicht möglich!"
    "Habt ihr es nicht gespürt?", versuchte Lee es vorsichtig. "Diese Kraft? Sie hat den ganzen Raum ausgefüllt. Keiner konnte ihr widerstehen. Und sie kam von dem Mädchen, da bin ich mir sicher."
    "Ich habe es auch gespürt", sagte Megan. "Es war gruselig. Sie hatte uns alle in der Hand. Wenn Mad-Eye nicht so schnell reagiert hätte... ich will gar nicht daran denken." Sie schlang die Arme um den Körper. "So eine Kraft... so etwas habe ich noch nie gespürt. Das dürfte es eigentlich gar nicht geben."
    "Da bin ich mir sicher!", sagte Jenkins verächtlich. "Wer weiß schon, was die Eltern mit diesem Kind angestellt haben, damit es solche Dinge tun kann? Diesen Lestranges traue ich alle Perversionen zu! Dieses... dieses Ding ist eine Gefahr für uns alle, ich sage, sperren wir es weg und wir haben eine Sorge weniger."
    "Wir können doch kein unschuldiges Kind in Askaban einsperren!", rief Merdock schockiert aus.
    "Unschuldig?", höhnte Jenkins. "Dieses 'unschuldige' Kind hat drei Menschenleben auf dem Gewissen!"
    "Das weißt du nicht!", sagte Merdock zusehends verärgert. "Warst du dabei? Hast du etwa gesehen, wie sie es getan hat? Ist mir vielleicht was entgangen?"
    "Dir ist entgangen, dass ich den Zauberstab der Göre überprüft habe."
    "Und?"
    "Ich habe diesen Zauberstab mit dem Prior Incantato - Zauber geprüft!", blaffte Jenkins. "Und der letzte Fluch, der diesen Stab verlassen hat, war ein Todesfluch. Dieses Mädchen hatte den Zauberstab in der Hand, die Tatwaffe, wenn du so willst, und sie war das einzige lebende Wesen in diesem Raum, der mir einem so mächtigen Zauber gesichert war, dass niemand hinein oder hinaus konnte! Wir mussten alle sieben gemeinsam den Gegenfluch sprechen, um diese Barriere aufzuheben. Das sind Fakten, Merdock. Fakten! Und wenn man diese Fakten nun auf die Frage hin untersucht, wer diese Menschen getötet hat, dann drängt sich mir doch die Frage auf: Wenn es das Mädchen nicht war, wer denn dann?"
    Stille trat ein und alle blickten sich betreten an. In einem hatte Jenkins Recht: Die Fakten waren tatsächlich erschlagend. Es gab keine andere logische Erklärung. Dieses Mädchen, dieses kleine fünfjährige Mädchen, hatte drei erwachsene Männer mit einem Todesfluch getötet. Connor lief es eiskalt dem Rücken herunter. 

    Die Entscheidung fiel vier Stunden später und sie machte Todd Jenkins fuchsteufelswild. "Eine Adoptivfamilie? Unter Aufsicht und Überprüfung des Ministeriums? Sind die denn wahnsinnig? Die Göre ist krank! Weggesperrt, ist das Mindeste, was sie tun können!"
    "Ich hab gehört, Dumbledore hat sich für das Mädchen eingesetzt", sagte Connor.
    "Pah, Dumbledore", schimpfte Jenkins. "Dieses Weltverbesserungsgerede und Geschwätz von einer zweiten Chance, das bringt mich noch um! Dieses Kind ist durch und durch böse und eine Gefahr für die Menschheit! Wie kann ich denn noch guten Gewissens auf die Straße treten, wenn ich weiß, dass dieses Geschöpf frei herum läuft! Ist der Mann denn verrückt geworden?"
    "Vielleicht müssen wir Dumbledore einfach vertrauen", sagte Connor vorsichtig. 
    "Dumbledore ist nicht unfehlbar!", erwiderte Jenkins. "Dieses Kind wird uns noch sehr viel Unglück bereiten und ich verspreche euch, der Tag wird kommen, an dem ihr euch wünschen werdet, ihr hättet auf mich gehört und diese Teufelsbrut noch heute unschädlich gemacht." Mit diesen bitteren Worten wandte Jenkins sich um und stiefelte wutentbrannt in die Nacht. Augenblicke später hörte Connor den Knall, als er disapparierte. Auch die anderen zerstreuten sich, machten sich auf den Heimweg. Connor sammelte seine Sachen ein und zog den Umhang fester um die Schultern. Er hatte stets großes Vertrauen in Dumbledores Urteil gehabt und dem Mann immer vertraut. Doch zum ersten Mal in seinem Leben fragte sich Connor, ob Jenkins nicht Recht hatte und Dumbledore dieses eine Mal, die falsche Entscheidung getroffen hatte.

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    Lianna de la Cara war kein gewöhnliches Mädchen. 

    Im Grunde genommen war sie das so ziemlich außergewöhnlichste Geschöpf, dass es gab, selbst für magische Verhältnisse, auch wenn kaum jemand, darum wusste. Lediglich eine Hand voll Hexen und Zauberer im Ministerium kannten Lias Geschichte und diese waren zu strengster Geheimhaltung verpflichtet worden. Hauptsächlich waren es Auroren, diejenigen,  die an jenem Abend Zeugen der Grausamkeiten geworden waren, die sich im Versteck der Lestranges abgespielt hatten und ein Großteil von Ihnen war bereits verstorben, die Meisten im Kampf gegen die letzten Todesser, einige sogar von eben jenen Todessern in ihren eigenen Häusern ermordet. Ja, nur wenige Menschen kannten die Wahrheit des kleinen Mädchens, dass mit ihrer Familie weit oben im Norden Englands lebte, in einem kleinen grauen Haus, dass fast so unscheinbar war, wie seine Bewohner. Dort kannte niemand die Familie genauer, denn das Haus lag abgelegen und die Leute in dem nahegelegenen Ort waren mit einem fast schon krankhaften Fehlen an Neugier gesegnet, einem gewissen Desinteresse, dass sich von ihren engsten Freunden und der Familie bis hin zu völlig Fremden erstreckte. Die de la Caras hätten keinen besseren Ort zum Leben finden können. Hier wusste niemand von Lias Kraft, von ihren Taten oder ihrem Stammbaum, und wenn doch, so interessierte es niemanden, denn jeder an diesem Ort blieb für sich. Tatsächlich wussten die meisten Menschen nicht einmal von Lias Existenz, in dem kleinen Haus. 
    Dennoch unterschied sich Lia von anderen Kind ihres Alters, und zumindest ihre Familie trug Sorge dafür, dass Lia diesen Umstand keine Sekunde ihres Lebens vergaß.

    Von außen sah man ihr diese Tatsache nicht an. Fremde Leute, die Lia nicht kannten, würden lediglich ein blasses elfjähriges Mädchen vor sich sehen. Sie würden vielleicht bemerken, dass sie schweigsam war, dass sie den Kopf stets gesenkt hielt, schüchtern war, fast schon ein wenig scheu. Dass sie auf Fragen mit leiser Stimme höflich Antwort gab, ansonsten aber schwieg. Manche würde vielleicht bemerken, dass sie schreckhaft war, bei plötzlichen Geräuschen fast unmerklich zusammenzuckte oder dass sie die Angewohnheit hatte, die Arme in einer schützenden Pose um ihren Körper zu schlingen und den Allerwenigsten, die sich die Mühe machten, ihr in die Augen zu sehen, fiel bisweilen ihr gehetzter Blick auf, die Angst darin, die sie so sorgsam vor der Welt verbarg.
    In den meisten Fällen jedoch blieb Lianna de la Cara für ihr Umfeld unsichtbar. Zwar war sie da, sichtbar für alle, irgendwo am Rande des Geschehens, doch fiel sie den Menschen einfach nicht auf.

    Obwohl ihrer Familie die seltsamen Umstände bekannt waren, die sie mit Lia zusammengeführt hatten, war sich Gordon, Lias Vater doch manchmal nicht sicher, ob das Mädchen tatsächlich magische Kräfte hatte, denn in den ganzen sieben Jahren, die Lia nun schon bei den de la Caras lebte, gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass sie im Besitz irgendwelcher Zauberkräfte sein könnte. Gordon hatte alles probiert, er hatte einen Privatlehrer organisiert, der in verschiedenen Übungen versuchte dem Mädchen, den Zugang zur Magie zu ebnen, er hatte versucht, sie selbst zu motivieren, ihre magischen Fähigkeiten zu nutzen, er war sogar in einem Anflug der Verzweiflung mit ihr ins Krankenhaus gefahren und hatte sie dort gründlich von einem Experten untersuchen lassen, um herauszufinden, was mit dem Mädchen nicht stimmte - alles jedoch ohne Erfolg. Wenn Gordon es nicht besser gewusst hätte, hätte er gedacht, einen Squib aufzuziehen und je weiter die Jahre fortschritten, ohne dass es auch nur das kleinste Anzeichen der Magie bei Lia gab, desto öfter begann Gordon an den Ereignissen in jener Nacht zu zweifeln, die das Ministerium ihm damals mitgeteilt hatte, als er die damals sechsjährige Lianna bei sich aufnahm. 

    Insofern war Gordon sehr erleichtert, als eines Morgens im August eine Eule auf dem Fensterbrett landete und ihm einen Brief der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei für die Schülerin Lianna de la Cara aushändigte, den er mit stolzgeschwellter Brust und einem tiefen und langen Seufzer entgegen nahm. Vielleicht, so hoffte er, würde es alles anders werden, wenn Lia auf die Schule ging, wenn sie mit anderen Kindern in ihrem Alter zusammen war. Gordon hatte einen Sohn Gedref, der die Hogwarts-Schule bereits seit zwei Jahren besuchte, ein vorbildlicher Junge, mit einem Hang zu guten Leistungen, und Gordon war froh, sich lediglich um ein Kind sorgen zu müssen. Immerhin, mit der Aufnahme in Hogwarts war der erste Schritt in die richtige Richtung getan.

    Seinen Stolz konnte er auch nicht zurückhalten, als er seinem Kollegen Crickett in der Winkelgasse begegnete, der – seine Familie im Schlepptau – ebenfalls die Besorgungen für die Schule erledigte. „Wir waren schon fast am Verzweifeln“, gestand Gordon und strich Lia liebevoll durchs Haar. „Aber jetzt ist es offiziell: Unsere Lia ist eine kleine Hexe!“ Lia, die zu Boden geblickt hatte, sah auf und lächelte kurz bestätigend. 
    „Da freust du dich sicher“, versuchte Cricketts Frau, als die Stille unangenehm wurde, das schüchterne Mädchen in das Gespräch mit einzubeziehen. Zwei Sekunden lang blickte Lia sie verständnislos an, dann, nach einem sanften Stups ihres Vaters, nickte sie folgsam und sagte mit leiser Stimme: 
    „Ja, ich freue mich sehr.“ Crickett warf Gordon einen fragenden Blick zu, doch dieser winkte lächelnd ab. „Unsere Lia ist ein wenig langsam“, sagte er. 
    „Sie hat schon viel erlebt in ihrem jungen Leben, aber das hat sie zu einem starken kleinen Mädchen gemacht, nicht wahr mein Schatz?“ 
    „Ja, Dad“, antwortete sie gehorsam. 
    „Weißt du was, meine Süße?“, schlug Gordon vor. „Was hältst du von einem Eisbecher, um diesen wundervollen Tag zu feiern, hm? Gedref“, wandte er sich an seinen Sohn. „Nimm deine Schwester mit und kauft euch ein Eis.“ 
    „Jaa, cool, Dad!“ Gedref griff begeistert nach Lias Hand und zog hinter sich her durch die Menge davon. Gordon atmete seufzend aus. 
    „Zugegebenermaßen, es war nicht immer einfach mit ihr“, gestand er Crickett. 
    „Das glaube ich dir aufs Wort“, antwortete er und blickte dem Mädchen misstrauisch hinterher. Während des ganzen Gesprächs über hatte er seine eigene Tochter fest an der Hand gehalten und erst als Lia im Gedränge verschwunden war, ließ er das Kind los.

    „Übertreibst du nicht ein wenig“, fragte Gordon lachend mit einer Kopfbewegung zu Cricketts Tochter. „Lia ist ein wenig speziell, aber bisher hat sie noch niemanden aufgefressen.“ Crickett schüttelte den Kopf.
    „Du warst nicht dabei“, sagte er grimmig. „Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe, ich traue diesem Mädchen nicht weiter als ich spucken kann und das ist nicht besonders weit.“ Seine Frau v ersetzte ihm einen verärgerten Knuff.
    „Sei nicht unhöflich, Connor“, sagte sie. „Das Kind kann nichts dafür, das ihre Eltern Wahnsinnige waren! Genausowenig wie deine Tochter etwas dafür kann, dass ihr Vater ganz offensichtlich paranoid ist!“ Crickett schwieg, doch das Misstrauen in seinem Blick blieb und er legte erneut die Hand auf die Schulter seiner Tochter.

    „Ihr Elternhaus ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen“, lenkte Gordon ein. „Sie war anfangs schrecklich verstört, wollte weder essen noch sprechen, noch nicht einmal anfassen hat sie sich lassen. Aber sie hat seit damals riesige Fortschritte gemacht. Ich bin mir sicher, ganz gleich, in welches Haus sie aufgenommen wird, sie wird ihm Ehre bereiten.“
    „Gut gesprochen“, sagte Cricketts Frau, doch Cricketts Gesichtsausdruck sprach Bände. Die Worte 'Ganz egal welches Haus, Hauptsache nicht dasselbe wie meine Tochter', waren deutlich in seiner Mimik zu lesen.
    „Da seid ihr ja wieder“, rief Gordon fröhlich aus, als seine beiden Kinder wieder aus der Menge auftauchten und das unangenehme Gespräch so beendeten. Cricketts Hand auf der Schulter seiner Tochter versteifte sich.
    „ich denke, wir müssen und jetzt verabschieden“, sagte Gordon und schob die Kinder beiseite um einem Zauberer mit einem riesigen Käfig Platz zu machen, der sich seine Weg durch die Gasse bahnte. „Wir blockieren hier schon lange genug die ganze Straße und der Fahrende Ritter wartet nicht ewig.“ 
    „Ja, wir müssen auch noch Einiges erledigen“, sagte Crickett. „War nett dich getroffen zu haben, la Carrra.“
    „Man sieht sich am Bahnhof“, fügte Cricketts Frau hinzu. 
    „Macht's gut“, rief Gordon den beiden nach.

    „Ein netter Mann, dein Freund“, sagte Kimbra Crickett, während sie ihrem Mann zu Madame Malkins folgte. „Es ist wirklich sehr selbstlos von ihm, das kleine Mädchen aufzunehmen, obwohl von ihrer Vergangenheit weiß.“
    „Selbstlos... dumm... lebensmüde“, brummte Connor. „Wer weiß schon, was den armen Mann geritten hat, als er das Mädchen aufgenommen hat.“
    „Sei nicht so ungerecht“, fauchte Kimbra. „Der Mann hat eine gute Tat vollbracht. Schon allein dafür hat er deinen Respekt verdient. Und er ist auch gut zu dem Mädchen. Hast du nicht gesehen, wie liebevoll er mit ihr umgeht?“
    „Ja, das habe ich“, knurrte Connor. „Und wenn ich sie dabei sehe, wie sie tausend Waisenkinder vor Du-weißt-schon-wem rettet, ich würde diesem Kind dennoch nicht trauen. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr, auch heute nicht.“
    „Du siehst Gespenster“, sagte Kimbra.
    „Das ist mir egal“, sagte Connor. „Harper“, wandte er sich an seine Tochter. „Ich will, dass du Daddy versprichst, dass du dich von diesem Kind fernhältst.“ 
    „Wieso denn?“ Harper blickte ihn neugierig an. 
    „Tu einfach, was Daddy sagt“, erwiderte Connor. „Versprich mir, dass du dich von dem la Cara Mädchen fernhältst.“Harper zog die Nase kraus. 
    „In Ordnung“, seufzte sie. „Aber du bist komisch Daddy.“
    „Nein“, sagte Connor. „Daddy ist nur vorsichtig.“ Hinter seinem Rücken verdrehte Kimbra die Augen.



    Der Busfahrer des Fahrenden Ritters winkte ihnen lachend zu und Gordon winkte fröhlich zurück. Erst als der Bus mit einem Knall verschwand, drehte er sich zu seinen Kindern um. Obwohl sie mit dem Schlag gerechnet hatte, traf er Lia mit voller Wucht ins Gesicht und riss sie von den Beinen. Sie knallte auf den harten Boden und verfehlte das alte Verkehrsschild am Straßenrand nur um wenige Zentimeter.
    „Wie kannst du es wagen!“, schnaubte Gordon und hob erneut die Hand. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dich normal verhalten sollst? Wie oft? Habe ich dir nicht oft genug eingeprügelt, wie man sich in der Öffentlichkeit verhält? Was würde deine Mutter dazu sagen, wenn sie dich so sehen könnte!“
    Stumme Tränen rannen aus Lias Augen, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Zu oft hatte sie erfahren, was ihr ihre Schmerzensschreie einbringen konnten. Gedref lugte grinsend hinter dem Rücken seines Vater hervor. Er genoss die Show.
    „Wenn du nach Hogwarts gehst, musst du lernen dich wie jeder andere Mensch zu benehmen! Der Tag wird kommen, an dem der Dunkle Lord zurückkehrt und wenn es soweit ist, dann wirst du bereit sein! Du kannst es dir nicht leisten  schon vorher die Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen, nur weil du nicht in der Lage bist dich zu benehmen! Hast du  mich verstanden, Lia? Hast du das?“ Lia, noch immer auf dem Boden nickte heftig. Ihre Wange brannte wie Feuer und sie sah auf einem Auge alles verschwommen. 
    „Gut“, sagte Gordon freundlich, zog sie auf die Beine und klopfte ihr den Staub von der Jacke, als sei nichts geschehen. „Es freut mich, dass du mich verstanden hast. Und jetzt geh auf dein Zimmer und packe deinen Koffer. Wir wollen doch, dass du gut auf deinen ersten Schultag vorbereitet bist, nicht wahr, mein Schatz?“ Lia nickte erneut.
    „Ja, Dad“, sagte sie leise. Gordon kniff ihr liebevoll in die Wange.
    „Das ist mein Mädchen“, sagte er stolz.

    3
    Die Finger ihres Vaters pressten sich wie ein Schraubstock um ihr Handgelenk, als Lia de la Cara ihm durch die Absperrung am Gleis Neundreiviertel folgte. Sie hinterließen rote Male in ihrer hellen Haut, ein sichtbarer Beweis für die Macht, die er in ihrem Leben genoss. 
    Lia war nicht zum ersten Mal hier. Bereits zwei Jahre zuvor war sie hier gewesen, hatte ihren Bruder Gedref begleitet, als er zum ersten Mal die Reise nach Hogwarts angetreten hatte. Damals war sie von einem seltenen Glücksgefühl erfüllt gewesen: Der Lärm, die Tiere, die vielen bunten Umhänge und Koffer, der Geruch von Katzenminze und vor allen Dingen der Gedanke, Gedref bis zu den Weihnachtsferien nicht wieder sehen zu müssen. Frei zu sein von zumindest einem ihrer lebenden Alpträume. Doch diese Hoffnung durch Gedrefs Abreise ein wenig Ruhe zu finden, hatte sich sehr schnell als Trugschluss erwiesen. Es war sogar noch schlimmer als vorher: Jetzt konzentrierten sich die gesammelten Energien ihres Vater ganz allein auf sie und jeder Fehler, jeder Fehltritt von ihr wurde hart bestraft. Als Gedref dann im Dezember nach Hause zurückkehrte, war Lia regelrecht froh gewesen ihn wiederzusehen und hatte jede seiner Gesten der Ablehnung dankbar aufgenommen.

    Jetzt, wo sie selbst nach Hogwarts fahren sollte, etwas, dass ihr immer wie eine ferne Hoffnung von Freiheit erschienen war, wurde ihr bewusst, dass auch die Schule keine Veränderung für ihr Leben bedeuten würde. Fuhr sie in die Schule war Gedref stets in ihrer Nähe, blieb sie zu Hause, war sie ihrem Vater ausgesetzt. Ihre Familie blieb an ihr haften, wie ein dunkler Schatten, wohin auch immer sie ging. Es würde sich nie etwas ändern. Doch Lia empfand keine Traurigkeit deswegen. Schon lange nicht mehr. Nur ein leichtes Bedauern.

    Am Abend hatte sich ihr Vater mit ihr über die Häuserauswahl unterhalten. 
    „Deine Eltern waren im Haus Slytherin und haben ihm große Ehre gemacht. Ich selbst war dort, bin in meinem fünften Jahr zum Vertrauensschüler ernannt worden. Ich bin mir sicher, du wirst uns allen ebensolche Ehre erweisen.“ Er kniff ihr in die Wange. 
    „Wenn nicht, weißt du ja, was dir blüht.“ Das wusste Lia allerdings und sie hatte nicht vor es aufs Neue herauszufinden.
    „Wenigstens um die Gryffindors müssen wir uns keine Sorgen machen“, wandte sich Gordon wieder seinem Abendessen zu. „Ich habe selten etwas so Feiges wie dieses Kind erlebt. Und eine Ravenclaw wird wohl auch schwerlich aus ihr werden. Hufflepuff sehe allerdings ich als eine Gefahr.“ Gedref, viel zu beschäftigt mit seinem Essen, reagierte nicht einmal, das einzig Gute an diesem Abend. Auch Lia blickte auf ihren Teller.
    „Du wirst ein Auge auf sie haben, Gedref“, befahl Gordon und deutete mit der Gabel auf seinen Sohn. „Unsere kleine Lia ist noch nicht soweit, um auf eigenen Beinen zu stehen und ich will jemanden in ihrer Nähe haben, dem ich vertrauen kann und der mich auf dem Laufenden hält.“ Gedref nickte abwesend und Gordon tat sich zufrieden einen Nachschlag auf. 
    „Damit wäre zumindest eines meiner Probleme geklärt“, brummte er.

    Ihre Mutter hatte etwas Ähnliches gesagt. Während Lia Gordon zum Zug folgte, sich einen Weg durch die fröhliche lärmende Menge besorgter Eltern und fröhlicher Kinder bahnte, erinnerte sie sich an das letzte Mal zurück, als sie ihre eigene Mutter gesehen hatte. Gordon hatte nach vielen Gesprächen und Verhandlungen mit dem Ministerium durchgesetzt, dass Lia ein Besuchsrecht bei ihrer Mutter eingeräumt wurde, ein Besuchsrecht, dass es ihr gestattete, ihre Mutter zweimal im Jahr zu sehen. Dieses Besuchsrecht war das einzig Gute, dass Gordon jemals für Lia getan hatte, auch wenn er sich dessen wohl kaum bewusst war, den ansonsten hätte Lia die Besuche in Askaban wohl sehr schnell abschreiben können.
    Es war vielleicht seltsam, dass die Momente an diesem schrecklichen Ort für Lia die Schönsten ihres Lebens waren. Auch wenn sie den Ort selbst und die Wächter fürchtete, so war sie doch mehr als bereit dies in Kauf zu nehmen, für einige wenige Momente an der einsamen kalten Zelle ihrer Mutter. Das Ministerium hatte ihr bis heute nicht gestattet, die Zelle zu betreten und so musste Lia vor den Gitterstäben stehen, ihr Gesicht gegen das kalte Metall pressen unter der Aufsicht eines unwilligen Ministeriumsangestellten, der jedes Wort, dass sie sprach, jede Regung in ihrem  Gesicht, jede Geste ihrer Hände, aufmerksam und detailliert zu Protokoll nahm.
    „Ich weiß, du wirst mich stolz machen“, hatte ihre Mutter durch den Vorhang ihres wirren schwarzen Haars gewispert und ihr dabei übe die Wange gestrichen. „Du bist die Erbin der Lestranges aus der Linie der Blacks, eine der reinblütigsten Familien überhaupt. Du trägst einen Namen der Macht, einen Namen der nur voller Respekt ausgesprochen wird, einen Namen, den deine Mitmenschen fürchten werden.“
    „Was ist, wenn ich nicht gefürchtet werden will?“, fragte Lia leise. Sanft strich ihr ihre Mutter über das Haar. 
    „Gefürchtet zu werden ist ein gutes Gefühl, Lia“, sagte sie. „Wenn du gefürchtet wirst, dann kannst du alles bekommen, was du nur willst.“
    „Ich habe Angst“, flüsterte Lia.
    „Angst ist Schwäche!“, wisperte ihr ihre Mutter zu. „Angst ist etwas für die Muggel, die Schlammblüter, die Verräter, Angst ist nichts für eine Black.“ Sie hob Lias Kinn und zwang sie so, ihr in die Augen zu sehen. Folgsam hob Lia den Blick und richtete ihn auf die ernsten dunklen Augen vor ihr.
    „Du hast keinen Grund dich zu fürchten“, sagte ihre Mutter. „Du bist Lianna Lestrange, meine Tochter und der Tag wird kommen, an dem die anderen vor dir kriechen werden. Und du wirst über ihnen thronen, wie eine Königin und alle werden zu dir aufblicken. Solange du nicht vergisst, wer du bist, musst du dich vor niemandem fürchten.“Und Lia, getröstet von ihren Worten nickte.
    „Ich werde es nicht vergessen“, versprach sie.

    Obwohl Lia ihr Versprechen von ganzem Herzen gegeben hatte, erschien es ihr jedoch in Anbetracht des festen Griffs ihres Vaters an ihrem Handgelenk ein wenig schwach. Der Griff wog stärker, er symbolisierte ihr deutlich die Worte „Du bist mein“ und das Versprechen, dass sie ihrer Mutter gegeben hatte, verblasste dagegen.

    Gordon blieb vor einer der Zugtüren stehen und reichte ihr den Koffer. Lias Hand schloss sich um den Griff, der noch die Wärme von Gordons Hand trug. Ihr war, als hätte sie sich verbrannt. Gordon ließ sie los. 
    „Versuch nicht aufzufallen“, sagte er zu ihr. „Schweig und lerne. Hör auf das, was dein Bruder dir sagt. Und antworte mir einmal in der Woche auf meine Briefe. Solltest du das nicht tun, bist du schneller wieder zu Hause als du Dumbledore sagen kannst. Hast du mich verstanden?“ Lia nickte gehorsam. Unauffällig zu sein, war etwas, das sie beherrschte. 
    „Halt dich von den Gryffindors fern“, befahl Gordon. „Nichts Gutes ist jemals aus diesem Haus hervorgegangen, also halt Abstand von diesen Leuten. Halt dich einfach an Gedref.“

    Das Zugsignal ertönte. Es war ein Laut der Erlösung. Gordon gab Lia noch einen Stups und sie zog ihren Koffer hinter sich her in das Innere des Zuges. Während die Türen sich schlossen, konnte sie ihn draußen vor dem Fenster stehen sehen. Sein grimmiges Gesicht war trotz der beschlagenen Scheibe gut zu erkennen. 

    Ein Rattern lief durch den Zug. Dann ein Rütteln. Langsam setzte sich der schwere Tross in Bewegung und fuhr den Bahnsteig entlang. Während die anderen Kinder durch den Gang liefen, sich schreiend an den Fenstern drängelten und manche lachend, manche weinend ihren Eltern winkten, stand Lia stumm wie eine Statue da und hielt den Blick fest auf Gordon gerichtet, der ganz langsam immer kleiner und kleiner wurde. Der Zug gewann an Fahrt. Gordons Gestalt war schließlich kaum noch zu erkennen, ein dunkler, verschwommener Schemen in der bunten Menge des Bahnsteigs. Dann fuhr der Zug um eine Kurve und mit einem Schwanken und einem Zischen verschwand der Bahnsteig endlich außer Sicht.

    Lia schloss die Augen. Tief und langsam atmete sie ein. Hinter dem Dunkel ihrer Lider begann sie langsam bis zehn zu zählen. Eins. Zwei... Bei zehn öffnete sie die Augen. Der Hogwarts-Express fuhr ratternd über die Schienen, vor dem Fenster zogen grüne Wiesen dahin. Im Hintergrund rannte eine Gruppe Schüler durch den Gang und aus einem Abteil neben ihr drang ein Kichern. Eine Katze miaute laut aus der Gepäckablage und ein frischer Geruch von Karamel zog für einen Moment durch die Luft. Als ein Vogel von einem fernen Feld aufflog, kam Bewegung in Lia. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren erlaubte sich Lia den winzigen, und schwachen Anflug eines Lächelns.

    Die ersten Abteile waren alle belegt. Erst gegen Ende fand Lia eines, das fast ganz leer war. Als sie die Tür aufschob, blickte ein braunhaariges Mädchen von einem Buch in ihrem Schoß hoch. Lia erkannte sie von der Winkelgasse. Sie räusperte sich leise und setzte dann vorsichtig an zu fragen: 
    „Darf ich mich hierher setzten?“ Das Mädchen betrachtete sie skeptisch. Sie schien sich zu winden. 
    „Mein Dad...“, begann sie. „Er sagt, ich darf nicht mit dir reden.“ 

    Lia begriff. 
    „Oh“, sagte sie. Die Enttäuschung wog schwer. Lia schluckte. Ihr Ruf war ihr voraus geeilt. Der Vater dieses Mädchens fürchtete sie. Ganz offensichtlich sogar, doch es brachte ihr keine Macht ein, wie ihre Mutter behauptet hatte.  Da waren nichts als Schmerz und bittere Enttäuschung. Lia nahm ihren Koffer und wandte sich wieder dem Gang zu.  Sie wünschte sich nur noch weg. Weit fort von hier. Auch dem Mädchen war die Situation unangenehm. 
    „Tut mir Leid“, sagte sie, doch Lia zuckte nur mit den Schultern. Sollte sie doch denken was sie wollte, es war ihr egal. Als sie den Koffer auf den Gang zerrte, sprang das Mädchen auf: 
    „Warte!“, sagte sie. „Warte, komm zurück!“ Lia blieb stehen. Das Mädchen schubste die Abteiltür auf und trat zu Seite. Als Lia nicht reagierte winkte sie ihr auffordernd zu. 
    „ Dein Vater...“, lenkte Lia ein, doch das Mädchen brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.
    „Mein Vater ist nicht hier!“, sagte sie bestimmt.
    „Außerdem“, fuhr sie fort, als Lia sich noch immer nicht rührte. „Braucht er es ja nicht zu wissen, oder?“ Sie grinste frech und streckte Lia die Hand entgegen.
    „Ich bin Harper. Harper Crickett.“ Zögernd ergriff Lia die angebotene Hand. 
    „Lia Cara“, sagte sie. Während Lia noch unschlüssig war, ob sie Harper nun in das Abteil folgen oder sich lieber einen anderen Platz suchen sollte, nahm diese ihr den Entscheidung wortwörtlich aus der Hand: Sie griff nach Lias Koffer und trug ihn in das Abteil. Sie kletterte auf den Sitz und als Lia ihr endlich durch die Tür gefolgt war, hatte sie den Koffer bereits in die Gepäckablage gehievt. Harper wühlte in ihren Taschen und Lia ließ sich auf die weichen Polster des Sitzes gegenüber von ihr sinken. Nach einigen Sekunden intensiven Wühlens förderte Harper schließlich eine Papiertüte zu Tage und hielt sie Lia grinsend entgegen.
    „Karamelbonbon?“, fragte sie.

    4
    „Erstklässler zu mir! Hier rüber! Erstklässler zu mir!“

    Harper und Lia bahnten sich einen Weg durch die wimmelnden Schülermassen am Bahnhof von Hogsmeade zu dem bärtigen Hünen, der, einer Laterne in der Hand, die Schüler weit überragend mit seiner riesigen Pranke winkte.
    „Erstklässler hier rüber! Nicht drängeln, Kinder! Erstklässler zu mir!“

    Es war schon dunkel geworden. Die Zugfahrt hatte den ganzen Tag über Wiesen und Felder, an Wäldern und Seen vorbei und über unzählige Brücken geführt. Fast hinter jeder Biegung gab es etwas Neues zu sehen und Harper und Lia hatten ihre Nasen gegen die Fensterscheiben gedrückt, um keines der vielen Wunder hinter der Scheibe zu verpassen.

    Harpers Mund hatte selten still gestanden. Sie plapperte und plapperte und Lia musste nichts weiter tun, als ihr mit gespannten Ohren zu lauschen, wie Harper von ihrer Familie berichtete, ihrem Onkel Millbert aus Schottland, der Flaschengeister sammelte und in der Winkelgasse heimlich Feuerwhiskey verkaufte, ihrem Vater, der als Auror für das Ministerium arbeitete und der ein Schüler des berühmten Mad-Eye gewesen war und ihrer Cousine Ennis, die einen Muggel in Ostafrika geheiratet hatte und jetzt einen verfluchten antiken Sarg in einer ägyptischen Pyramide untersuchte. Oder von ihrem Haus, dass an einem Deich lag und dass ihr Vater mit einem speziellen Zauber belegt hatte, so dass es je nach Wetterlage die Farbe wechselte, von ihrer Hündin, die bald Junge bekommen würde, von denen ihre Mutter ihr ein Foto versprochen hatte, sobald sie auf der Welt waren und natürlich von Hogwarts selbst: Von den Geheimgängen, von denen ihr ihre Eltern berichtet hatte, den Lehrern, der Quidditchmannschaft, den Kreaturen aus dem verbotenen Wald und wie gerne sie einmal eine Meerjungfrau sehen würde: Harper schien zu allem und jedem eine Meinung zu haben und es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, dass Lia ihr lediglich schweigend lauschte, fasziniert von all dem Wunderbaren, dass sie zu hören bekam und froh, nur wenig zum Gespräch beitragen zu müssen. Im Grunde genommen war es ein Glücksfall gewesen, dass sich Lia ausgerechnet mit Harper das Abteil geteilt hatte, denn Harper redete für beide genug und akzeptierte Lias Schweigen ohne sich zu beschweren. 
    Anfangs hatte Harper auch versucht Lia ein paar Fragen zu stellen, hatte sich kurz nach ihren Eltern erkundigt und ihrem Bruder, doch als Lias Antworten immer einsilbiger und leiser wurden, hatte Harper das Reden allein übernommen. Und das war gut so. Mit ihr verging die lange Fahrt fast wie im Fluge und als sie endlich auf dem  Bahnhof anhielten und in den dunklen Abend hinaustraten, konnte Lia es nicht fassen, dass es schon so spät geworden war.

    Während sie dem riesenhaften Mann einen Pfad entlang zu einem Steg folgten, erkannte Lia ein paar weitere Kinder im schwachen Licht der Bootsbeleuchtung: Da war die Tochter der Greengrass, deren Vornamen Lia vergessen hatte, die vor zwei Jahren einmal zum Essen bei ihnen gewesen waren, oder Molly Parker, deren Eltern Arbeitskollegen von Gordon waren und ihn, Gedref und Lia früher manchmal auf ihre Sommerhütte in den Bergen mitgenommen hatten und natürlich Draco Malfoy, ihr Cousin, das Haar ebenso bleich wie ihr eigenes, zu dessen Familie Lia, als sie noch kleiner gewesen war, jedes Mal abgeschoben wurde, wenn Gordon einen wichtigen Termin im Ministerium hatte oder es mit der Arbeit wieder einmal später wurde. Draco hatte Lia seinerseits erkannt und ihr kurz und abwesend zugenickt, dann allerdings schnell wieder das Interesse an ihr verloren. 
    Umso besser ging sich Lia mit Harper an ihrer Seite, ohne die sie sich unter den schnatternden, lebhaften Schülern, die sich alle zu kennen schienen, schnell verloren gefühlt hätte. Als sie alle in die Boote stiegen, saß Harper wie selbstverständlich neben ihr und als dann das riesige Schloss mit seinen leuchtenden Zinnen und Türmen vor dem dunklen Abendhimmel auftauchte, majestätisch auf seinem Felsen thronend, die vielen strahlenden Fenster als einzige Lichtquelle neben den Sternen am Himmel und den Laternen an den Booten, da verstummte sogar Harpers Mund und sie und Lia blickten ehrfürchtig schweigend in die Nacht hinaus.
    Erst lange nachdem sie den See verlassen und einer ungeduldig wirkenden Hexe eine Treppe hinauf zu der weiten Eingangshalle folgten, fand Harper ihre Stimme wieder. 
    „Merlins Bart!“ wisperte sie und schüttelte den Kopf. „Ich dachte, Dad übertreibt ein bisschen, aber das... das ist einfach unglaublich!“
    „Merlins Bart?“, fragte Lia, die den Ausdruck noch nie gehört hatte.
    „Das sagt man so“, erklärte ihr Harper. „Dad sagt, Merlin war der größte Zauberer, der je gelebt hat. Er entschied sich, sein Leben und seine Magie in den Dienst eines Menschenkönigs zu stellen, der selbst keine Zauberkräfte besaß und mit ihm, das größte Königreich aufzubauen, dass die Welt je gesehen hatte, ein Reich, in dem die Muggel und die Zauberer in Frieden nebeneinander lebten.“ Fasziniert lauschte Lia der Geschichte, während sie versuchte mit Harper Schritt zu halten. Die Hexe, die sie jetzt quer durch die Eingangshalle führte, legte ein ziemliches Tempo vor und die Kinder hatten Schwierigkeiten ihr zu folgen.
    „Anfangs hatte Merlin noch gar keinen Bart“, fuhr Harper leise fort. „Doch als der König starb, belegte Merlin sein Grab mit einem Zauber. Es heißt, wenn die Not des Landes am Größten ist, wird sich der König wieder erheben und das Land in eine neue Zeit des Friedens führen zwischen den Zauberern und den Muggeln. Doch in seiner Trauer schwor Merlin, dass er seinen Bart erst wieder schneiden würde, wenn der König wieder an seiner Seite wäre.“ Harper grinste. 
    „Dad sagt, Merlins Bart sei am Schluss so lang gewesen, dass er ihn in einem Koffer neben sich her tragen musste.“ Endlich blieb die Hexe vor einer kleinen Tür stehen und scheuchte die Schüler hinein. Während die anderen sich weiter vorne laut unterhielten, schloss Lia endlich wieder zu Harper auf. 
    „Ist der König je wieder zurückgekehrt?“, fragte Lia. Harper schüttelte die braunen Locken. 
    „Ich glaube nicht. Merlin selbst ist irgendwann auf Nimmerwiedersehen verschwunden und alle sagen, er hätte sich irgendwo zum Sterben zurückgezogen, aber bis heute hat keiner sein Grab gefunden. Ein Freund von meinem Dad ist Forscher, er sagt, dass eine Menge Hexen und Zauberer schon seit Jahren danach suchen, aber bisher hatten sie alle Pech.“ Sie kicherte. 
    „Weißt du, früher wollte ich auch Forscherin werden. Ich hab mal einen ganzen Tag lang unseren Garten von vorne bis hinten umgegraben, aber Merlins Grab hab ich trotzdem nicht gefunden. Aber jetzt... jetzt will ich lieber eine Heilerin werden, so wie Mum.“

    Als die Tür der Kammer mit einem Ruck aufflog, zuckte Lia zusammen. Die Hexe winkte sie wieder nach draußen vor das große Flügelportal, durch dessen Türen das Summen und Lachen tausender Kinderstimmen drang. 
    „Stellt Euch in Zweierreihen auf und folgt mir!“, befahl die Hexe. Lia und Harper rückten zusammen. Sie fanden relativ am Ende der Schlange einen Platz und bildeten mit Molly Parker und einem dunkelhaarigen Jungen das Schlusslicht.

    Das Schlossportal schwang knarrend auf und Lia zog den Kopf ein. Alle Augenpaare im Raum waren auf ihre Gruppe gerichtet, die nun im Gänsemarsch der Hexe mitten hindurch nach vorne folgte. Aus den Augenwinkeln konnte Lia die Haustische erkennen, von denen Gedref ihr berichtet hatte und die Banner an den Wänden, doch sie wagte nicht den Kopf zu drehen. Harper dagegen kannte keine solchen Hemmungen. Staunend und seufzend verrenkte sie sich fast den Hals und stieß Lia immer wieder flüsternd an.:„Sieh nur, die Kerzen! Und da, der Himmel!“

    Die Hexe trat nun vor und  brachte einen Stuhl und einen alten geflickten Hut nach vorne. Als der Hut sich bewegte, ein Riss an der Krempe gleich einem Mund sich öffnete und er mit lauter Stimme ein Lied über die Häuser zu singen begann, da erst begriff Lia, dass es jetzt ernst für sie wurde. Bitterernst. Für sie gab es bei der Häuserauswahl nur eine Option, wollte sie die Weihnachtsferien möglichst unbeschadet bestehen und die hieß Slytherin. Ihre Eltern waren beide in Slytherin gewesen. Fast die gesamte Familie ihrer Mutter war in dieses Haus gewählt worden. Gordon selbst war ein Slytherin gewesen. Lia erinnerte sich noch gut, wie er getobt hatte, als Gedref nach Hufflepuff gewählt worden war. Er hatte geschrien und geschrien und irgendwann angefangen Gegenstände durch das Zimmer zu werfen und war schließlich völlig erschöpft auf einen Küchenstuhl niedergesunken, immer wieder vor sich hin murmelnd, wie sehr ihn der Dunkle Lord strafen würde, wenn er zurückkehrte und feststellte, dass Gedref in Hufflepuff, im Haus der Verlierer war. Lia mochte sich gar nicht ausmalen, was ihr passieren würde, wenn sie es nicht in das Haus ihres Ziehvaters schaffte. Allein bei der Vorstellung kroch Lia die kalte Angst in die Adern und sie ballte ihre Hände zu Fäusten, um das Zittern in ihnen unter Kontrolle zu bringen. Während der Hut mit einigen schmetternden Tönen das Lied zu Ende brachte, holte Lia tief Luft, versuchte sich auf ihren Atem zu konzentrieren und nicht auf das, was gleich geschehen würde. Auch Harper schien nervös. Als die Hexe ein langes Pergament ausrollte und begann die Schüler nacheinander aufzurufen, schloss sie die Augen.

    Harper hatte Lia von ihren Eltern erzählt: Ihr Vater kam aus Gryffindor und ihre Mutter war eine Ravenclaw. Die beiden hatten sich erst kurz nach Hogwarts kennen gelernt, als Harpers Vater, damals noch in der Ausbildung, bei einem Angriff der Todesser verletzt wurde. Er wurde ins St. Mungo gebracht, in die Abteilung für Fluchschäden, wo Harpers Mutter als Krankenschwester arbeitete. Schon zwei Jahre später hatten sie geheiratet und kurz darauf war Harper auf die Welt gekommen. Für sie war das alles viel einfacher als für Lia. Ihre Eltern hatten Wetten abgeschlossen, in welches Haus Harper wohl aufgenommen werden würde und ihr bei ihrer Heimkehr einen Begrüßungskuchen in der Farbe ihres Hausbanners versprochen. Auf Lia warteten lediglich Angst und Schmerzen, sollte sie heute versagen.
    Als Harper Crickett aufgerufen wurde zwinkerte sie Lia zu: „Wünsch mir Glück“, flüsterte sie. Der Hut ak über Harpers braune Locken sank und Lia hielt den Atem an. Eine Sekunde lang geschah nichts. Dann... 
    „RAVENCLAW!“, rief der Hut und mit einem Freudenschrei sprang Harper auf, ließ den Hut auf den Stuhl zurückfallen und eilten dem jubelnden Tisch entgegen. Lia atmete aus. Wenigstens Harper hatte ihr Glück heute gefunden, ihres dagegen stand noch auf Messers Schneide. Während die nächsten Schüler aufgerufen wurden, begann sie innerlich zu zählen. Eins. Zwei. Drei.

    „De la Cara, Lianna!“
    Es war so weit. Kein Zurück mehr, nur noch der Weg nach vorne. Langsam ging Lia auf den Stuhl zu. Vielleicht, so überlegte sie, wenn sie an nichts dachte, wenn sie ihren Kopf völlig leer machte, dann würde der Hut das Haus Slytherin in ihr erkennen. Sie war weder mutig, noch schlau oder sonderlich treu. Slytherin dagegen lag ihr in den Genen. Im Blut. Wenn sie einfach an nichts dachte, würde der Hut dies in ihr erkennen und sie in das richtige Haus weisen.
    Zitternd erreichte sie in den Stuhl. Ihre verkrampften Finger schlossen sich um den weichen Stoff der Krempe. Nichts zu denken, war einfacher gesagt, als getan, es funktionierte einfach nicht, immer wieder tauchten neue Gedanken in Lias Kopf auf, die Bilder von Gordon und Gedref und von ihrer Mutter. Sie beschloss an etwas anderes zu denken. An etwas Unverfängliches. Etwas wie eine Wand. Eine weiße unbeschriebene Wand. Sie rief sich diese Wand so klar wie nur möglich vor Augen und hielt dieses Bild in ihrem Geist fest. Dann ließ sie sich auf den Stuhl fallen, schloss die Augen und zog sich den Hut über den Kopf.

    Zunächst geschah nichts. Da war nur die weiße Wand vor ihr und der weiche Stoff auf ihrer Haut. Die Geräusche aus der Halle waren vollends verstummt und hinterließen eine angenehme Stille im Dunkel des Hutes. Unwillkürlich begannen sich Lias verkrampfte Hände ein wenig zu lösen. Dann erklang eine piepsige dünne Stimme sanft in ihrem rechten Ohr.
    „Hmmmm“, sagte sie nur. „Hmmm. Hmmm. Hmmm.“ Lia konzentrierte sich auf die Wand. Sie stellte sich das Mauerwerk vor, aus dem sie bestand, die einzelnen Steine, den Mörtel, der sie zusammenhielt. Doch die Stimme bohrte sich in ihren Geist und das Bild der weißen Wand wurde schwächer.
    „Ich sehe Großes in dir, meine Liebe“, piepste die Stimme in ihrem Ohr. „Vieles, das tief vergraben in dir liegt. Ich sehe deine Kraft, deine Macht und deinen Wunsch, das Richtige zu tun.“
    „Wand“, dachte Lia verzweifelt und versuchte das Bild zu schärfen. „Wand. Wand. Wand.“
    „Nun“, murmelte der Hut. „Du machst es mir nicht einfach. Schwierige Entscheidung, meine Liebe, sehr schwierig, ich sehe es ein. Ich denke... ich denke, du wirst hiermit eine Chance erhalten, das Verborgene ans Licht zu holen. Nutze sie, meine Liebe, wenn ich dir raten darf, nutze sie... und jetzt, meine Liebe, auf mit dir nach GRYFFINDOR!“


    Lias Herz setzte einen Schlag aus. Sie streckte die Hand aus, zog sich den Hut vom Kopf und legte ihn vorsichtig auf dem Stuhl ab. Während sie wie in Trance auf den jubelnden Tisch unter dem Löwenbanner zuging und sich setzte, ging ihr auf, dass nun ihr schlimmster Albtraum Wirklichkeit geworden war. Was hatte Gordon zu ihr gesagt? 
    „ Nichts Gutes ist jemals aus diesem Haus hervorgegangen.“ Kraftlos sank Lia auf die Bank.
    „Hi, ich bin Percy Weasley. Ich bin Vertrauensschüler.“ Der Junge ihr gegenüber streckte ihr begeistert die Hand entgegen 
    „Lia de la Cara“, antwortete sie tonlos.

    „SLYTHERIN!“, rief der Hut aus und der Tisch am anderen Ende der Halle entbrannte in freudigem Gebrüll. Er schien Lia mit einem Mal so fern, als läge er in einer anderen Welt und nicht nur wenige Meter entfernt. 
    Und während die Rufe langsam verebbten, das Getrampel erstarb und die Hexe einen neuen Namen vorlas, blickte Lia mit leerem Blick auf das Schlangenbanner an der Wand und spürte dabei, wie der letzte Funke der Hoffnung in ihr, der trotz aller Widerstände in ihr gebrannt hatte immer kleiner und kleiner wurde und  schließlich mit einem leisen Zischen erlosch. Zurück ließ er nur Dunkelheit, die undurchdringliche schwarze Dunkelheit tiefer Verzweiflung.

    5
    Die Decke war dunkel, ein verblasstes rot-gelbes Muster aus Kacheln war noch schwach zu erkennen. Lia starrte es schon seit Stunden an, während draußen vor dem Fenster die Nacht voran schritt. In ihrem Schlafraum befand sich außer ihr keine Menschenseele. Für alle anderen musste es so aussehen, als wären einfach sämtliche andere Schlafsäle belegt gewesen und sie hatte einfach nur Pech gehabt, als einzige Schülerin nun ein Einzelzimmer beziehen zu müssen, doch Lia wusste es besser. Sie erkannte die Handschrift des Ministeriums, wenn sie sie sah. Möglicherweise hatte auch Gordon hier seine Finger im Spiel. Er würde wahrscheinlich behaupten, es sei zu ihrem eigenen Schutz, was so viel hieß wie: Zum Schutz der anderen Schüler vor dir. Doch Lia war es im Grunde genommen ganz Recht, ihr Zimmer mit niemandem teilen zu müssen. Der Raum war kleiner als die Schlafzimmer der anderen, Lia hatte im Vorbeigehen kurz einen Blick hineinwerfen können. Nur ein einziges Bett stand darin, ein wenig einsam neben dem großen Fenster, wo sich seine roten, schweren Vorhänge schlaff im Abendwind bewegten. Lia war es egal. Ihr war im Moment so ziemlich alles egal.
    Sie hatte sich heute in den denkbar größten Schlamassel ihres Lebens geritten und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihm unbeschadet entgehen sollte.Warum auch musste sie der Hut ausgerechnet nach Gryffindor schicken? Gordon hätte ihr Hufflepuff oder Ravenclaw bestimmt verziehen, schließlich war sein eigener Sohn ein Hufflepuff. Aber Gryffindor? Harry Potter ging nach Gryffindor, der Junge, der den Fall des Dunklen Lords veranlasst hatte. Potter, Mac Donald, die Prewett- Brüder, ja Dumbledore selbst, sie alle waren in Gryffindor gewesen und sie alle hatten den Todessern großen Schaden zugefügt, ihren Teil dazu beigetragen, dass der Dunkle Lord fiel. 
    „Nichts Gutes ist jemals aus diesem Haus hervorgegangen.“ 
    Lia presste sich verzweifelt die Hände auf die Ohren, doch der Satz war in ihrem Kopf und er ließ sich nicht aussperren. 
    Bis zu den Weihnachtsferien hatte sie noch Zeit, erst dann würde sie Gordon wieder sehen. Eine Gnadenfrist. Eine Art frühzeitiger Adventskalender, nur dass am Ende nicht der Weihnachtsmann auf sie wartete. 

    Schon früh hatte Lia gelernt, Gordon zu fürchten. Seine Name rief bei ihr mehr Angst wach, als der des Dunklen Lords. Gordon hatte es sehr schnell und effektiv verstanden, ihr Respekt und Gehorsam zu lehren und dass Widerstand gegen ihn zwecklos war. Nicht dass Lia es nicht versucht hätte. Als der Ministeriumszauberer zu seiner monatlichen Visite kam, hatte Lia ihm ausführlich und bis ins kleinste Detail von ihren Umständen berichtet. Genützt hatte es ihr nicht. Lia hatte lernen müssen, dass man einer Lestrange keinen Glauben schenkte. Und dass Gordon Ungehorsam missfiel. Lia schauderte bei der Erinnerung. Und doch war sie sich sicher, dass sie nichts im Vergleich war zu dem, was sie zu Hause erwarten mochte, wenn sie im Dezember den Zug nahm. Es gab kein Entrinnen. Wieder einmal.

    Zumindest eines konnte Lia tun. Sie konnte Gordon keine weitere Angriffsfläche mehr bieten. Nicht dass das irgendeinen Ausschlag gegeben hätte. Doch für Lia war es eine Hoffnung. Hoffnung, an die sie sich klammerte. Wenn sie gute Noten nach Hause brachte, keine Strafarbeiten bekam, keine Hinweise, 'nicht auffiel', wie Gordon es so schön formulierte, dann, so redete sie sich ein, würde ihre Strafe vielleicht milder ausfallen.

    Dieser Gedanke, so lächerlich er auch war, brachte Lia schließlich endlich den Schlaf. Viel war es natürlich nicht. Doch zumindest fühlte Lia sich nur halbtot, als sie morgens zum Frühstück in die Große Halle torkelte. 

    Diejenige, die Lia schließlich aus ihrer Müdigkeit riss und zurück ins Reich der Lebenden holte, war Harper Crickett. Die Stundenpläne wurden ausgeteilt und kaum landete der Zettel mit ihren Fächern in Lias Hand, saß Harper auch schon neben ihr.
    „Zeig mal her“, forderte sie sie ohne Begrüßung auf und riss ihr den Zettel direkt im Anschluss aus der Hand.
    „Wuhuuu, wir haben morgen die erste Stunde zusammen“, jubelte sie. „Und am Donnerstag auch. Schade, dass wir den Flugunterricht nicht zusammen haben, das wäre bestimmt lustig geworden.“ Sie streckte Lia ihren Stundenplan wieder entgegen und gab ihr endlich die Chance auch selbst einmal einen Blick darauf zu werfen. Tatsächlich hatte Harper Recht: Den Zauberkunst-Unterricht teilten sich die Gryffindors mit den Ravenclaws. Zwei Wochenstunde, in denen Lia nicht komplett allein war. Harper jedoch war schon wieder auf dem Sprung.
    „Ich muss jetzt los, ich hab Verteidigung gegen die Dunklen Künste zusammen mit den Hufflepuffs. Oh, Mann, ich bin ja schon so aufgeregt. Dad hat mir schon so viel darüber erzählt, weil er doch Auror ist. Ich kann's kaum erwarten. Bis heute beim Mittagessen!“ Und schon war Harper aus der Großen Halle geflitzt, schnell wie ein Wiesel.

    Die morgendliche Attacke von Harper Crickett hatte wenigstens den Effekt, dass Lia jetzt eindeutig wach war. Ein weiterer Blick auf den Stundenplan brachte ihr die Tragödie des gestrigen Abends deutlich vor Augen. Erste Stunde: Zaubertränke. Mit den Slytherins. Stumm schob Lia den Stundenplan in ihre Tasche und stand dann auf, um sich auf den Weg zu dem Klassenzimmer zu machen. Der Appetit war ihr vergangen. 

    Die erste Unterrichtstunde entpuppte sich wider Erwarten als nicht sehr schwierig. Lia hatte durch Gordon und ihre Vergangenheit eine große Portion Angst vor Magie mit in die Schule gebracht, doch das Fach Zaubertränke kam ihr da sehr entgegen. Tatsächlich war es sogar fast angenehm, denn Lia konnte dabei ganz allein und für sich arbeiten. Es gab nur das Buch, den dampfenden Kessel vor ihr und alles andere um sie herum verschwamm zu einem unwichtigen Sog aus grauen Farben und gedämpften Geräuschen. Lia blendete einfach alles aus. Sie lauschte dem Feuer unter ihrem Kessel, dem Blubbern der Flüssigkeit und als die Stunde zu Ende war, bedauerte sie regelrecht den Kerker verlassen zu müssen. Auch schien ihr abgegebenes Ergebnis gar nicht mal schlecht zu sein. Der Trank hatte dieselbe Farbe, wie im Buch beschrieben und nachdem Professor Snape, der Lehrer, der an scheinbar allem etwas auszusetzen hatte, den Trank kommentarlos entgegen nahm, konnte er nicht allzu schlecht sein.

    Ein wenig getröstet durch diesen kleinen Erfolg machte sich Lia auf zu Verteidigung gegen die Dunklen Künste, wo sie Harper auf dem Gang traf.
    „Der Mann ist eine Niete“, sagte sie verächtlich und zog die Nase kraus. „Ich weiß wirklich nicht, was der uns beibringen will. Wirklich, Lia, der Mann ist sowas von langweilig, das glaubst du gar nicht. Ich wäre fast eingeschlafen, dabei hab ich gedacht, dass Verteidigung gegen die dunklen Künste das spannendste Fach von allen wird.“ Lia lugte vorsichtig an ihr vorbei in den Raum, der sich langsam leerte. Sie konnte den Lehrer vorne am Pult erkennen, der mit fahrigen Händen in einer Kiste wühlte. Sehr kompetent sah er mit seinem riesigen Turban freilich nicht aus. Lia wandte sich wieder zu Harper um.
    „Wie war dein erstes Fach?“, fragte Harper und wich einem Jungen mit einer überdimensionalen Schultasche aus. Lia zuckte mit den Achseln.
    „Ganz gut“, sagte sie und zog den Kopf ein, als eine weitere Horde Schüler vorbeirauschte. Sie und Harper blockierten eindeutig den Gang. Harper wich an die Wand zurück. 
    „Ich hab die nächste Stunde vor dem Mittagessen frei. Wollen wir uns am Eingangsportal treffen?“ Ein wenig überrascht, dass Harper ihre Freistunde mit ihr teilen wollte, nickte Lia.
    „Gut, dann sehen wir uns einer Stunde“, grinste Harper und warf sich in den Strom der Schüler. 
    „Viel Spaß“, rief sie Lia noch über die Schulter zu, als sie im Gewühl verschwand.

    Lia wandte sich dem Klassenzimmer zu. Durch ihr Gespräch mit Harper hatte sie ein wenig an Zeit verloren und die hintersten Plätze waren bereits belegt. Lia konnte den Potterjungen neben seinem rothaarigen Freund erkennen. Mit Gordons Warnung im Kopf steuerte sie einen Platz so weit wie möglich entfernt von ihm an, der gleichzeitig relativ nah an der Tür lag.

    Schon beim Näherkommen merkte Lia es und es wurde mit jedem Schritt deutlicher. Anfangs war es nur ein ungutes Gefühl, so etwas wie ein Jucken oder ein Zittern, dass man nur am Rande wahrnimmt. Doch jeder Schritt auf ihren Platz zu, ließ das Gefühl deutlicher in Lia zu Tage treten. Obwohl nah am Ausgang, schlich es sich in Lias Geist und unwillkürlich drehte Lia sich um, nur um sich zu vergewissern, dass nicht jemand hinter ihr stand, der für dieses Gefühl verantwortlich war. Auch ihre Atmung veränderte sich. Sie wurde langsamer, als würde die Luft um sie schwerer werden und auf ihre Lunge drücken, wie ein Geruch, der einen einschläfert, hypnotisiert.
    Als der Unterricht begann, war Lias Konzentration dahin. Das Gefühl, im Grunde genommen eigentlich nicht unbedingt unangenehm, machte sie nervös, machte ihr Angst und ließ ihre Beine zittern. Wenn die anderen Schüler dasselbe fühlten, so ließen sie es sich nicht anmerken. Vielleicht hatten sie einfach nicht so feine Sinne wie Lia, vielleicht aber auch konnten sie es ignorieren. Lia wusste es nicht. Für sie war es anders. Denn sie kannte dieses Gefühl.

    Sie hatte es schon einmal gespürt, schon mehrfach, wenn sie zurückdachte und es trug Erinnerungen zu ihr, an die Lia niemals wieder hatte rühren wollen. Als die Stunde endete verließ sie fast fluchtartig das Klassenzimmer, begann auf dem Gang zu rennen und hielt erst wieder an, als sie völlig außer Atem und erschöpft das Eingangstor erreichte. In der frischen Luft des späten Sommers war es, was auch immer es gewesen war, dass sie einem Schatten gleich umhüllt hatte, endlich verschwunden und der Geruch der Wiesen und Bäume auf den Ländereien, ließ Lia das Ganze schnell wieder vergessen. Als Harper nur kurze Zeit später zu ihr stieß, war Lia nichts mehr anzumerken.

    Harper schien vor Begeisterung fast überzusprudeln. 
    „Hogwarts ist ja soooooo cool!“, rief sie aus, als sie neben Lia her über die Ländereien hüpfte. „Sieh nur, der See dahinten. Dad sagt, ein Riesenkrake lebt darin, der ist schon hundert Jahre alt. Und Meermenschen sollen auch darin leben. Oh, ich würde ja so gerne mal einen sehen!“ Erst als der verbotene Wald langsam näher rückte, erinnerte sie sich wieder an aktiv an Lia.
    „Wie ist es bei dir?“, fragte sie. „Sind die anderen nett? Wie sind die Mädchen bei dir im Schlafsaal?“ 
    „Ja“, antwortete Lia. „Nett.“ Sie bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie log. Doch ihr war nicht danach, Harper ihre Situation zu erklären.
    „Ich find's schade, dass wir nicht im selben Haus sind.“ Harper seufzte. „Das ist das Einzige, dass mich wirklich stört. Sonst ist alles in Ordnung.“ Lia konnte Harper nicht ganz glauben. Wahrscheinlich wollte sie einfach nur freundlich und höflich sein. Warum sollte Harper mit jemandem wie ihr gerne in einem Haus sein wollen? Sie fand es sowieso komisch, dass Harper Zeit mit ihr verbringen wollte. Natürlich war sie froh darüber, keine Frage. Doch die Erfahrung hatte Lia Skepsis gelehrt. Irgendetwas stimmte da nicht. Vielleicht hatte Harper Gewissensbisse, weil sie Lia im Zug zuerst nicht in ihr Abteil hatte lassen wollen und versuchte es jetzt wieder gut zu machen. Eine andere Erklärung fiel Lia auf die Schnelle nicht ein.
    Lia war kein angenehmer Gesprächspartner. Eigentlich trug sie ja überhaupt nichts zum Gespräch bei. Sie war einfach so lange schon alleine gewesen, dass sie vergessen oder nicht gelernt hatte, wie man sich in Gesellschaft verhielt. Es war schon immer etwas schwierig mit ihr gewesen. Anstrengend, sagte Gedref. Unaushaltbar, sagte Gordon. Und doch war Harper hier. Lia beschloss auf der Hut zu sein und Harper mit mehr Vorsicht zu begegnen.

    Doch schon am nächsten Tag erwischte sich Lia dabei, wie sie diesen Vorsatz über Bord warf. Es war die erste Stunde Zauberkunst mit Harper und Teamwork war gefragt. Während neben ihnen ein Junge aus Lias Haus fast sein Pult in die Luft sprengte, waren Lia und Harper intensiv damit beschäftigt, ihre Stäbe in der richtigen Bewegung zu schwingen und sich dabei gegenseitig zu korrigieren. So kündigte ihnen Professor Flitwick an, dass sie zu Halloween sogar schon so weit wären, ihre ersten Gegenstände fliegen zu lassen.
    „Oh, Mann, das wird ein Spaß“, prophezeite Harper. „Warte, du hältst den Zauberstab verkehrt, du musst ihn bei der Bewegung mehr drehen. Aus dem Handgelenk, so, siehst du?“ Ein Funkenschauer schoss aus Harpers Zauberstab und Lia duckte sich unter das Pult.
    „Argh, tut mir Leid“, Harper hielt den Zauberstab weit von sich auf das ohnehin schon geschwärzte Pult ihres Nachbarn, der mit einem empörten „HEY!“ reagierte. Harper ignorierte ihn. 
    „Sorry, Lia, ich wollte dich nicht anstecken.“ Ein breites Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. 
    „Aber geklappt hat es, oder?“
    „Ja“, pflichtete ihr Lia bei, als sie aus den Tiefen des Pults auftauchte. „Kannst du es mir noch einmal zeigen?“
    „Warte es geht so“, erklärte ihr Harper und griff zu ihr herüber.

    Im Nachhinein war Lia natürlich klar, dass Harper lediglich nach ihrer Hand hatte greifen wollen, um ihr die Bewegung zu zeigen. Doch in dem Moment war das egal. Lia sah nur die Hand auf sich zusausen und unwillkürlich zog sie den Kopf ein, hob schützend die Arme und zuckte zurück. Harper verharrte mitten in der Bewegung. Verwirrt blickte sie Lia an. Lia ließ langsam die Arme wieder sinken und blickte Harper beschämt an. 
    „Ich wollte dir nur helfen“, sagte Harper nicht minder verschreckt. „Was hast du denn gedacht, was ich tue? Dachtest du, ich will dich schlagen?“ Lia schüttelte energisch den Kopf.
    „Nein, natürlich nicht!“, log sie. „Ich war nur erschrocken. Wegen der Funken vorhin.“ Harper zog eine Augenbraue hoch. Es war ganz offensichtlich, dass sie Lia auch nicht nur ein Wort abnahm, von dem, was sie sagte, und siedendheiß fiel Lia wieder ein, dass Harper ja eine Ravenclaw war. Das Haus der Klugen.
    „Hier.“Lia streckte ihr die Hand entgegen. „Kannst du es mir noch mal zeigen?“ Harper nickte und hob den Zauberstab. Sie vollführte erneut die Bewegung und wieder stieben unter dem Protest des Jungen am Nebentisch Funken auf. Und als Lia es nun ihrerseits versuchte und den Nachbartisch mit noch mehr Funken überhäufte, sah sie noch immer aus den Augenwinkeln das Misstrauen in Harpers Augen, das geblieben war.
    „Versuch nicht aufzufallen“, hatte Gordon gesagt und Lia begriff, dass es doch nicht ganz so einfach werden würde, wie sie es sich gedacht hatte.

    6
    Eigentlich war Lias erste Zeit in Hogwarts gar nicht schlecht verlaufen. Sie hatte sich in den einzelnen Unterrichtsfächern bewährt, war mit niemandem aneinander geraten und den Lehrern nur als stummes arbeitswilliges Mädchen im Gedächtnis geblieben. Das war gut. Zu gut. Lia hätte wissen müssen, dass das Unglück, das ihr auf Schritt und Tritt folgte, nicht lange auf sich warten ließ.

    In jeder Schule gibt es ein paar Kinder, die den Ton angeben. Oder zumindest ein paar Kinder, die beliebt genug sind, dass die anderen ihnen unbedingt nacheifern wollen. Im Haus Gryffindor waren das die Weasley-Zwillinge. Seit drei Jahren in Hogwarts und nichts als Unsinn im Kopf hatten sie schnell so etwas wie eine Fangemeinde bekommen und ganz Gryffindor wartete gespannt darauf, was sie wohl als nächstes aushecken könnten. 
    Die Beliebtheit der beiden schien keine Grenzen zu kennen. Was sie sagten, war Gesetz, auch, wenn sie sich dessen selbst nicht bewusst zu sein schienen, wie Lia ihnen vielleicht im Nachhinein zur zu Gute halten musste. Hinzukam noch, dass ihr jüngerer Bruder Ron der beste Freund von Harry Potter war, der Berühmtheit des Hauses, was die Anerkennung der Zwillinge noch einmal steigerte. Beide spielten für die Quidditchmannschaft ihres Hauses und Lia hörte öfter die eine oder andere von den älteren Mädchen im Waschraum von den beiden Rotschöpfen schwärmen. Für Lia bedeutete das Rot jedoch Gefahr. Die beiden besaßen eine ungeheure Macht über die Schüler und Lia setzte die beiden ganz oben auf ihre mentale Liste der Leute, denen sie aus dem Weg ging.

    Der Tag, an dem sich für Lia alles veränderte, der Tag, an dem sich ihr bisher rechte einfaches  Leben an der Schule schlagartig änderte, war der Mittwoch, der die erste Flugstunde mit sich brachte.  Harper hatte Lia ihr von ihrer eigenen berichtet und ihr erklärt, das es gar nicht so schwierig sei und sie in der ersten Stunde nicht einmal richtig fliegen würden. Insofern war Lia nicht beunruhigt, als sie auf den Rasen des Quidditchfeldes trat und neben einem der Schulbesen ihren Platz einnahm.
    „Tretet neben eure Besen, streckt die Hand aus und sagt 'Auf'!“, befahl die Lehrerin, Mme Hooch.
    „Auf“, sagte Lia scheu. Der Besen rührte sich nicht. So wie ihr schien es vielen anderen zu gehen. Bei manchen zuckten die Besenstiele nur am Boden hin und her und einigen sprangen sie ins Gesicht. Kaum einer hielt den Besen beim ersten Versuch in der Hand. Draco, der ihr gegenüber stand, war einer von den wenigen Glücklichen.
    „Auf“, versuchte es Lia erneut. „Auf.“ Draco runzelte die Stirn.
    „Du musst es deutlicher sagen!“, erklärte er ihr. „Du musst dem Besen zeigen, wer der Herr ist, nur dann gehorcht er dir.“
    „Auf!“, versuchte es Lia deutlicher und der Besen zuckte schwach am Boden.
    „Siehst du?“, stellte Draco triumphierend fest. „Noch deutlicher, dann klappt es.“ Doch in diesem Moment schritt Mme Hooch ein.
    „Beeilt euch, Kinder, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ Lia bückte sich nach dem Besen und hob ihn auf. Sie konnte spüren, wie der Stiel in ihrer Hand schadenfroh vibrierte, doch sie kümmerte sich nicht darum. Sie war nicht die Einzige, die bei dieser Aufgabe versagt hatte und das tröstete sie.
    „Steigt auf eure Besen und wartet auf mein Signal! Auf meinen Pfiff stoßt ihr euch vom Boden ab und kommt gleich wieder runter, indem ihr euch nach vorne lehnt.“ Mit einem mulmigen Gefühl stieg Lia auf den Besen. Mme Hooch hob ihre Pfeife. Lia biss sie Zähne zusammen und machte sich dafür bereit, gleich den Boden unter den Füßen zu verlieren.
    Doch dazu sollte es nicht kommen. Ein Junge aus Lias Haus, der offenbar und noch sehr viel mehr Angst vor dem Fliegen hatte als sie selbst, stieß sich verfrüht vom Boden ab und stieg in die Luft. Höher und höher flog er in das Blau des Himmels hinauf, unter den energischen Rufen von Mme Hooch und den besorgten Schreien der Schüler, bis er schließlich schwankend und zitternd vom Besen rutschte und aus einer nicht unbeträchtlichen Höhe zu Boden fiel.
    Mme Hooch war wie verwandelt. Als sie die Schüler keifend bei Seite gescheucht hatte, half sie dem wimmernden Jungen mit sanften  Worten auf.
    „Eine gebrochene Hand“, stellte sie fest. „Nichts, was Madame Pomfrey nicht im Nu wieder hinbekommt.“
    „Ihr anderen“, rief sie mit ihrer üblichen herrischen Stimme zurück. „Bleibt auf dem Boden, während ich Longbottom in den Krankenflügel bringe. Und wenn ich auch nur einen von euch in der Luft erwische, wenn ich wieder komme, dann fliegt er schneller von der Schule, als er 'Quiddditch' sagen kann!“ Eingeschüchtert scharten sich die Gruppen der Slytherins und Gryffindors am Ort des Geschehens. Während alle das soeben Passierte gründlich durchdiskutierten, beschäftigte Lia etwas anderes. 'Longbottom' hatte Mme Hooch den verletzten Jungen genannt. Der Name sagte ihr etwas, doch so sehr sie auch grübelte, sie kam nicht darauf.
    Mittlerweile hatte sich ein ernsthafter Streit zwischen den Gryffindors und den Slytherins entwickelt mit Draco Malfoy und – wer hätte es gedacht – Harry Potter an der Front. Draco hatte eine rot-leuchtende Kugel, das Erinnermich des Longbottom-Jungen gefunden und der Potterjunge wollte es von ihm wiederhaben.
    „Hol es dir doch, wenn du kannst!“, rief Draco ihm zu und vor den Augen der geschockten Schülermenge bestieg er seinen Besen und hob ab in die Luft.

    Obwohl Lia diese Aktion für nicht besonders schlau und äußerst gefährlich hielt, konnte sie doch nicht umhin, Draco zu bewundern. Als auch der Potterjunge seinen Besen bestieg und es ihm gleichtat, war die Schülermenge am Boden kurz vor dem Ausrasten. Anfeuerungsrufe und Flüche gellten hinauf und die eine oder andere Warnung, dass sie erwischt werden könnten. Doch alle waren aufgekratzt und neugierig, wie diese Verfolgungsjagd enden würde. Außerdem geschah hier etwas offensichtlich Verbotenes und das versetzte die Umstehenden in Aufregung. 
    Die Verfolgungsjagd war nur sehr kurz, doch was sie für alle Beteiligten, insbesondere Lia, nach sich zog, war verheerend. Draco, landete sicher auf dem Boden, der Potterjunge eine Minute später. Doch diese eine Minute war das Zünglein an der Waage, denn kaum, dass Potter gelandet war, stand die Hauslehrerin der Gryffindors Professor McGonagoll vor Wut schnaubend vor den Schülern. Alle blickten betreten zu Boden, als Potter einem Verbrecher gleich von ihr abgeführt wurde. Doch das eigentliche Drama begann gerade erst. Denn Mme Hooch kehrte nur Sekunden später zurück und wurde von einer Horde protestierender Gryffindorschüler empfangen. Wütend verschaffte sich die Lehrerin Gehör.
    „Ein Schüler hat einen Besen benutzt?“, fragte sie zornig. „Trotz meines ausdrücklichen Verbots? Wo ist der Junge?“ Während die eine Hälfte lauthals kund tat, dass Harry Potter bereits von Professor McGonagoll vom Feld gebracht worden war, deutete die andere Hälfte laut schreiend auf Draco. Energisch wedelte Mme Hooch mit der Hand.
    „Seid leise Kinder, sonst kann ich keinen Ton  verstehen!“ Dann wandte sie sich mit blitzenden blauen Augen den Slytherins zu.
    „Hast du einen der Besen benutzt, Malfoy? Ja, oder nein?“ Draco schüttelte den Kopf. „Nein, Madame“, sagte er  mit Unschuldsmiene. „Das habe ich nicht.“
    „Lügner!“, keifte es aus den Reihen der Gryffindors. „Er war auf dem Besen, Madame, ich habe es genau gesehen!“
    „Ja, er hat Harry nur provoziert!“
    „Harry ist unschuldig.“
    „Ist er nicht!“
    „Du bist ein  mieser kleiner Lügner, Malfoy!“
    „RUHE!“, donnerte Mme Hooch und griff sich entnervt ins Haar. Es war ihr deutlich anzusehen, das ihr die ganze Situation zum Himmel stank. Suchend blickte sie sich in der Schülermenge um und ihre unangenehmen blauen Augen fanden Lia, die sich ein wenig abseits hielt und die Diskussion mit unbewegter Miene beobachtete. 
    „Du“, forderte sie sie auf. „Cara. Komm her.“ Erschrocken zuckte Lia bei der Nennung ihres Namens zusammen. Alle Augen richteten sich jetzt auf sie, als sie langsam nach vorne trat. Die Gespräche waren verstummt. Mme Hooch wandte sich ihr zu.
    „Hat Mister Malfoy seinen Besen benutzt, oder nicht?“, fragte sie an Lia gewandt.

    Lia lief es eiskalt den Rücken herunter. Was sollte sie jetzt sagen? Gryffindors und Slytherins blickten sie beide erwartungsvoll an. Sollte sie die Wahrheit sagen? Das Richtige wäre es auf jeden Fall. Aber wozu? Ein Schüler war bereits erwischt worden, weswegen auch noch einen anderen mitreißen. Lia hatte das Gefühl Gordon vor sich zu sehen. Sie war hier und jetzt mit der Frage konfrontiert, auf welcher Seite sie stand. Der der Schüler oder der der Lehrer? Slytherin oder Gryffindor? Lia hatte das Gefühl, dass es keine richtige Antwort auf diese Frage gab. Und doch musste sie sie hier und jetzt beantworten.
    „Ich warte, Mädchen“, blaffte Mme Hooch. „War er in der Luft oder war er es nicht?“
    Lia holte tief Luft, um für eine Antwort anzusetzten. Was würde Gordon von ihr erwarten? Im Grunde genommen war das die einzige Komponente die zählte. Er war die Sonne in ihrem Universum, der zentrale Punkt, um den sich alles drehte. Lia schloss die Augen. Als sie sie öffnete, war die Entscheidung gefallen.
    „Nein“, sagte sie leise zu Mme Hooch. „War er nicht.“ 

    Das Ende ihrer Worte ging im Wutgeheul der Gryffindors und den Triumphschreien der Slytherins unter. Fluchend musste Mme Hooch die Klasse beruhigen, die sich zornig und ungläubig auf Lia stürzten.
    „Jetzt ist es aber genug!“, donnerte die Lehrerin und trat zwischen die Kinder. „Die Sache ist hiermit geklärt und beendet und es wird auch nicht mehr verhandelt. Und ich will, dass jetzt auf der Stelle Ruhe einkehrt, oder es gibt eine saftige Strafarbeit für alle!“ Lia senkte den Kopf, doch die bösen Blicke ihrer Mitschüler sah sie trotzdem und auch die unterdrückte Wut in dem nun folgenden Schweigen konnte sie deutlich fühlen. Irgendwie wusste Lia in diesem Moment, dass es nun vorbei war für sie, hatte sie jemals in Hogwarts Fuß fassen wollen. Daran konnten auch das Grinsen der Slytherins nichts ändern.

    Die Nachricht von Lianna de la Caras Verrat sprach sich schneller im Schloss herum, als es irgendjemand, Lia selbst eingeschlossen, je für möglich gehalten hatte. Gerade noch war sie die schüchterne unscheinbare, etwas seltsame Blonde aus der Ecke gewesen, jetzt war sie eine Betrügerin. Eine Betrügerin, die sich offen und hinterhältig gegen den berühmten Harry Potter gestellt hatte. Dabei war das gar nicht Lias Absicht gewesen. Sie hatte lediglich Draco nicht bei Mme Hooch verpetzten und das tun wollen, dass Gordon in dieser Situation am ehesten von ihr erwartet hätte. Doch die Gryffindors sahen das anders. Dass Harry dabei nicht von der Schule geflogen, sondern Teil der Hausmannschaft geworden war, zählte dabei nicht. Auch dass die Situation äußerst unangenehm für Lia gewesen war, war egal. Wichtig war nur, dass sie gelogen hatte. Gelogen, um einen Slytherin zu decken. Es war einfach ungeheuerlich.

    Auch im Gemeinschaftsraum wurde kräftig diskutiert. Harry und Ron hatten sich zusammen auf einem der Sofas niedergelassen, wo er seinem besten Freund stolz von seiner Aufnahme ins Quidditchteam berichtet hatte und Ron ihn seinerseits über die Ereignisse nach seinem Abgang in Kenntnis gesetzt hatte. Auch die Zwillinge hatten sich zu ihnen gesellt, waren sie doch als Gryffindors Treiber einige der ersten, die von Harrys Erfolg erfahren hatten.

    „Sie hat ihn voll reingerissen!“, ereiferte sich Ron. „Und Harry steht jetzt da, als wäre er an allem Schuld.“
    „Sie hat ihr direkt ins Gesicht gelogen?“, fragte Fred ungläubig. „Für diesen kleinen Schmierlappen?“ Auch Harry schüttelte den Kopf.
    „Ich verstehe nicht, warum? Ich hab ihr doch nie was getan, oder?“
    „Vergiss es“, winkte Fred ab. „Vielleicht ist sie einfach eifersüchtig. Oder dumm.“
    „Dreist auf jeden Fall“, setzte George nach. „Und hinterhältig. Wieso ist sie eigentlich in unserem Haus und nicht bei denen.“
    „Naja, McLaggen hat es ja auch geschafft“, gab Fred zurück und die Zwillinge kicherten, während Ron und Harry sich nur verwirrt ansahen. Doch Fred ging nicht weiter darauf ein.
    „Sie wird auf jeden Fall ganz schön Augen machen, wenn sie herausfindet, dass du nicht von der Schule geflogen bist, sondern ehrenhafter Sucher von Gryffindor.“
    „Was gäbe ich darum, ihr Gesicht dabei sehen zu können“, schwärmte George träumerisch. „Es ist doch die kleine Blonde mit dem Zopf oder.“
    „Sie sieht Malfoy ziemlich ähnlich“, stimmte Harry ihm zu. „Vielleicht sind sie ja verwandt oder so.“
    „Pah“, schnaubte Fred. „Die alten Zaubererfamlien sind alle irgendwie miteinander verwandt, da machen die de la Caras keine Ausnahme.“ George zog die Augenbrauen hoch.
    „Woher...?“, begann er.
    „Ich hab mich mit ihrem Bruder unterhalten“, unterbrach ihn Fred. „Der ist drüben bei den Hufflepuffs. Ist eigentlich ein netter Kerl. Ein bisschen dämlich vielleicht, aber das sind die ja bei den Hufflepuffs alle mehr oder weniger. Wie auch immer...“, nahm er den Faden wieder auf. „Ich erinnere mich, wie er in Zaubertränke mal mit seiner Familie geprahlt hat. Immerhin hat er ja ein 'de la' vor dem Namen. Er hat dabei etwas von den Blacks erwähnt und dass er über sieben Ecken mit denen verwandt sei, was einem nicht gerade schmeichelt, wenn du mich fragst.“
    „Die Blacks?“, fragte Harry.
    „Alte Zaubererfamilie“, erklärte ihm Ron. „Sie waren fast alle Todesser und sitzen heute im Gefängnis.“
    „Welcher von denen ist ihr Bruder?“, fragte George, der sich offenbar nicht erinnern konnte. Fred zuckte die Achseln.
    „Ich hab seinen Namen vergessen. Gedolf. Gredaf. Ganz komischer Name.“ Er drehte sich wieder zu Harry um.
    „Wenn du willst, Harry, dass die kleine Schnepfe morgen früh mit dem Kopf im Klo aufwacht oder ihre Nase anschwillt wie ein Ballon oder sie einen kleinen Plausch mit dem Riesenkraken hält... was auch immer du möchtest, George und ich können da eventuell was drehen.“ Er zwinkerte seinem Bruder zu, der fröhlich grinste. Harry winkte jedoch müde ab.
    „Schon in Ordnung, danke, aber eigentlich ist sie mir ziemlich egal.“
    „Falls du deine Meinung änderst“, sagte Fred und schwang sich von der Sofalehne. „Du weißt ja, ein Wort von dir genügt.“

    7
    Die Geschichte von Lias Verrat und Harry Potters Aufnahme ins Quidditchteam hatte sich schnell in der Jahrgangsstufe herumgesprochen. Doch war Zweiteres für die anderen Häuser die wesentlich interessantere Geschichte, schließlich war es eine Sensation, dass ein Erstklässler für die Hausmannschaft spielen durfte, etwas, dass eigentlich immer unvorstellbar gewesen war. Lias Fehltritt rückte dadurch deutlich in den Hintergrund und die älteren Schüler hätten von der Sache auf dem Feld mit Sicherheit auch gar nichts mitbekommen, wären da nicht die Zwillinge gewesen. Als Fred Weasley die ganze Sache beim Frühstück lauthals seinem Freund Lee Jordan erzählte, fiel so etwas wie ein Startschuss der allgemeinen Empörung, der natürlich vor allem bei den Gryffindors, aber auch bei den drei anderen Häusern einen lauten Nachhall mit sich trug. Lia war überrascht, dass sich auch die Slytherins dem Ganzen anschlossen. Schließlich hatte ihr Haus durch Lias Lüge ja einen Vorteil gewonnen. Doch für die Schüler zählte lediglich die Tatsache, dass sie eine Gryffindor war, kein Teil ihrer Gemeinschaft und oft lachten sie über die Dummheit des de la Cara Mädchens, das ihnen aus der Patsche geholfen und sich dabei selbst hineingeritten hatte.
    Es war nicht so, dass man Lia offen verspottete oder angriff. Nein, in der Regel ignorierte man sie genauso wie vorher. Nur dass es jetzt einen Grund für die Ablehnung der anderen gab und wenn es an Gruppenarbeiten oder Gemeinschaftshausaufgaben ging, stand Lia immer alleine da, während die anderen nur die Nase rümpften und von ihr abrückten. Beim Essen an den Haustischen oder beim Lernen in der Bibliothek entstand stets eine Lücke zwischen ihr und den anderen, die Lia fast mehr verletzte, als wenn sie sie öffentlich beleidigt hätten, denn umso deutlicher wurde ihr ihre Andersartigkeit vor Augen geführt.

    Lediglich Harper hielt zu ihr. Lia bewunderte insgeheim ihren Mut, denn Harper wurde dadurch zwar nicht gemieden, doch Freunde machte sie sich mit Sicherheit nicht. Harper selbst schien das Ganze nicht einmal zu kümmern. 
    „Dämliche Idioten“, murmelte sie nur, als eine Gruppe Hufflepuffs aufstand, als sie sich mit Lia auf den Stufen zum Schlossportal nieder ließ. „Die werden sich schon wieder einkriegen.“ Lia jedoch zog die Schultern ein und blickte zu Boden. Hatte sie vorher schon wenig gesprochen, war sie jetzt nahezu verstummt. Harper betrachtete sie besorgt von der Seite.
    „Du darfst dich von denen nicht so runtermachen lassen, Lia. Es kann dir doch egal sein, was diese Deppen von dir denken. Zeig ihnen das doch einfach und gib ihnen nicht auch noch eine Angriffsfläche!“ Lia zuckte nur die Achseln und Harper seufzte laut, doch sie ließ das Thema fallen.

    Lia dagegen, die außer Harper nun nichts mehr an Hogwarts band, stürzte sich förmlich in die Arbeit.  Die ganze Angst und die ganze Traurigkeit schleppte sie in die Bibliothek, um sie dort, tief in die Bücher und ihre Hausaufgaben versunken, abzuarbeiten. Als in der zweiten Woche ein Zettel mit den Wahl- und Aufbaukursen erschien, war Lia die erste (und einzige), die sich auf der Stelle für einen zusätzlichen Zaubertrankkurs in den Kerkern eintrug, denn der Unterricht bei Snape war längst zu ihrem Lieblingsfach geworden.
    Das hing natürlich weniger mit Snape zusammen, als mit dem Unterrichtsstoff. Doch der brodelnde Kessel faszinierte Lia und auch wenn Hermine Granger meist das das beste Ergebnis der Klasse ablieferte, so war Lia bestimmt nicht die Schlechteste und hatte noch nie eine Rüge erhalten. Zwar war Snape, ganz gleich was die anderen Lehrer behaupten mochten, ein regelrechter Gryffindor-Hasser, doch da Lia, die sich nie meldete und stumm ihre Arbeit verrichtete, ihm keine Angriffsfläche bot, fiel sie nicht in dessen Angriffsbereich. Tatsächlich hatte sie sogar für eine richtige Antwort auf eine Frage im Unterricht einen Punkt erhalten, was bis dato auch noch nicht vorgekommen zu sein schien.

    Der Zaubertrankkurs entpuppte sich als echter Gewinn. Snape war nicht freundlicher zu seinen Schülern als im regulären Unterricht und tatsächlich schienen die meisten Teilnehmer, hauptsächlich Schüler aus älteren Klassen, nicht ganz freiwillig den Kurs zu besuchen, aber Lia wurde in Ruhe gelassen und ging völlig in dem Rezept und der leuchtenden Flüssigkeit auf und wenn sie ihre Arbeit am Ende der Stunde bei Snape ablieferte, erhielt sie bisweilen so etwas wie ein düsteres Nicken.

    Draco hatte Lia seit der ersten Flugstunde nicht mehr wirklich zu Gesicht bekommen. Zwar stimmte er nicht in den Chor der unfreundlichen Schüler mit ein, doch mied er sie genauso wie alle anderen. Erst zwei Wochen nach dem Vorfall, sprach er sie wieder an. Wieder war es während der Flugstunde, die sich für Lia zur absoluten Katastrophe entwickelt hatten. Zum einen wurde den Schülern am Ort des Geschehens immer wieder der Vorfall mit dem Erinnermich ins Gedächtnis gerufen und die Ablehnung war in diesem Fach am allerdeutlichsten zu spüren. Zum anderen war Lia, was die Kunst des Besenfliegens betraf absolut talentfrei und selbst Neville Longbottom konnte sich länger in der Luft halten als sie. Es war wirklich schon lächerlich, wie oft sie sich auf die Nase legte, vom zuckenden Besenstiel fiel oder beim 'Auf'- Ruf, den Besen ins Gesicht bekam. Lia war sich sicher, sollte sie notentechnisch in Hogwarts scheitern, dann war allein dieses Fach Schuld.
    Als sie sich wieder einmal aus dem Dreck des Quidditchfeldes hochstemmte – der Herbst hatte langsam begonnen und die ständigen Regenschauer hatten den Boden stark aufgeweicht – bremste Draco seinen Besen neben ihr ab und musterte sie kritisch.
    „Du hast viel zu viel Angst vor dem Besen“, sagte er und stieg ab. Lia wischte sich eine Fuhre Schlamm aus den Augen und kam schwankend auf die Beine. Ihr Pullover klebte an ihrem Körper und war schwer von Schmutz. Draco hob ihren Besen auf und betrachtete ihn. 
    „Du hast aber auch einen von den schlechteren erwischt“, brummte er und zeigte ihr den Schriftzug. „Da, siehst du. Windwirbel 7.1. Die sind schon seit Jahren überholt, weil sie ständig ausfallen.“ Lia blieb unschlüssig wo sie war. Solange sie ihren Besen nicht zurückbekam, konnte sie nicht weg und sie wusste nicht, was sie zu Draco sagen sollte. Der zog eine Augenbraue hoch und musterte sie erneut, wie sie von oben bis unten mit Schlamm beschmiert, den blonden Zopf vor Dreck starrend und leicht zerrupft vor ihm auf dem Quidditchfeld stand, während über ihnen die begabteren oder die schlichtweg normalen Schüler durch die Luft sausten. Nach einigen Sekunden des Schweigens reichte ihr Draco schließlich seinen eigenen Besen. Überrascht reagierte Lia zunächst gar nicht.
    „Der fliegt besser“, erklärte Draco, als Lia immer noch keine Anstalten machte, den Besen anzunehmen. „Auch wenn dir das nicht viel weiterhelfen wird. Solange du weiterhin den Besen fürchtest, wird er das spüren und die Kontrolle übernehmen. Aber die Sauberwischs sind trotzdem einfacher zu steuern. Ist immerhin ein Anfang.“
    Langsam streckte Lia die Hand aus und nahm den Besen entgegen. Sie wusste, sie sollte jetzt 'danke' oder etwas Ähnliches sagen, doch irgendwie kamen ihr die Worte nicht über die Lippen. Draco bestieg seinerseits den alten Windwirbel und hatte den Besen im selben Moment unter seiner Kontrolle. Mme Hooch, die endlich darauf aufmerksam geworden war, dass zwei Schüler sich seit geraumer Zeit am Boden befanden, segelte herunter und bremste ab.
    „Bist du verletzt, Cara?“, blaffte sie.
    „Nein, Madame“, sagte Lia und kletterte auf den Stiel.
    „Dann hast du am Boden nichts zu suchen. Hoch mit dir in die Luft! Und du auch, Malfoy. Zum Reden habt ihr später Zeit.“
    Draco zog eine Grimasse hinter ihrem Rücken als sie davon schwebte und war im selben Moment wieder ganz nach oben in den Himmel gesaust, wo er zwischen den Torstangen hin und her flitzte. Auch Lia stieß sich mehr schlecht als recht vom Boden ab und schwebte im Taumelflug in zwei Metern Höhe dahin. Tatsächlich schien es dieser Besen nicht dauerhaft darauf anzulegen, seinen Besitzer abzuwerfen. Draco hatte Recht gehabt. Und Lia wurde das Gefühl nicht los, dass der Besentausch seine eigenwillige Art gewesen war, ihr für ihre Lüge zu danken oder einfach seine Schuld zu begleichen. In seinen Augen waren sie nun quitt.





    „Liebe Lianna,
    es freut mich, dass Du gut in Hogwarts angekommen bist. Ich habe bereits mit deinen Lehrern und dem Ministerium gesprochen und erfahren, wie vorbildlich Du Dich eingelebt hast und was Du für herausragende Leistungen zeigst. Ich bin sehr, sehr stolz auf Dich.
    Ich kann es kaum noch erwarten an Weihnachten endlich mein kleines Mädchen wieder in die Arme zu schließen. Dann werden wir Deine Aufnahme ins Haus Gryffindor gebührend feiern.

    In Liebe

    Dein Daddy“

    Dieser Brief erreichte Lia am Donnerstag beim Frühstück und er trieb ihr sämtliche Farbe auf einen Schlag aus dem Gesicht. Augenscheinlich freundlich formuliert trug der Brief für Lia eine deutliche Drohung mit sich, die ihr zeigte, dass das Thema Häuserauswahl bei ihrem Vater keineswegs in Vergessenheit geraten war. Am Huffelpuff-Tisch veränderte sich auch Gedrefs Gesichtsfarbe. Scheinbar hatte auch er einen Brief von zu Hause bekommen, der ihm nicht gefiel. Als Lia verfrüht die große Halle verließ, kümmerte das niemanden. 

    Lias erste Stunde war erst am Nachmittag, den Morgen hatte sie frei. Eigentlich hatte sie in die Bibliothek gehen wollen, um zu lernen, denn am Abend fand der Zaubertrankkurs statt, doch jetzt war sie zu verstört. Manchmal hatte sie den Gedanken an Gordon und die immer näher rückenden Weihnachtsferien verdrängen können, doch ihn ganz abzulegen, war ihr nie gelungen. Obwohl Hogwarts sich als wirklich scheußlich herausgestellt hatte, graute Lia vor dem Moment, wenn sie wieder den Zug besteigen und das Schloss verlassen musste, denn was auch immer sie erwartete, war mit Sicherheit schlimmer. 
    Wahllos irrte sie durch die düsteren Gänge. Es wurde morgens jetzt immer später hell und die Fackeln an den Wänden konnten die heraufkommende Finsternis nicht aus allen Ecken vertreiben. Als sie etwas, das verdächtig nach Peeves klang, in einem Nebengang hörte, wich sie in das erstbeste Klassenzimmer aus, das ihr in den Weg kam.

    Bereits beim Betreten merkte Lia, das das hier kein gewöhnliches Klassenzimmer war. Nachdem sie sich umgeblickt, die Vitrinen und Schränke registriert hatte und ihr die vielen Aufzeichnungen ins Auge gefallen waren, erkannte sie, dass ihr Weg sie ins Pokalzimmer geführt hatte. Lia hatte schon davon gehört. Jeder Schüler und jede Schülerin, die sich durch irgendwelche Leistungen besonders hervorgetan hatte, sei es durch Noten, Quidditch, Engagement für die Schule oder soziale Taten wurde hier auf Urkunden, Pokalen, Medaillen, Wandplaketten oder verschiedenen Trophäen vermerkt. Gordon hatte ihr einmal voller Stolz erzählt, dass man auch ihm eine der vielen Wandplaketten, wegen seiner herausragenden Leistungen als Schulsprecher gewidmet hatte. Vorsichtig näherte sich Lia den Plaketten am Ende des Raumes. Auch in Hogwarts wurde sie Gordon nicht los. Selbst der Schule schien er seinen Stempel aufgezwungen zu haben.
    Auch der Name ihrer Mutter war in irgendeinen dieser Staubfänger eingraviert, doch Lia wusste nicht mehr in welchem, noch, weswegen. 

    Gerade als Lia die Wand erreicht hatte ertönte draußen vor der Tür ein lauter Knall. Vor Schreck fuhr Lia zusammen und konnte gerade noch einen Schrei abwürgen, indem sie die Hand vor den Mund schlug. Die Tasche jedoch glitt ihr von der Schulter und ihr Inhalt ergoss sich auf den Boden des Pokalzimmers. Auf dem Gang ertönte ein lautes Giggeln, dann ein keuchendes Fluchen: 
    „Peeeeeeeves! Diesmal krieg ich dich... das war's... diesmal fliegst du raus... na warte... na... warte... Dumbeldore... ich werde Dumbledore informieren!“ Die Geräusche waren jetzt direkt hinter der Tür und man musste kein Ravenclaw sein, um zu erkennen, dass hier Gefahr drohte in Form von Filch. Lia drückte sich gegen die Wand des Regals und schloss die Augen. Von weiter entfernt ertönte erneut das gackende Lachen. Lia bangte buchstäblich um ihr Leben. Sie hatte die Spukgestalt Filch bisher nur von weitem gesehen, doch der Mann war in Hogwarts längst zur Legende geworden. Jeder, dem sein Leben lieb war und der es nicht in Filchs muffigem Büro oder beim Nachsitzen verbringen wollte, schlug einen großen Bogen um den Mann.
    „Na, warte!“, keuchte Filch, der völlig außer Atem war. „Na, los, meine Süße, den kriegen wir noch. Wir werden zu Dumbledore gehen und dann... dann, meine Süße, fliegt er in hohem Bogen von der Schule.“ Die widerliche Katze war also auch da. Lia gruselte es fast noch mehr vor dem Tier als vor dem Mann. Sie hatte Tiere eigentlich immer gemocht. Dann hatte sie Mrs Norris gesehen und ihre Bösartigkeit und die hingebungsvolle Treue zu ihrem Herrchen gespürt. 

    Ein weiteres Schnaufen, dann setzte sich Filch in Bewegung. Doch Lia konnte seine schreckliche Katze durch den Raum hindurch noch immer vor der Tür stehen spüren. Woher dieses Gefühl kam, wusste sie nicht, doch sie war sich ganz sicher, dass Mrs Norris sich um keinen Zentimeter bewegt hatte. Und tatsächlich:
    „Komm schon, meine Süße, wir müssen uns beeilen. Wir müssen als erste bei Dumbledore sein. Na, los.“ Erst jetzt setzte sich das Tier langsam in Bewegung. Mit einem Maunzen folgte sie dem Hausmeister und war kurz darauf verschwunden, weit genug, dass selbst Lia sie nicht mehr wahrnehmen konnte.

    Lia atmete ein paar Mal tief durch. Das war knapp gewesen. Zwar hatte sie im Grunde genommen nichts Verbotenes getan, doch das war Filch meistens egal. Sie war ein Schüler und Schüler waren böse. Sie waren der Feind und den Feind bestrafte man. Zwar war diese Philosophie sehr einfach, doch in ihrer Ausführung äußerst effektiv.
    Lia jedoch wollte nur noch weg. Sie hatte fürs Erste genug Ärger am Hals. Hastig sammelte sie Gordons Brief und ihre Bücher wieder ein, hob sich die Tasche auf die Schulter und nachdem sie sich sicher war, dass der Gang frei war, hastete sie davon.



    Auch der nächste Tag brachte, obwohl das Wochenende nahte, eine Menge Dramatik mit sich, auch wenn Lia zunächst nicht davon betroffen war. Dennoch erfuhr sie es unfreiwillig mit halbem Ohr, denn im Gemeinschaftsraum war es das Gesprächsthema Nummer eins: Lee Jordan, der Freund der Zwillinge, war von Snape dabei erwischt worden, wie er eine nicht unbeträchtliche Menge Stinkbomben durch die Gänge hatte schmuggeln wollen. Offenbar hatte irgendjemand, vermutlich wieder einer der Slytherins, deren ständige Konkurrenz zu den Gryffindors Lia fast schon anstrengend fand, dem Lehrer einen Tipp gegeben und Lee war aufgeflogen. Zu allem Überfluss hatte Mrs Norris mit ihrer scharfen Nase für Regelbrüche noch weitere Tüten mit dem unappetitlichen Material in der Nähe gefunden und Snape hatte Lee zu zwei Wochen nachsitzen im Kerker verdonnert.
    Die Gryffindors hörten es mit Empörung. Wegen ein paar Stinkbomben zwei Wochen lang jeden Abend eine Stunde in Snapes Kerker? Lehrer waren doch ungerecht. 
    Lia interessierte sich nicht sonderlich für die Geschichte. Sie kannte Lee Jordan nur vom Sehen und mit den Zwillingen hatte sie keine guten Erfahrungen gemacht, deswegen durchquerte sie zügig den Gemeinschaftsraum ohne genauer hinzuhören. Hätte sie es getan, hätte sie vielleicht das interessante Detail an der Geschichte erfahren, welches ihr erneut das Genick brechen sollte.

    „Er ist doch selbst Schuld“, meinte Ron der seine Papiere über das gesamte Sofa verteilt hatte. „Was läuft er auch mit den Dingern quer durch die ganze Schule?“ George druckste herum.
    „Im Grunde genommen sind wir Schuld“, erklärte er mit einem Blick auf seinen Zwilling. „Wir hatten einen kleinen Spaß für Quirells Stunde geplant und als McGonagoll uns abgefangen und uns ins Büro zitiert hat, ist Lee eingesprungen. Naja, und da haben sie ihn dann erwischt.“
    „Ja, eigentlich sollten wir jetzt da unten sitzen.“
    „Wieviele Stinkbomben waren es denn, wenn Snape so eine Strafe verhängt?“, fragte Harry mäßig interessiert und schob eines der Pergamente von seinem Schoß. Fred und George sahen sich betreten an.
    „Nicht sooo viele“, sagte George.
    „Vielleicht ein paar.“
    „Drei oder vier Tüten. Oder mehr.“
    „Nur ein Notvorrat.“
    „Kaum der Rede wert.“
    „Oh“ bemerkte Harry. Es musste wirklich eine ganze Menge Stinkbomben gewesen sein. „Was hattet ihr denn genau damit vor?“
    Fred grinste wehmütig.
    „Ein Künstler verrät niemals seine Tricks. Aber sagen wir es so: Quirells Turban wäre dabei durchaus in Handhabung gekommen.“ Irgendwo in einer anderen Ecke hob Hermine genervt die Augenbrauen.
    „Trotzdem wäre es interessant zu wissen, wer ihn verpetzt hat“, sagte Fred grimmig. „Ich sage euch, wenn ich diesen miesen Slytherin erwische, dann kann er etwas erleben, das sich gewaschen hat. Der wird noch früh genug lernen, dass er sich mit dem falschen Weasley angelegt hat.“
    „Habt ihr einen Plan, wer es gewesen sein könnte?“, fragte Ron und begann das Chaos auf dem Sofa mit beiden Händen in seine Tasche zu kehren. Hermine rümpfte in ihrer Ecke laut die Nase.
    „Richard Young“, sagte Fred und seine Augen nahmen einen gefährlichen Glanz an. „Er hat zuletzt so etwas durchklingen lassen. Und einen Grund hätte er ja auch.“ Er zwinkerte seinem Bruder zu. „Schließlich hat seine Schwester mit unserem Georgie hier angebandelt.“ George verdrehte die Augen. 
    „Ich tippe auf Marcus Flint“, meinte er. „Beim letzten Training hast du einen sehr unschönen Kommentar über seine natürliche Klugheit losgelassen, falls du dich erinnerst.“ Fred blickte nachdenklich drein, doch dafür war Harrys Gedächtnis umso besser.
    „Du hast etwas über einen Furunkel an einer unschönen Stelle gesagt, der mehr Intelligenz hätte als er!“, half er Fred freundlich auf die Sprünge.
    „Oh, das“, erinnerte sich Fred verträumt. „Das war wirklich nicht nett.“ George grinste:
    „Aber wahr.“
    „Wie auch immer“, kam Fred zum ursprünglichen Thema zurück. „Wenn er es war, dann finde ich es raus und dann wird sich seine Mutter noch freuen, wenn sie sein hässliches Gesicht in einem Stück zurückbekommt.“

    Die meisten hätten diese Drohung schnell wieder vergessen, doch Fred Weasley hielt in der Regel, was er versprach. So begann seine Suche zunächst am Ort des Geschehens, wo er wider erwarten fündig wurde. Denn wer auch immer es gewesen war, der Lee verpfiffen hatte, er war unvorsichtig gewesen und hatte einen Bibliotheksband über alte Geschichte verloren, ein Lehrbuch für Fünftklässler, das Fred zusammen mit seinem Bruder behutsam zur Bücherei trug, um dort den Täter zu ermitteln.
    „Guten Tag“, begrüßte er Madame Pince mit einem charmanten Lächeln und hielt das Buch hoch. „Bitte entschuldigen Sie die Störung, doch ich habe bei meiner Lerngruppe aus Versehen das Buch von jemand anderen eingesteckt. Ich würde es dem Besitzer gerne zurückgeben, vermutlich vermisst er es schon.“ Der altbekannte Weasleycharme schlug bei Madame Pince nicht an.
    „Dieses Buch ist Eigentum der Bibliothek, nicht eines Schülers“, erklärte sie gereizt. Die Zwillinge tauschten einen genervten Blick.
    „Natürlich“, erklärte Fred ihr mit Engelsgeduld. „Deswegen sind wir ja hier. Wir würden es gerne dem Schüler zurückgeben, der es sich aus ihrer Bibliothek ausgeliehen hat. Natürlich nur, wenn sie so überaus freundlich sein könnten, den Namen für uns herauszufinden. Es wäre uns eine große Hilfe.“ Misstrauisch betrachtete Madame Pince die beiden. Dann stieß sie ein unwilliges Brummen aus, hob ihren Zauberstab und deutete auf den Schrank hinter ihr. Eine Schublade begann zu zittern, sprang auf und eine kleine Karteikarte segelte elegant in ihre Hand. Madame Pince studierte sie aufmerksam, während die Zwillinge gespannt warteten. 
    „Wer ist es“, fragte George aufgeregt. Madame Pince reichte die Karte herüber und Fred ergriff sie. George beugte sich vor und beide lasen mit ungläubiger Miene den Namen, der auf der Karte stand.
    „Nein“, flüsterte George. „Das kann nicht sein.“ Freds Hand zitterte vor unterdrückter Wut.
    „Cara“, zischte er.

    8
    Es war einige Tage vor Lees Bestrafung und der Konfiszierung der Stinkbomben von Filch, als Gedref zu Lia an den Gryffindortisch kam.
    „Hast du den Brief fertig?“, fragte er unwillig.
    Lia nickte. Natürlich hatte sie den Brief fertig. Gehorsam war schließlich ihre Devise. Jede Woche berichtete sie Gordon sorgfältig in einfachen Worten von ihren Leistungen und ihren Bewertungen und händigte den Brief dann Gedref aus, der ihn zusammen mit seinem eigenen Bericht über die Schule in die Eulerei brachte und an seinen Vater verschickte. Misstrauisch betrachtete Gedref den Brief, der dicker war als gewöhnlich. Das Ministerium, das noch immer auf Schritt und Tritt über Lia wachte, hatte eine Bewertung der Schülerin von ihrer Hauslehrerin gefordert, die McGonagoll ihr gestern mit säuerlicher Miene ausgehändigt hatte. Sie schien nicht begeistert zu sein, dem Ministerium Rechenschaft ablegen zu müssen, ihr war es wichtig, wenn ihre Schüler pünktlich, fleißig und aufmerksam waren, alles drei Eigenschaften, die Lia fast bis zur Perfektion erfüllte.
    Der Beurteilung war versiegelt und Lia war nicht so dumm sie zu öffnen. Unangetastet hatte sie sie dem Brief beigefügt und händigte diesen jetzt Gedref aus. Damit war ihre Verantwortung vorbei. Wenn jetzt irgendetwas schief ging, war das Gedrefs Sache. Gedref knallte seine Tasche auf die Bank, wo sie umkippte und nur ein schnelles Eingreifen von Lia verhinderte, dass der gesamte Inhalt auf den Fußboden fiel. Umständlich pfrimelte Gedref die Umschläge zusammen, riss dann seine Tasche schwungvoll hoch und zog grußlos von dannen. Lia widmete sich wieder ihrem Frühstück und wartete auf Harper. Nur eine Sekunde später ließ diese sich auf Gedrefs Platz fallen. 
    „Wer war das?“, fragte sie interessiert. Lia hob den Blick.
    „Wer?“, fragte sie begriffsstutzig.
    „Na, der Junge“, sagte Harper mit einem sonderbarem Gesichtsausdruck. Jetzt begriff auch Lia.
    „Mein Bruder“, sagte sie. „Gedref.“ Harper reckte den Kopf und blickte über die Schülermenge.
    „In welchem Haus ist er? Und in welcher Klasse.“
    „Hufflepuff“, sagte Lia und grübelte kurz darüber nach, in welchem Jahrgang Gedref jetzt steckte. 
    „Dritte Klasse“, fügte sie schließlich hinzu. Harper grinste.
    „Er ist süß“, sagte sie. Geräuschvoll landete Lias Gabel auf ihrem Teller. Harper hatte es doch noch geschafft, ihr die Sprache zu verschlagen.
    „Ist er nicht“, sagte Lia mit Nachdruck, als sie ihren Schock unter Kontrolle gebracht hatte. „Glaub mir, Harper, ist er nicht.“ Harper runzelte die Stirn, doch sie fragte nicht nach.
    „Wie auch immer“, wechselte sie das Thema. „Ich hab meine Aufgaben für diese Woche schon erledigt, also wenn du Lust hast, können wir nach dem Unterricht zum See gehen, solange es noch warm ist.“ Lia zuckte die Achseln.
    „Klar“, erwiderte sie. In ihrer Brust breitete sich ein warmes Gefühl aus. Sie würde es Harper natürlich niemals sagen, aber Lia war so dankbar, dass sie sie hatte. Harper war die Einzige an dieser Schule, die überhaupt noch mit ihr redete und die Einzige, die für Lia fast so etwas wie eine Freundin war. Lia wusste, dass das nicht gut war, doch sie brauchte Harper. Sie war ihr wichtig. Das gefiel ihr zwar nicht sonderlich, da sie ihres Erachtens schon abhängig genug von verschiedenen Menschen war, wie Gordon oder Gedref, aber nichtsdestotrotz spürte Lia deutlich, dass sie auf Harper angewiesen war. Harper, die ihr zur Seite stand, während alle anderen sich verächtlich abwandten. Harper, die es nicht im geringsten störte, dass sie nur wenig redete. Die sie mit ihrer unerschütterlichen guten Laune zeitweise vergessen ließ, was sie im Unterricht oder zu Hause erwarten mochte. Als Harper sich fröhlich winkend durch die große Halle verzog, konnte Lia nicht anders als glücklich in sich hineinzulächeln.
    Als auch sie sich zum Unterricht aufmachen wollte und ihre Schultasche aufhob, fiel etwas zu Boden. Lia bückte sich und hob ein Buch mit einem unscheinbaren braunen Ledereinband hoch. Verwirrt betrachtete sie es. Ihres war es bestimmt nicht. Das war ein Buch für Fünftklässler mit irgendwelchen Themen über die Geschichte der Zauberei. Lia nahm an, dass es Gedref aus der Tasche gerutscht war. Ein Blick ins Innere des Buches bestätigte ihren Verdacht. Gedref hatte ein Stück Pergament als Lesezeichen zwischen die Seiten gelegt, auf dem er mit seiner krakeligen Handschrift eine Art To-Do-Liste angelegt hatte. Sie rutschte Lia entgegen, als sie durch sie Seiten blätterte. Lia schob beides, Buch und Zettel in ihre Tasche. Sie würde es Gedref später zurückgeben. Jetzt musste sie sich beeilen, wenn sie nicht zu spät zu Zaubertränke erscheinen wollte und sie hatte keinesfalls vor, auch nur eine Sekunde dieses Unterrichtsfaches zu versäumen.

    So war es Gedrefs Buch, dass Fred nur wenige Tage später im Pokalzimmer fand, wo George und er die Stinkbomnben versteckt hatten und wo Filch sie mit Hilfe von Mrs Norris und einem anonymen Hinweis gefunden hatte. Und es war Gedrefs Name, der auf Madame Pince's Bücherkarte stand und der George den Unglauben ins Gesicht trieb.
    Auch Fred konnte es nicht fassen. Nachdem sich beide von ihrem ersten Schock erholt hatten, wurde beratschlagt.
    „Ich verstehe das nicht“, sagte George. „Gedref hat doch gar keinen Grund Lee zu beschuldigen.“
    „Wer sagt denn, dass sich das gegen Lee richtet“, sagte Fred. „Dieser Schlag gilt uns. Lee ist nur ein Kollateralschaden. Aber ich gebe dir Recht. Auch für mich ergibt das keinen Sinn. Noch nicht.“ Eine Weile schwiegen sie beide. Lee musste irgendwann in nächster Zeit von seinem Nachsitzen zurückkommen und George hatte ihm einen Sessel am Kamin gesichert, den Fred energisch gegen die anderen Schüler verteidigte. Nach kurzer Zeit ergriff er wieder das Wort.
    „Es ist auf jeden Fall noch zu früh, um etwas zu unternehmen“, sagte er. „Erst müssen wir rausfinden, was hier gespielt wird und wieso Cara uns verpfiffen hat.“
    „Und wie willst du das anstellen?“ George war skeptisch. Fred grübelte.
    „Die Schwester“, sagte er schließlich.
    „Was meinst du mit 'die Schwester'?“
    „Vielleicht ist die Schwester der Schlüssel zur Lösung. Möglicherweise weiß sie was oder deckt ihn.“
    George schnaubte.
    „Und du glaubst, sie redet mit uns? Ich glaube, mittlerweile hat selbst sie begriffen, dass wir sie nicht ausstehen können. Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass sie mit einem von uns reden wird?“ Ein diabolisches Grinsen erschien um Freds Mundwinkel.
    „Nein, mit uns nicht“, bestätigte er. „Aber mit Lee.“

    -*-

    Als Lia zur nächsten Stunde ihres Wahlkurses „Zaubertränke“ erschien und sich wie üblich auf einem Eckplatz hinter ihrem Kessel platzierte, ließ sich ein Junge auf den Stuhl neben ihr fallen. Lia betrachtete ihn verunsichert, die dunkle Haut und das ungewöhnliche Haar, dass ihm in Rastazöpfen vom Kopf abstand. Sie hatte ihn schon einmal irgendwo gesehen, konnte ihn allerdings nicht so recht zuordnen. Breit grinsend streckte er ihr die Hand entgegen.
    „Hi, ich bin Lee.“ Lia machte keine Anstalten sie zu ergreifen. Bisher hatte sich noch nie jemand zu ihr an den Tisch gesetzt. So etwas kam einfach nicht vor. Außerdem konnte Lia sich nicht erinnern, dass dieser Junge zu irgendeiner anderen Sitzung schon erschienen war. Er war heute zum ersten Mal hier und das konnte nur eines bedeuten: strafversetzt. Lee schien Lias Zurückhaltung keineswegs zu stören.
    „Ist das okay, wenn ich mich hierher setzte?“, fragte er. Eigentlich war Lia lieber allein. Aber was sollte sie schon sagen? Sie entschied sich für ein Achselzucken.
    „Gut“, sagte Lee erleichtert und stellte seinen Kessel neben ihren. „Danke. Du rettest mir das Leben. McDonahugh wollte sich vorhin neben mich setzten, das hätte ich nicht überlebt.“ Lia wusste, was er meinte. McDonahugh war der Seamus Finnigan der Oberstufe. Alles, was Seamus in die Luft jagte, hatte McDonahugh schon vor ihm verbrannt und man begab sich regelrecht in Lebensgefahr, wenn man sich ihm mehr als zehn Schritt näherte, hatte er seinen Zauberstab in der Hand oder hantierte er an einem Kessel.
    „Du hast mir noch nicht deinen Namen gesagt“, sprach Lee sie erneut an. Lia merkte schon, dass diese Stunde anstrengend für sie werden würde.
    „Lia“, sagte sie ohne ihn anzusehen. Doch das schien Lee nicht abzuschrecken. Im Gegenteil. Lia hatte das Gefühl eine extrem nervigen Version von Harper an ihrer Seite zu haben. Denn Lee schien im Gegensatz zu Harper von ihr zu erwarten, dass sie ihm antwortete und am Gespräch teilnahm.
    „Bist du freiwillig hier?“, fragte er. „Ist dein erstes Jahr in Hogwarts, oder? Ich glaub, ich hab dich schon mal im Gemeinschaftsraum gesehen. Bist du auch eine Gryffindor?“ Abwartend blickte er sie an. Lia erkaufte sich Zeit, indem sie ihre Zutaten für den heutigen Trank auf dem Tisch sortierte.
    „Ja“, sagte sie schließlich. Lee legte den Kopf schief. Harper hatte dieselbe Angewohnheit.
    „Ja?“, wiederholte er unbeschwert. „Auf welche von meinen Fragen war das jetzt die Antwort?“ Lia zögerte.
    „Alle“, sagte sie. Lee lachte laut auf, laut genug, dass Snape schlecht gelaunt von seinem Pult aufsah. Spaß, trat er allzu deutlich zu Tage, war in seinem Unterricht ein Tabu. 
    „Ich geh dir ganz schön auf den Senkel, nicht wahr?“, fragte er. Lia schüttelte den Kopf, doch Lee grinste nur noch breiter. 
    „Schon gut“, sagte er leise, denn Snape hatte seinen Kopf gehoben und spähte wachsam über die Schülergruppe. „Ich halt schon meinen Mund.“ Er wandte sich seinen Zutaten zu. Lia betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Sie war mittlerweile ziemlich gut in Zaubertränke geworden und erkannte sofort, wenn jemand planlos an die Aufgabe des Brauens heranging. Lee hatte mit Sicherheit keine Ahnung, was zu tun war.
    Doch das war nicht ihr Problem, ermahnte sich Lia selbst. Lee war in einer der höheren Klassen. Wenn er bis heute noch immer nicht gelernt hatte, wie man einen Heiltrunk gegen chronische Müdigkeit braute, dann hatte er in seiner Schullaufbahn etwas ganz furchtbar verkehrt gemacht. Lee hob einen Becher mit gehackten Koboldzähnen hoch und schickte sich an, ihn in den Kessel zu gießen. Lia fragte sich, ob er das Rezept gelesen hatte. Lee fing ihren Blick auf, dann stellte er den Becher zurück und drehte sich auf der Bank zu ihr um.
    „Okay, was mache ich falsch?“ Lia zuckte zusammen. Lee grinste. 
    „Leugnen ist zwecklos, dein Gesichtsausdruck sagt mehr als tausend Worte. Also... was ist verkehrt?“ Lia zögerte. Wieder so eine Zwickmühle. Half sie Lee, geriet sie mit Sicherheit in Schwierigkeiten mit Snape und vor allem mit Gordon. 'Unauffällig' lautete der Kodex. Half sie Lee nicht, erweiterte sie ihre lange Liste von Leuten, die sie nicht ausstehen konnten, um einen weiteren Namen. Als Lia sich umdrehte, hoffte sie, wenigstens einmal die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
    „Die Koboldzähne“, sagte sie. „Du musst sie erst mahlen, sonst kocht der Trank nachher nicht richtig auf. Und du musst vorher das Spinnenextrakt einfüllen und den Kessel einheizen.“ Lee runzelte die Stirn. 
    „Das ist ein fortgeschrittenen Trank. Woher weißt du das? Du hast nicht mal ins Rezept geguckt.“ Lia zuckte die Achseln, während Lee den Mörser heranzog und begann die Koboldzähne zu mahlen. Als er den Kessel erhitzen wollte, schüttelte Lia den Kopf. 
    „Erst das Spinnenextrakt“, erklärte sie leise. Wieder legte Lee den Kopf schief.
    „Du bist ziemlich gut in dem Fach, oder?“ Lia blickte zu Boden. Eindeutig die falsche Entscheidung. Schon wieder. Lee beugte sich zu ihr herüber. 
    „Hey, finde ich gut. Ich zum Beispiel bin ziemlich schlecht und ich stelle gerade fest, dass es äußerst schlau von mir war, sich neben dich zu setzten. Scheinbar bist du das Genie hier.“ Gegen ihren Willen errötete Lia, doch Gott sei Dank fiel es Lee nicht auf. Er streckte ihr die Schale mit den zermahlten Koboldzähnen entgegen.
    „Richtig so?“ Lia nickte. 

    Während Snape seine Runden zog und die Tränke zu köcheln begannen, leistete Lia zweifache Arbeit. Zum einen kümmerte sie sich um ihr eigenes Gebräu, zum anderen erklärte sie Lee, der bei jeder Aufgabe bei ihr nachfragte, die Grundzüge des Zaubertrankbrauens. Lia konnte nicht leugnen, dass ihr Banknachbar diese dringend nötig hatte. Scheinbar hatte er noch nie das Buch zur Hand genommen. Anfangs war Lia die Fragerei noch lästig, doch mit der Zeit merkte sie, dass sie sogar Spaß dabei hatte. Als Snape zum Unterrichtsende die Proben einsammelte, hatten Lia und Lee  mit Abstand die besten Ergebnisse vorzuweisen und Lee schwelgte in Begeisterung. Als sie zum Gemeinschaftsraum gingen und durch das Porträtloch kletterten, streckte er ihr sogar hilfsbereit die Hand entgegen, die Lia allerdings ignorierte. Im Gemeinschaftsraum trennten sie sich schließlich.
    „Halt mir nächstes Mal einen Platz bei dir frei“, rief Lee ihr noch nach, als er zu den Jungenschlafsälen abbog. Und Lia stand mitten im Gemeinschaftsraum und fühlte sich mit einem Mal rundum zufrieden.


    Fred und George warteten gespannt im Schlafsaal. Als sich die Tür endlich öffnete und Lee eintrat, sprangen beide auf.
    „Und?“, fragte George. Lee hob die Daumen.
    „Sie hat angebissen“, sagte er.

    9
    Eines sollte man über Gordon de la Cara wissen, bevor man über ihn urteilte. Gordon liebte seine Kinder und bei allem, was er sagte und was er tat, war überzeugt davon, es in ihrem besten Sinne zu tun. Gordon de la Cara hielt sich für einen gerechten Mann.
    Als er damals an diesem kalten Novemberabend die kleine Lianna Lestrange in sein Haus aufnahm als sein eigenes Kind, da war sich Gordon der Verantwortung, die diese Aufgabe mit sich brachte durchaus bewusst, eine schwierige Aufgabe, der er dennoch bereit war, sich zu stellen. Mit dem Ministerium auf der einen Seite und dem dunklen Lord auf der anderen. Im Grunde genommen scherte sich Gordon um beide nicht besonders viel. Das Ministerium tat sowieso nichts anderes außer große Reden zu schwingen, ihn mit nutzlosen Formularen zuzumüllen und jeder Überprüfung zehn Beschwerden nachzusenden. Und der dunkle Lord war nun mal nicht hier, tot oder wahrscheinlicher irgendwo weit weg lauernd in einem Gebüsch oder einer muffigen Höhle. Wer wusste schon was der trieb? Tatsache war, er war auf jeden Fall nicht hier, um ihm in die Suppe zu spucken, also konnte er Gordon auch einstweilig egal sein.
    Die verbliebenen Todesser waren es, die ihm am Meisten Sorge bereiteten. Sie hatten ein scharfes Auge auf die Erziehung der Lestrange-Tochter und sie wollten Ergebnisse sehen. Und es war schwer, sie zufrieden zu stellen. Patterton war der Schlimmste von ihnen. Einmal in zwei Wochen erschien seine Visage vor dem Glas der Terassentüren und jedes Mal, wenn Gordon ihm öffnete, stellte er sich mit Begeisterung vor, wie er seinen knochigen Hintern mit einem Tritt in den Gartenteich befördern würde.
    Damals war es zum Streit gekommen. Louis Patterton und Gordon hatten beide zeitgleich Anspruch auf das Sorgerecht für Lia erhoben. Das Ministerium hatte lange diskutiert und die verbliebenen Todesser hatten überall ihren Einfluss geltend gemacht. Letztendlich hatte Gordon gewonnen. Zum einen hatte er die Malfoys auf seiner Seite gehabt, deren Meinung selbst damals noch einen hohen Stellenwert hatte. Zum anderen war Patterton schon immer ein wenig unvorsichtig gewesen und die Gerüchte, er hätte dem dunklen Lord gedient, ließen sich nie ganz von ihm ausmerzen. Patterton war ein Muggelhasser wie er im Buche stand und hatte daraus niemals einen Hehl gemacht. Insofern hatte Gordon einen Vorteil gehabt, ihn erkannt und hemmungslos gegen Patterton verwendet. Und gewonnen. Gordon hatte sich nie etwas anlasten lassen. Dafür war er zu schlau. Oder zumindest zu achtsam.
    Patterton selbst hatte drei Kinder. Seine Frau Alewtina kam aus Russland und hatte wenigstens für ihren erstgeborenen Sohn eine Ausbildung in Durmstrang durchsetzten können. Die anderen beiden, zwei Mädchen, gingen nach Hogwarts, doch in welches Haus, konnte Gordon nicht sagen. Im Grunde genommen war es ihm auch egal. Sollten sie doch alle zum Teufel fahren.
    Gordon hatte Lia mit der nötigen Strenge erzogen. Mehr als seinen eigenen Sohn. Doch schließlich ruhten auch große Hoffnungen auf ihr. Eine Menge Hoffnungen. Irgendwann würde sie ihre Kräfte entdecken. Sie kontrollieren lernen. Und ihn töten. Dessen war sich Gordon ziemlich sicher. Er hatte sie zum Hass getrimmt, dem Hass auf ihn selbst, der irgendwann aus ihr hervorbrechen würde als pure Macht. Jeder tat so, als wüsste er nicht, worauf das Ganze hinauslief. Als würden sie den großen Plan nicht sehen, der hinter all dem stand. Aber Gordon wusste sehr genau, was er war: Der treue Soldat, der seine Aufgabe erfüllte und die mit seinem Tod als letztes großes Geschenk an seinen Meister enden würde. Nichts schwärzte eine Seele so sehr wie Mord. Nichts härtete einen mehr gegen den Ernst des Lebens ab, machte einen stark. Und nichts war machtvoller als den eigenen Vater zu töten. Vielleicht nicht im biologischen Sinne, aber hier ging es ausnahmsweise einmal nicht um Blut. Gordon war sich sicher, dass es zu diesem Tag kommen würde. Doch er würde ihm nicht entgegentrauern. Diese Blöße würde er sich vor allem vor Patterton nicht geben. Nein, er würde es hinnehmen wie ein Mann und zuvor seine Aufgabe mit aller Kraft und allem Eifer erfüllen. Mann würde ihn nicht als Gordon, den Feigling, in Erinnerung behalten. Nein, sie würden zurückblicken und sagen, er wäre ein vorbildlicher Soldat gewesen. Er hätte seinen Dienst bis zuletzt erfüllt. Er würde ein Vorbild sein für die anderen, an dem sie sich orientieren würden.
    Das war Gordons eigener kleiner Weg zur Unsterblichkeit. Mit Sicherheit nicht so dramatisch wie der des dunklen Lords. Aber als Todesser konnte man froh sein, wenn man überhaupt ein Stück vom Kuchen abbekam und nicht nur die Krümel. Und Gordon war keiner, der sich sein Stück nehmen ließ. Beständigkeit hieß die Lösung. Und Ausdauer. Und zufällig waren gerade diese beiden Gordons Stärken.

    -*-

    Es war das erste Quidditchspiel der Saison und wenn es nach Lia gegangen wäre, hätte sie es ausfallen lassen. Doch Harper war Feuer und Flamme und auch Lee sprach schon seit Tagen von nichts anderem mehr. Es sollte kurz nach Halloween stattfinden und Lehrer wie Schüler waren von einer geradezu hibbeligen Begeisterung erfüllt, wie sie Lia noch nie erlebt hatte. Auch das Fest der Geister stimmte Lia nicht gerade fröhlicher. Halloween, das war die nächste Station auf ihrem Weg in die Weihnachtsferien, die unaufhaltsam näher rückten. Manchmal hatte sie das Gefühl neben einer laut tickende Uhr zu stehen, die sie ständig mit daran erinnerte, wie ihr die Zeit zwischen den  Fingern zerrann.
    Am letzten Oktobertag war die große Halle beim Frühstück festlich geschmückt. Harper hatte ihren eigenen Tisch verlassen und sich neben sie gesetzt und ausnahmsweise waren alle Schüler in derart guter Stimmung, dass niemand das Wort gegen die beiden erhob.
    „Ich muss noch lernen...“, versuchte es Lia vorsichtig, als Harper gerade fröhlich plappernd ihren Abend mit verplante.
    „Du musst immer lernen“, antwortete Harper unwirsch. „Ehrlich, Lia, du kannst manchmal so...“ Sie suchte nach Worten. „Anti sein!“ Lia war verwirrt.
    „Anti?“, wiederholte sie.
    „Ja, anti!“ Harper war tatsächlich ein wenig verärgert. „Nie hast du Lust auf irgendwas, immer willst du nur lernen, lernen, lernen... ich verstehe nicht, wie dir das nicht langweilig wird. Mir passiert das ja schon beim Zuhören!“
    „Entschuldige“, sagte Lia leise. Harper unterdrückte ein leisen Fluch.
    „Kein Grund sich zu entschuldigen...“, erklärte sie. Dann grinste sie plötzlich breit und versetzte Lia einen freundlichen Schubs. „Mit dir kann man wirklich nicht streiten.“
    Lia lächelte schwach als Antwort und sammelte ihre Bücher ein, die sie über die Bank verteilt hatte.
    „Also... um sechs an der großen Halle...“, sagte Harper und stand auf. „Und verplan es nicht wieder.“ Lia nickte. Nichts lag ihr ferner, als Harper zu enttäuschen. Selbst wenn das hieß einem anstrengendem Fest beizuwohnen. Oder ein Quidditchspiel zu besuchen. Doch wie immer sollte es ganz anders kommen.
    Lia war schon am frühen Nachmittag in die Bibliothek verschwunden um an einem Aufsatz zu ihrem Zusatzkurs zu arbeiten. Seit sie mit Lee an einem Tisch saß machte ihr der Unterricht umso mehr Spaß. Lee war höflich zu ihr, freundlich und interessiert. Und er schien sich keinen Deut darum zu scheren, was die anderen von ihr dachten. Lia war sich sicher, dass er von dem Missgeschick ihrer ersten Flugstunde wusste. Jeder wusste davon. Doch er hatte sich nicht einmal darüber geäußert. In der letzten Stunde hatte er sich mit ihr über seine skurrile Haustiersammlung unterhalten.
    „Das ist Nessa“, präsentierte er ihr stolz eine Schachtel. Lia spähte hinein. Etwas schwarzes, haariges bewegte sich im Dunkel der Box und dann, ohne Vorwarnung, tauchte der schwarze borstige Oberkörper einer Riesentarantel auf. Im ersten Moment zuckte Lia erschrocken zurück, doch Lee lachte und Lia nahm sich zusammen. Sie wollte einmal in ihrem Leben nicht als Feigling dastehen. Nicht vor Lee. Zögernd kam sie näher. Lee strich dem Tier liebevoll über ein haariges Bein.
    „Zu Hause habe ich noch zwei“, schwärmte Lee. „Direkt neben den Rauchkopf-Leguanen. Ich hatte bis vor einem Jahr auch noch Lavaechsen, aber nachdem sie den Schreibtisch von meinem Dad in Brand gesetzt haben, mussten sie raus.“
    Lia schwieg dazu. Ihre Mimik hatte sie dank jahrelanger Übung unter Kontrolle, so dass sich ihr Abscheu nicht in ihrem Gesicht abmalte und Lee schien es nicht zu merken.
    „Eines unser Leguanweibchen hat Junge bekommen“, erzählte Lee munter weiter. „Allerdings wird mein Dad sie wohl auch verbannen, wenn sie alt genug sind. Es sind einfach zu viele Tiere.“
    „Ich dachte, Leguane legen Eier“, warf Lia leise ein und biss sich im nächsten Moment für ihre eigene Dummheit auf die Zunge. Was war denn nur los mit ihr? Doch Lee schien es nicht zu stören, dass sie ihn belehrte, er lachte.
    „Normalerweise schon, aber nicht die Rauchkopf-Leguane. Sie bringen ihre Jungen lebendig zur Welt, und das meistens vier oder fünf in jedem Wurf. Wir haben sogar sieben.“ Stolz warf er sich in die Brust. Lia wollte etwas erwidern, doch Snape klatschte vorne in die Hände und markierte so das Ende der Stunde. Hastig sammelte sie ihre Sachen ein und beeilte sich einen Probelösung abzugeben. Dabei erinnerte sie sich an Gedrefs Buch. War es nicht in ihrer Tasche gewesen? Suchend schob sie ein paar leere Pergamentrollen zur Seite.
    „Vermisst du etwas?“ Lee zog die Nase kraus. Lia schüttelte den Kopf und hob sich die Tasche auf die Schulter. Mit Sicherheit lag es oben auf ihrem Nachtschrank. Sie nahm sich vor, bei nächstbester Gelegenheit nachzusehen. Sie beeilte sich zu Lee aufzuschließen und schob den Gedanken beiseite.

    Als sie am Nachmittag von Halloween in die Bibliothek kam und ihre Sachen an einem Fenster ablegte, kam sie in Gedanken aus irgendeinem Grund wieder darauf zurück. Während sie die Regale nach einem Spezialbuch zur perfekten  Nutzung der Kesseltemperatur absuchte, erinnerte sie sich deutlich daran, dass ihr Nachtschrank leer gewesen war. Erst gestern hatte sie für Ordnung gesorgt und nirgendwo war ihr dabei das Buch aufgefallen. Gedref würde Ärger bekommen. Immerhin war das Buch aus dieser Bibliothek. Wurde die Ausleihfristen nicht eingehalten, war nicht mit Madame Pince zu spaßen. Wohl oder übel würde sie Gedref gestehen müssen, dass sie es verlegt hatte. Lia zog die Schultern ein. Er würde wütend werden, so viel war sicher.

    Das Buch über die Kesseltemperatur war direkt vor ihr. Lia streckte die Hand aus, um es aus dem Regal zu ziehen, als eine weitere Hand dazuschoss und das Buch an sich riss. Erschrocken wirbelte Lia herum. Vor ihr stand ein Mädchen nur wenig älter als sie selbst. Die grünen Ärmel ihres Umhangs wiesen sie eindeutig als Slytherin aus. Herausfordernd starrte sie Lia an, als wartete sie nur darauf, dass sie protestierte. Lia schwieg und zog sich zurück. Sie wollte keinen Ärger aber scheinbar schien er sie immer zu finden. Sie wich zurück. Das Mädchen riss die Augen auf.
    „Was? Du willst nichts dazu sagen?“ Sie schien empört. Eine Gruppe Mädchen im hinteren Teil der Bibliothek brach in Kichern aus. Lia schielte hinüber. Sie schienen allesamt sehr ungemütliche Personen zu sein. Lia tat einen weiteren Schritt zurück. Das Mädchen schnappte nach Luft und blickte zu ihren Freundinnen. Dann richtete sie ihre blitzenden Augen auf Lia: „Ist das dein Ernst? Du willst dir das einfach so gefallen lassen? Gar nichts machen?“
    Lia schüttelte hektisch den Kopf. Was sollte das? Sie hatte doch das Buch, warum ging sie nicht einfach? Einen Moment betrachtete sie die Fremde. Dann ließ sie das Buch zu Boden fallen. Angewidert schüttelte sie den Kopf.
    „Das ist ja erbärmlich“, schnaubte sie. „Das macht ja mal gar keinen Spaß.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und marschierte mit wippendem Pferdeschwanz davon, zurück zu der giggelnden Gruppe der Slytherin-Mädchen und ließ die sprachlose Lia zurück. Ein paar Sekunden blieb Lia einfach so stehen. Dann bückte sie sich vorsichtig nach dem Buch. Ungläubig wog sie es in der Hand. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten? Sie warf einen schnellen Blick auf die Mädchen, die immer noch jede ihrer Bewegungen beobachteten. Sie klemmte es sich unter den Arm und wich aus zu ihrem Fensterplatz. Draußen war es noch hell. Lia beschloss das Ganze zur Seite zu schieben und die Helligkeit auszunutzen. Doch ganz gelingen wollte ihr das nicht.

    Pünktlich um sechs Uhr fand sich Lia an der großen Halle ein, wo Harper bereits seit einer Minute ungeduldig wartete. Als Lia die Treppe heunterkam hellte sich ihre Miene jedoch schlagartig auf und sie kam ihr entgegen.
    „Na, endlich“, seufzte sie, als hätte sie seit einem Vierteljahr dort unten gestanden. „Sie haben die Laternen in den Kürbissen angezündet und sie schweben lassen, das musst du dir ansehen! Sie wechseln sogar die Gesichter!“
    Bereitwillig ließ sich Lia von ihr mitziehen. In der hinteren Reihe entdeckte sie das Slytherin-Mädchen vom Nachmittag. Ihr markanter brauner Pferdeschwanz wippte deutlich sichtbar in der Menge und sie war wieder mit ihren Freundinnen unterwegs. Lia machte Harper auf sie aufmerksam. 
    „Wer ist das?“, fragte sie leise und deutete in die Menge. Harper folgte ihrer Geste und ihr Gesicht verfinsterte sich. 
    „Die!“, schnaubte sie. „Die sitzt neben mir in Kräuterkunde, die blöde Kuh. Letztens hat sie mir einen Artischokenwandler in die Haare gesetzt. Fast hätte ich ihr auf die Nase geschlagen.“ Misstrauisch wandte sie sich an Lia: „Woher kennst du sie?“
    „Bibliothek“, murmelte Lia. Harper warf einen verächtlichen Blick in die Menge. „Seit wann geht die bitteschön in die Bibliothek? Ich dachte, die kann nichts anderes außer beleidigen und angeben. 'Mein Onkel ist der reichste Mann der Welt! Er hat den neuen Nimbus gebaut und mir einen eigenen gemacht, ganz speziell nur für mich. Eine Sonderanfertigung!'“, äffte Harper sie wütend nach. „Ich hasse diese arrogante Pute.“ Lia beschloss nicht weiter nachzufragen. Ein Kürbis schwebte mit schaurigem Heulen über ihre Köpfe hinweg und Harper kicherte.
    „Hab ich's nicht gesagt?“, sagte sie und folgte dem Kürbis mit begeistertem Blick. „Der kann sogar sprechen.“ Und damit war das Thema Slytherin-Mädchen für diesen Abend erledigt.

    „TROLL! TROLL im Kerker!“ Quirells Aufschrei brachte den Abend jäh zu Ende. Lia fand sich in einem Haufen verstörter Schüler wieder, die alle durcheinander wuselten und einem überforderten Percy Weasley, der versuchte die Menge zu bändigen. Als ihre Schlafsaaltür hinter ihr zufiel und die Stimmen der hysterischen Schüler im Turm zu einem dumpfen Gemurmel verblassten, erinnerte sich wieder daran, wie wenig Zeit ihr noch bis zum Dezember blieb. Nur noch ein Monat trennte sie von dem großen Grauen. Ein Monat. Das war nicht viel. Lia biss sich auf die Lippen. Sie konnte Gordons kaltes Gesicht beinahe vor sich sehen. Lia hatte nie verstanden, weswegen er so auf ihre Ausbildung drang. So versessen war, dass sie die Beste war in allem, ein Vorbild, die Stärkste. Sicher, sie war die Tochter von Bellatrix Lestrange und sie wusste von einigen Dingen, die ihre Mutter für den dunklen Lord getan hatte. Im Grunde genommen war auch sie nur eine gewöhnliche Todesserin. Genau wie ihr Vater. Auch er hatte keine besonderen Leistungen vollbracht. 
    Gordon hatte Lia von ihrer Kraft erzählt. Von der Macht, die ihr angeblich inne wohnte. Doch Lia war sich jedes Mal, wenn sie ihm nickend zuhörte sicher, er müsse sie verwechseln. Sie konnte sich nicht vorstellen, solche Kräfte zu besitzen, wie Gordon ihr weismachen wollte. Und schon gar nicht sie zu benutzen. Woher sollten sie auch kommen? Es war einfach unsinnig. Lia grub sich in die Kissen.
    Manchmal konnte sie es spüren. Einen Knoten in ihrem Inneren, als wäre ein Band verheddert und zugezogen worden. Doch fühlte es sich nicht real an, eher fern wie eine Erinnerung oder ein Traum. Und vielleicht war es auch nichts anderes. Eine Erinnerung. Der Abend, als man ihre Eltern gefangen genommen hatte... Lia schloss die Augen und schob den Gedanken beiseite. Sie hatte jetzt andere Probleme. Gordon. Gedref und sein Buch. Vielleicht eine Slytherin, die ein Opfer suchte. Das waren die Dinge, mit denen es sich zu beschäftigen galt.  Nicht die Vergangenheit. Erfolgreich wischte Lia die Schatten beiseite. Noch etwa sie dem sie gut war. Vergessen. Wenn Gordon das wüsste... bestimmt wäre er stolz auf sie.

    10
    Das Quidditchfieber hatte Hogwarts gepackt. Überall war es deutlich zu spüren: In der großen Halle, wo es scheinbar kein anderes Gesprächsthema mehr gab. als das anstehende Spiel. Im Unterricht, wo die Lehrer ihnen auffallend weniger Hausaufgaben gaben, damit die Mannschaft mehr Zeit fand, um auf den letzten Drücker noch ein paar Trainingsstunden einzuschieben. Im Gemeinschaftsraum, wo ständig irgendein Ball durch die Luft sirrte und jeden Tag irgendwo ein neues rotes Plakat oder Banner auftauchte. Und auch im Mädchenduschraum, in denen vor allem die älteren Schülerinnen, aber auch schon die Erstklässlerinnen, sich ausgiebig darüber ereiferten, welcher der Spieler wohl am besten in dem Spielerumhang aussah und ob die Blonde aus der siebten wirklich die feste Freundin des Gryffindor-Kapitäns war oder ob dies nur  wieder eines der vielen falschen Gerüchte war. Wo immer man sich auch hinwendete, man konnte dem Thema nicht entkommen. Vor allem Harper und gerade Lee waren Feuer und Flamme was das Spiel betraf und immer öfter fand sich Lia als stumme Beisitzerin einer heftigen Diskussion über Taktiken, Spielzüge und Wetterspekulationen, die wild und in lautem Tonfall über ihren Kopf hinweg stattfanden.
    Lee hatte sich ein bisschen enttäuscht gezeigt, dass Lia sich so gar nicht für DAS Ereignis des Monats erwärmen konnte und hatte ihr sogar in einem Anfall von Enthusiasmus angeboten eine Trainingsstunde als Zuschauer zu besuchen, doch Lia hatte höflich abgelehnt. Lee schien das gar nicht verstehen zu können:
    „Dein Bruder spielt doch selber bei den Hufflepuffs in der Mannschaft, oder?“
    „Kann sein.“ Lia zuckte die Achseln. Sie interessierte sich nicht sonderlich dafür, wie Gedref seine Freizeit gestaltete. Harper aber, die auf Lias anderer Seite auf den eisigen Treppenstufen vor dem Portal saß, sah das unglücklicherweise anders. Sie beugte sich sofort neugierig zu den beiden herüber.
    „Er ist Treiber“, mischte sie sich ein. „Sie haben ihn dieses Jahr aufgenommen, er wird also demnächst sein erstes Spiel haben. Und er fliegt dabei echt gut!“
    „Woher...“, begann Lia, doch wie üblich war Harper schneller.
    „Ich hab den Hufflepuffs beim Training zugesehen“, erklärte sie gut gelaunt. „Du hast mir nie erzählt, dass dein Bruder ein großartiger Flieger ist“, fügte sie ein wenig vorwurfsvoll hinzu.
    „Ja, mir auch nicht“, empörte sich Lee scherzhaft mit einem Grinsen. „Redet er nicht mal beim Frühstück drüber? Oder nimmt dich mal mit, wenn er übt?“ 
    „Nein,“, sagte Lia abweisend. Wenn Gedref sich den Besen schnappte und aus dem Haus verschwand, war sie immer sehr froh ein paar Stunden Ruhe vor ihm zu haben. Sie hatte ihn ein paar Mal über das Fenster in der Ferne seine Kreise ziehen sehen, doch dass er so gut war, dass er in der Hausmannschaft spielte, war ihr völlig entgangen. Und auch das Frühstück lief bei ihnen im Haus im leise ab. Geplapper war nicht erwünscht und so schwiegen die beiden. 
    „Hast du ein Problem mit deinem Bruder?“ Lee sah sie mit wachen Augen an. „Habt ihr euch gestritten? Oder versteht ihr euch einfach nicht?“ Auch Harper starrte zu ihr und schlagartig kam sich Lia vor wie in einer Befragung. Wie das monatliche Knebelverhör des Ministeriumsvertreters, der ihr mit Feder und Pergament gegenüber saß und sogar ihre Haltung, ihre Kopfneigung und ihren Gesichtsausdruck aufnahm.
    Lia zuckte erneut die Achseln und blieb stumm. Die ganze Situation war ihr zuwider. Was interessierten sich die beiden plötzlich für ihren Bruder? 
    Harper rettete die Situation, bevor sie noch unangenehmer werden konnte.
    „Also ich finde ihn nett“, stellte sie offenherzig fest. „Ich hab mich mal mit ihm unterhalten und er ist wirklich cool.“
    „Er scheint auch ziemlich beliebt zu sein“, wandte sich Lee an Harper, weg von Lia. „Und er versteht sich auch gut mit den Lehrern.“ 
    Während Harper und Lee noch weiter intensiv über ihren Bruder philosophierten, wurde Lia mit einem Mal bewusst, wie wenig sie wirklich über Gedref wusste. Seit fünf Jahren wohnte sie mit ihm unter demselben Dach, sie aßen, sie tranken und sie lebten zusammen und dennoch hatte sie keine Ahnung, was in Gedrefs Leben so vor sich ging. Das Buch, dass ihm aus der Tasche gefallen war, fiel ihr wieder ein. Das Buch, das sie verloren hatte. Geschichte für Fünftklässler, wenn sie sich Recht erinnerte. Sie hatte auch nicht gewusst, dass Gedref sich für Vergangenheit der Zauberei interessierte.
    Der Gedanke verfolgte sie auch noch, als sie, Harper und Lee sich längst auf den Weg zum Unterricht gemacht hatten. Harper trennte sich von ihnen vor der großen Halle. 
    „Zaubertränke“, murrte sie mit einer missgelaunten Grimasse. „Wir sehen uns beim Abendessen.“
    Lia und Lee hatten noch eine paar Gänge gemeinsam.
    „Hat Gedref ein Problem mit dir, weil du nicht im selben Haus bist?“, fragte Lee. „Hat er was gegen Gryffindors?“
    Lia blieb stehen. 
    „Wieso fragst du so viel zu meinem Bruder?“, wollte sie wissen.
    „Es interessiert mich eben“, meinte Lee. „Manchmal würde ich dich einfach gerne verstehen.“ Mit einem Grinsen winkte er ihr noch einmal und verschwand dann in Richtung der Bibliothek.

    -*-

    Mayla Patterton saß auf ihrem Bett und starrte auf den Brief in ihren Händen. Obwohl er erst heute Morgen von einer einer Schleiereule sorgsam vor ihr abgelegt worden war, war er jetzt schon ausgeblichen und zerknittert. Auch die Tinte war zerlaufen, als Mayla begonnen hatte zu weinen und jetzt war der Brief in einem Zustand, den man schwerlich noch als lesbar bezeichnen konnte. Mayla schluckte und fuhr mit den Fingern über das Pergament. Sie wollte nicht schon wieder weinen, es kam ihr vor, als hätte sie den ganzen Tag nichts anderes getan.
    Im Unterricht hatte sie sich zusammengenommen und auch vor ihrer Zwillingsschwester, die ihr beim Mittagessen ihren eigenen Brief gezeigt hatte, eine genaue Abschrift von Maylas, da hatte sie nur höhnisch abgewinkt und gemeint, es wäre doch sowieso abzusehen gewesen. Doch jetzt, auf ihrem Bett hinter den grünen Samtvorhängen, in dem leeren Schlafsaal, wo sie keiner sehen konnte, da hatte Mayla nicht mehr an sich halten können. Stundenlang hatte sie in ihr Kissen geschluchzt, nicht fähig sich sich zu beruhigen.
    Ihre Familie brach auseinander. Ihre Mutter hatte heute morgen unterschrieben. Jetzt war es vorbei. Für immer. Mayla ließ sich zurück auf die Matratze fallen und zerknüllte bestimmt zum hundertsten Mal den Brief in ihrer Faust.
    Es war nie einfach gewesen, ihre Eltern hatten sich ständig gestritten. Wo auch immer sie hingingen, egal, was es war, alles war ein Krieg gewesen. Und selbst als ihre Eltern immer öfter von Scheidung sprachen, hatte Mayla gehofft, dass es niemals so weit kommen würde, dass das alles nur Gerede war, wie die Erwachsenen es eben ständig taten. Doch gestern Abend war ihre Mutter gegangen. Ihr Vater hatte ihr und ihr und Rena den Brief geschrieben und ihnen knapp mitgeteilt, dass ihre Mutter ihm die Papiere noch in der Nacht zugesandt hatte, von Maylas Tante aus in Obninsk, ihrem Geburtsort. Somit waren Mayla, Rena und ihr Bruder nun offiziell Scheidungskinder.
    Mayla wusste nicht, wie es nun weitergehen sollte. Rena und sie selbst würden ganz normal, wie ihr Vater betont hatte, in den Weihnachtsferien nach Hause kommen. Auch wenn es Mayla nun mehr schwerlich wie ein zu Hause vorkam. Allein die Vorstellung ohne ihre Mutter dort zu sein, Weihnachten zu feiern, wenn sie fehlte, sprengte ihren Verstand. Und auch ohne Andrej. Maylas Bruder ging nach Durmstrang und nach allem, was Mayla in dem Brief gelesen hatte, würde er wohl die Ferien bei Mutter und Tante in Russland verbringen. Ohne sie.
    Noch immer rannen Mayla die Tränen über die Wangen, unablässig liefen sie in ihr Haar und das feuchte Kissen. Und mit jeder Träne, fühlte sich Mayla ein Stückchen leerer, als würde sie innerlich ausbluten. Ihre Schulbücher lagen vor ihr auf dem Boden, die Hausaufgaben hatte sie nicht angerührt und das, obwohl Mayla Unordnung hasste. Als ihre Bettnachbarin in den Raum marschierte und das Abendessen erwähnte, richtete Mayla sich endlich auf. Stumm zog sie sich den Umhang über die Schultern, schnappte sich ein Handtuch und wandte sich zu den Duschen.
    „Hast du geheult?“, schnaubte ihre Mitbewohnerin. Ungläubig musterte sie sie von der Seite. 
    „Halt die Klappe, Millicent“, fauchte Mayla und band sich den braunen Pferdeschwanz nach oben. „Kümmer dich um deinen eigenen Dreck!“ Den verächtlichen Kommentar, der ihr folgte, hörte Mayla schon gar nicht mehr. Sie wollte nur noch weg. Weit weg, in eine Welt, in der noch alles in Ordnung war.

    -*-

    Besen sausten durch die kalte Luft und wetteiferten mit dem Wind. Fasziniert und auch ein wenig neidisch starrten Harper und Lia von den Rängen nach oben in die Luft,  wo die Mannschaften der Häuser Slytherin und Gryffindor hoch über den Köpfen der Menge ihre Plätze einnahmen. „Mein Dad war auch in der Hausmannschaft“, plapperte Harper fröhlich ohne Lia anzusehen. „Er hat in seinem dritten Jahr als Jäger den Pokal geholt und wurde sogar von Dumbledore selbst gelobt.“ 
    Im Nachhinein musste Lia sich eingestehen, dass es doch eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Wobei es eher unter Zwang geschehen war. Harper hatte sich als dermaßen hartnäckig erwiesen, dass Lia keine Chance sah, dem Spiel zu entkommen und das war ihr Glück. Zumindest zunächst.
    Harper war eine Ravenclaw. Über ihrem Umhang baumelte eine blaue Krawatte und auf dem Wappen an ihrem Ärmel prangte ein Adler. Dennoch saß sie mitten unter den Gryffindors. Für sie schien es gar kein Problem zu sein, dass sie bei dem falschen Haus saß. Lia wusste nicht einmal, ob das, was Harper tat, erlaubt war, doch war sie froh über ihre Anwesenheit.
    Lee war schon lange vor Beginn des Spiels verschwunden. Er hatte Lia und Harper kurz begrüßt, einen Kommentar über die Kälte fallen lassen und war dann erst zu den Mannschaftsräumen verschwunden, um seinen Freunden viel Glück zu wünschen. Von dort aus hatte er sich dann, wie Lia und Harper beobachten konnten, zu den Lehrern auf die Ränge gekämpft, um von dort aus neben einer strenger als sonst drein blickenden McGonagoll das Spiel zu kommentieren. 
    Also war es Harper zugekommen, Lia in einem Schnellverfahren die Regeln des Spiels zu erklären. Eine Aufgabe, die Harper nur zu gerne übernommen hatte. Und wenn Harper eines konnte, dann war es reden. Und so kam sich Lia nach zehn Minuten Monolog von Harper schon fast vor, wie ein Profi für magische Spiele und Sportarten.
    „Achtung, es geht los, es geht los!“, quietschte Harper und griff übermütig nach Lias Hand. „Gleich... da... pass auf... jetzt!“ Mme Hooch stieß in ihre Pfeife und warf den Quaffel in die Höhe. Und dann war es, als hätte sie die Teufel losgelassen.
    Die Spieler waren nicht mehr als Blitze aus rot und grün. Eben waren sie noch lauernd in der Luft geschwebt, jetzt zischten sie über das Feld, um die Torstangen, in den Himmel, so dass es kaum möglich war, sie im Auge zu behalten. Ohne Lee an dem Mikrofon, der alles kommentierte, wäre Lia ziemlich verloren gewesen.
    Nur die Hüter vor den jeweiligen Torringen hielten sich ruhig und so richtete Lia ihren Blick auf die beiden, als sie es aufgab, dem Spielverlauf mit den Augen zu folgen. Beide kauerten tief über ihre Besenstiele gebeugt vor den Ringen und schienen alles in sich aufzusaugen, als würde ihnen nichts entgehen. Harper neben ihr glühten die Wangen und als das erste Tor für Gryffindor fiel, sprang sie jubelnd auf, dass ihr die wilden Locken um die Ohren flogen und warf sich der ein wenig überrumpelten Lia kreischend um den Hals. Und als Lia die Arme um sie schlang, stellte sie fest, dass sie noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen war, wie in diesem Moment. Das Spiel hatte plötzlich keine Bedeutung mehr, es war nie um das Spiel gegangen. Was zählte, war der Rausch, den es mit sich brachte, die Stimmung, die alle zu einen schien und Harper, die an ihrer Seite stand. Ohne, dass sie es bemerkte, begann Lia zu strahlen.

    -*-

    Es geschah nach der Hälfte des Spiels. Die Gryffindors lagen deutlich in Führung, der Schnatz war bereits zweimal gesichtet worden und die Menge tobte unten auf den Rängen. In all den fröhlichen Gesichtern und der Freude kam es erst schleichend, dann unvorbereitet hart.
    Zuerst war es nur ein unangenehmes Gefühl, ähnlich dem, das Lia in der ersten Unterrichtsstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste gespürt hatte. Es war, als ob jemand hinter ihr stünde, sie beobachtete und ein leichtes Fieber mit sich brachte, dass einen schaudern ließ. Dann traf es Lia wie einen Schlag in die Magengrube mit einem stechenden Schmerz. Für einen winzigen Moment wurde ihr schwarz vor Augen und als sie wieder sehen konnte, blieben blinde Flecken in ihrem Sichtfeld. Ihr wurde schwindelig.
    Eine halbe Minute blieb es ruhig, dann kehrte der Schmerz zurück. Lia keuchte auf, als ihr Sichtfeld verschwamm und stützte sich mit einer Hand an auf dem Sitz ab. Dennoch blieb es unbemerkt von ihren Mitschülern, selbst von Harper. Das Spiel hatte die Schüler fest im Griff und keiner wandte den Blick von dem Geschehen auf dem Feld ab. Irgendjemand schrie den Namen 'Potter', einer klatschte in die Hände und Lia ging in die Knie. Wieder wurde es schwarz um sie und als sie die Augen diesmal öffnete, fand sie sich halb auf ihrem Sitz, halb auf dem Boden wieder und sie rang nach Atem, um nicht aufzuschreien.
    Irgendetwas geschah mit ihr. Lia verstand nicht, was es war oder wieso das hier passierte, doch sie musste weg. Mit zitternder Hand packte sie die Lehne und begann sich aus dem Gedränge zu ziehen.
    „Wo willst du hin?“ Harper hatte sich doch noch umgedreht und blickte Lia jetzt misstrauisch an. Als Lia ihr den Kopf zudrehte, riss Harper erschrocken den Mund auf. „Lia, geht’s dir gut?“, schrie sie über den Lärm hinweg zu ihr herüber. „Du bist ganz weiß.“
    Lia nickte nur. Als Harper ihr folgen wollte, hielt sie sie nur mit einer schnellen Handbewegung zurück, dann ergriff sie die Flucht. Schüler, Lehrer, Spieler... sie alle wurden zu einem einzigen bunten Strom, der an Lia vorbeizog, als sie sich schubsend und rennend ihren Weg von den Rängen bahnte. Sie stürmte die Treppenstufen hinunter, heraus aus dem Stadion und zu dem Weg, der ins Schloss führte. Der nächste Schlag traf sie kurz darauf mit einer Heftigkeit, die sie aufschreien ließ, ihr die Tränen in die Augen trieb und sie sich in verkrampfter Haltung an die Holzpalisaden der Außenwand des Stadions gedrückt fand. Doch diesmal ließ der Schmerz nicht gänzlich nach. Vielmehr füllte er jedes Glied ihres Körpers aus, floss durch ihre Adern und bohrte sich in ihren Verstand. Lia machte drei Schritte Richtung Schloss knallte gegen eine Gruppe Ravenclaws, die wohl gerade von der Toilette kamen und taumelte auf den Weg. Jemand sprach sie an, fasste sie an der Schulter und dann fiel sie zu Boden. Für einen Moment blieb es still in ihr. Nur das Rauschen in ihren Ohren hielt an, sie spürte den kalten Boden an ihrer Wange, den Schal, der sich an ihrem Arm verfangen hatte und hörte die dumpfen Stimmen von irgendwelchen Menschen an ihrem Ohr. Dann kehrte der Schmerz erneut zurück, sie schrie auf und alles um sie herum versank in Dunkelheit.

    Als Lia blinzelnd die Augen öffnete, war alles grau. Ein helles Grau, dass sie die Augen gleich wieder schließen ließ. Wenn auch nicht für lange. Denn eine wohlbekannte Stimme bohrte sich lautstark in ihr Ohr: 
    „Sie ist wach! Mme Pomfrey, sie ist wach! Hier drüben!“ Und dann:
    „Lia? Lia, hörst du mich... hey....“ Es folgte ein Kneifen. 
    „Au...“, murmelte Lia und öffnete jetzt endgültig die Augen. Das Grau war verschwunden. Stattdessen starrte sie jetzt in ein Paar hellbraune Augen, deren Besitzerin sich nur wenige Zentimeter von Lias Gesicht entfernt befand. 
    „Harper!“ Lia zuckte erschrocken zurück. Im nächsten Moment wurde sie schon in einer Umarmung erdrückt.
    „Ich hab mir solche Sorgen gemacht!“, sagte Harper, fast schon ein wenig streng und ließ sie los. „Das sah echt gruselig aus, wie du auf dem Boden rumgerobbt bist. Geht es dir gut?“
    „Rumgerobbt?“, wiederholte Lia langsam. Ein Blick um sich herum ließ sie feststellen, dass sie wohl im Krankenflügel lag. Lia hatte schon von diesem Trakt in der Schule gehört, war jedoch bisher noch nie hier gewesen, doch das helle Bett, in dem sie lag, und die Umgebung sprachen für sich. Harper nickt kräftig.
    „Du lagst vor dem Stadion und hast irgendwie gezuckt... und geschrien... ich hab gedacht, du bist besessen oder so...“ Sie lachte nervös, doch Lia sah, dass sie schauderte. „Es war unheimlich.“
    „Es geht mir gut“, versicherte Lia ihr schnell. „Wirklich, ich fühl mich nicht schlecht.“ Das war nicht einmal gelogen. Lia fühlte sich tatsächlich gut, als hätte sie einen tiefen erholsamen Schlaf hinter sich. Keine Schmerzen, kein Schwindel... ganz im Gegenteil. Zur Bekräftigung ihrer Aussage richtete sie sich ganz auf.
    „Was war denn los mit dir?“, wollte Harper wissen. „Ich bin dir noch hinterher gegangen, aber du warst ziemlich schnell verschwunden.“
    „Mir war irgendwie... schwindelig...“, murmelte Lia. Harper war ihr hinterher gegangen? Lia konnte sich gar nicht erinnern. Andererseits hatte sie auch nicht sonderlich viel mitbekommen.
    „Gut, dass es dir wieder besser geht“, stellte Harper strahlend fest. „Du hast auch schon wieder Farbe im Gesicht.“ Lia konnte nicht umhin, das Strahlen zu erwidern.
    „Was war mit dem Spiel?“, fragte sie. „Wie ist es ausgegangen?“ Harper zuckte die Achseln.
    „Gryffindor hat wohl gewonnen“, meinte sie, mäßig interessiert. „Ich hab vorhin ein paar Schüler auf dem Gang reden hören.“
    „Du weißt es nicht?“ Lia war überrascht. Nach dem ständigen Quidditch-Gerede von ihr und Lee hatte sie nicht mit dieser Antwort gerechnet.
    „Ich war doch bei dir“, erklärte ihr Harper, als wäre Lia ein wenig schwer von Begriff. „Da kann ich das Ende doch schlecht gesehen haben. Aber selbst wenn die Gryffindors gewonnen haben... Ravenclaw ist immer noch auf dem ersten Platz der Rangliste.“ Sie streckte Lia gut gelaunt die Zunge heraus und Lia konnte nicht anders als zu kichern.
    „Hey, kannst du schon aufstehen?“ Harper erhob sich. „Wenn wir Glück haben, ist noch was vom Abendessen da... ich bin wirklich am Verhungern.“

    Tatsächlich ließ Mme Pomfrey Lia nach einer langen Untersuchung und mit einiger Skepsis gehen. Ihr schien die ganze Sache, wie auch Lia selbst, nicht geheuer zu sein, und sie schien ebenfalls nicht genau zu wissen, was mit Lia passiert war. Doch tatsächlich ließ sich kein Grund finden Lia noch länger im Bett zu behalten und so erbarmte sich Mme Pomfrey schließlich nach endlosen Bettelleien Harpers und mindestens ebenso vielen Versicherungen seitens ihrer Patientin, dass sie sich wohl fühlte, und entließ so beide Mädchen Richtung große Halle.
    Obwohl Lia sich quietschfidel fühlte, konnte sie sich dennoch nicht erklären, was vor dem Stadion geschehen war. Die Schmerzen waren so plötzlich gekommen. Natürlich war Lia wie jedes normale Kind ein paar Mal krank gewesen, aber so etwas war ihr noch nie in ihrem ganzen Leben passiert. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. Mme Pomfrey hatte Gordon informiert. Als Lias Erzieher und Vormund war es ihre Pflicht, ihm von Lias Zusammenbruch zu berichten. Lia hatte es mit wenig Begeisterung aufgenommen. Sie hatte ohnehin schon genug Probleme.

    Harper hüpfte neben ihr die Treppen entlang, wenn auch in langsamem Tempo, um Lia nicht zu überfordern, doch hielt sie mühelos Schritt. Vor der großen Halle tummelten sich eine Menge Schüler und das Festmahl schien noch in vollem Gange zu sein. Lia konnte Lee unten erkennen, direkt neben der Treppe, die Harper und sie herabstiegen. Er war in ein intensives Gespräch mit den beiden Treibern vertieft und Harper lachte fröhlich und deutete zu der Gruppe.
    „Lee hat sich total Sorgen gemacht“, eröffnete sie Lia. „Er war vor dem Krankenflügel mit mir, sobald das Spiel zu Ende war, aber Mme Pomfrey hat uns zuerst nicht reingelassen. Als sie gesagt hat, dass es dir gut geht, ist er erst wieder gegangen.“ 
    „Oh“, machte Lia. Zugegebenermaßen freute es sie, dass Lee sich um sie sorgte. Ein leichtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Mit Lee und Harper schien sie tatsächlich endlich einmal Glück gehabt zu haben. Harper wandte sich der Halle zu: „Red ruhig mit ihm. Ich warte drinnen und halt dir einen Platz frei.“
    „Aber...“, wollte Lia protestieren, doch Harper war flink wie ein Wiesel die Seitentreppe heruntergesprungen, war zwischen ein paar älteren Schülern hindurchgetaucht und durch die Flügeltüren der großen Halle geschlüpft. Lia stand eine Sekunde allein und ein wenig bedröppelt in der Gegend. Dann holte sie leise Luft und trat vorsichtig an das Geländer.

    -*-

    Mayla war während des Quidditchspiels nicht anwesend gewesen. Und im Nachhinein war das auch gut so. Slytherin hatte äußert demütigend verloren. Es hätte sie kaum aufgeheitert, das mit ansehen zu müssen. Stattdessen hatte sie ihrem Bruder einen Brief geschrieben.
    Eigentlich hätte sie das nicht tun sollen. In Durmstrang herrschten andere Regeln als hier in Hogwarts. Da der Aufenthaltsort des Schlosses geheim war, wurde auch die Post streng kontrolliert. Eltern wurden angehalten, ihren Kindern während des Schuljahres keine Nachrichten zu senden. Gab es etwas Erwähnenswertes, kontaktierte die Schulleitung die Erziehungsberechtigten. Mayla hatte auch noch nie Post von ihrem Bruder erhalten, während er in der Schule war. Und ihm bis heute auch noch nie etwas gesendet. Doch sie wusste einfach nicht mehr weiter. Und sie wollte mit jemandem reden, von jemandem getröstet werden.
    Rena, ihre Zwilllingsschwester, schien das alles besser wegzustecken als Mayla. Aber Rena war auch nicht so sensibel. „Nicht so klug“, sagte ihr Vater. „Rena braucht eben ein bisschen länger“, nahm Andrej sie dann in Schutz. „Aber das bedeutet nicht, dass sie es schlechter macht.“ 
    Obwohl Mayla und Rena eineiige Zwillinge waren, beide in das selbe Haus in Hogwarts sortiert worden waren und sich äußerlich furchtbar ähnlich waren, hätten sie verschiedener nicht sein können. Rena war bedächtiger, sie machte sich nicht so viele Gedanken über alles, akzeptierte die Dinge einfach wie sie waren. Sie war deswegen auch nicht so schnell aufgewühlt, weinte selten und konnte mit schwierigen Situationen besser umgehen. Ganz anders als Malya. Sie bekam ständig Ärger, konnte nie ihre Klappe halten und wenn etwas passierte, das ihr nicht passte, konnte sie sich stundenlang darüber aufregen.
    Obwohl Mayla und Rena beide nach Slytherin gingen, teilten sie sich nicht den Schlafsaal. Ihr Vater hatte darauf bestanden. Es wäre besser für die beiden 'nicht ständig aufeinander zu hocken'. Mayla war ganz froh darüber gewesen, Rena nicht ständig hinter sich kleben zu haben, doch jetzt bedauerte sie es. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als jemanden, der sie ihre Sorgen für eine winzige Weile vergessen ließ. Irgendjemanden. Andrej würde wissen, was zu tun war. Aber der war ja nicht hier, sondern irgendwo hinter zehntausend Schneewehen vergraben. Maya verfluchte ihr Leben.
    Der Lärm auf den Gängen wurde lauter. Scheinbar war die Feier – denn eine Feier gab es trotz allem – zu Ende und die Schüler begaben sich in ihre Schlafräume. Mayla schob den Brief schnell unter ihr Kissen. Keine Sekunde zu früh. Pansy kam zur Tür herein und ließ sich auf ihr Himmelbett fallen. Sie gähnte lauthals und reckte sich. Erst dann wandte sie den Kopf und erkannte, dass sie nicht allein war. „Was machst du denn hier?“, fragte sie neugierig und wandte den Kopf. 
    „Geht's dich was an?“, gab Mayla gehässig zurück. Sie wusste, dass sie sich unfair verhielt. Doch sie hatte keine Nerven für Pansy. Und wenn sie sich ungerecht gegenüber anderen benahm, hatte sie das Gefühl, dass die Klaue, die ihr Herz im festen Griff hatte, ein wenig lockerer ließ.
    „War ja nur eine Frage.“ Pansy verdrehte die Augen. „Du bist echt giftig heute.“ Sie dachte kurz nach. „Nein. Eigentlich immer.“ Mayla schnaubte nur. Sie zog den Brief unter ihrem Kissen hervor, schob ihn sich unauffällig unter den Pullover und griff dann nach ihrem Umhang. 
    „Wo gehst du hin?“, fragte Pansy neugierig und richtete sich auf.
    „Weg“, knurrte Mayla nur und stieß die Tür auf. In der Eulerei würde sie hoffentlich Frieden finden. Und vielleicht hatte sie Glück und der Brief kam an. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass ihr Bruder die einzige Person war, die ihr noch helfen konnte.

    -*-

    Gordon war nach dem Brief von der Hogwartsschule ins Grübeln geraten. Auch er war ratlos, was mit Lia geschehen war, doch hatte er einen Verdacht. Einen Verdacht, den er schon seit Jahren hegte, seit der dunkle Lord begonnen hatte, sich für das Mädchen zu interessieren, seit er von den ungewöhnlichen Kräften Lias wusste.
    Nur wenige Leute wussten von dem Kind, doch gab es dennoch die wildesten Gerüchte.Das Beste hatte Gordon auf einem Treffen kurz nach Gedrefs Einschulung gehört: Rodolphus sei nicht der Vater, hieß es. Der dunkle Lord hätte sich selbst zu Bellatrix gelegt und ein Kind gezeugt. Humbug, schnaubte Gordon jedesmal innerlich, wenn er davon hörte. Man musste dem Kind nur ins Gesicht sehen, um Rodolphus zweifelsfrei als den Vater zu identifizieren. Lianna war ihren Eltern bedauerlicherweise wie aus dem Gesicht geschnitten und es bestand kein Zweifel, von wem das Mädchen abstammte. Außerdem war es auch Quatsch, welchen Grund sollte seine Lordschaft haben, ein Kind in die Welt zu setzen? Immerhin war Lord Voldemort für vieles bekannt, aber nicht seine Kinderliebe.
    Aber woher kämen dann die Kräfte, hatte Patterton leichtgläubig wie immer protestiert. Die Lestranges waren grausam, sicher, aber bestimmt keine Übermenschen. Sie waren nicht stärker als andere Hexen und Zauberer. Nur wesentlich gestörter, wie Gordon trocken bemerkte. 
    Dennoch war auch Gordon klar, dass etwas nicht stimmte. Niemand hatte ihm Genaueres erklärt, doch er hatte sich seine Gedanken gemacht. Es m´gab mehr Gerüchte, als dieses eine und manche erschienen ihm recht plausibel.
    Doch warum jetzt? Wo lag der Grund für Lias Aussetzter? Und auch die Art und Weise war seltsam. Gordon hatte mit vielen Meldungen aus der Schule gerechnet, einem verbrannten Turm, einem entwurzelten Wald, ein paar verstorbenen Mitschülern, aber nicht mit einem plötzlichen Zusammenbruch. Seufzend fuhr er sich durch das schüttere Haar. 
    Vielleicht machte er sich auch nur zu viele Gedanken. Es musste nicht zwangsläufig etwas heißen, dass das Mädchen zusammen gebrochen war. Es war Winter. Kinder wurden krank. Möglicherweise hatte sie sich auch einfach nur etwas eingefangen. Wer wusste das schon bei diesem Haufen an niesenden schnupfenden Kindern, da sprang schnell mal etwas über.
    Für den Moment war Gordon beruhigt. Doch ein kleiner Zweifel blieb. Irgendetwas störte Gordon und er kam nicht darauf, was es war.

    -*-

    Fred wich einer Gruppe Zweitklässler aus und drückte sich an die Wand der Treppe. „Also?“, bohrte er nach doch Lee schüttelte den Kopf. „Ich hab bestimmt hundert Mal mit ihr geredet“, beteuerte Lee. „Aber es ist echt nicht leicht aus dem Mädchen was raus zu kriegen.“ 
    „Vielleicht ist sie beschränkt“, grübelte George.
    „Kann sein“, gab Lee ehrlich zur Antwort. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Und was ihren Bruder betrifft... ich bin mir nicht sicher. Vielleicht deckt sie ihn?“ Fred fluchte leise. 
    „Irgendwie muss das doch rauszukriegen sein. Vergiss die Kurze. Ich sage, wir nehmen uns den Bruder direkt vor. Es war s e i ein Buch im Pokalzimmer und er ist der Lehrerliebling schlechthin. Ich bin mir sicher, dass er es war, der dich verpfiffen hat, Lee.“
    „Fehlt aber immer noch der Grund“, gab sein Bruder zu bedenken, doch Fred schnaubte. „Ich wette, den sagt er uns schon, wenn er mit dem Kopf im Klo hängt.“ Die anderen beiden grinsten selig. So mancher hatte es sich schon anders überlegt, wenn man ihn zum Toilettentauchen überredet hatte. Und wenn nicht, war es immerhin lustig anzusehen.
    „Wann ist dein Kurs bei Snape zu Ende?“, erkundigte sich George bei Lee.
    „Nach den Ferien muss ich noch zweimal erscheinen“, seufzte er auf. „Dann ist es endlich vorbei. Das wahre Grauen. Ich werd singen, wenn ich die alte Fledermaus nicht mehr sehen muss.“
    „Bald hast du es geschafft“, tröstete ihn George. „Die beiden Male hältst du noch durch.“
    „Und dann hast du endlich Ruhe“, stimmte Fred zu. „Vor Snape und dem Mädchen.“
    Lee nickte und wandte sich zur Haupttreppe an der gegenüberliegenden Seite. „Ich kann es kaum erwarten“, gestand er düster. Die Zwillinge sahen ihn mitleidig an und folgten ihm. Keine zwei Minuten später waren sie verschwunden. 

    Oben am Geländer stand Lianna de la Carra und versuchte mit kalkweißem Gesicht zu verarbeiten, was sie gerade gehört hatte.

    11
    Das Durmstrang-Schloss war nicht besonders groß, zumindest nicht im Vergleich zu Hogwarts, aber das musste es auch nicht sein. Die Schüleranzahl war deutlich geringer, da nur reinblütige Hexen und Magier aufgenommen wurden, so dass es unterm Strich tatsächlich nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe Studierender gab. Auch eine Häuserauswahl gab es nicht. In Durmstrang wurden alle Schüler einer Jahrgangsstufe gemeinsam unterrichtet und auch der Unterricht unterschied sich deutlich von dem in Hogwarts.
    Andrej hatte Hogwarts nie mit eigenen Augen gesehen, doch hatte er seinen Vater stets mit Stolz davon berichten hören, der großen Halle, dem sprechenden Hut und den wandernden Treppen. Außer der großen Halle gab es nichts davon in seiner Schule und deren Decke bestand nicht aus dem Sternenhimmel, sondern aus immerwährendem Eis, dessen Zapfen drohend über den Köpfen der Kinder schwebten und von denen selbst die Nordlichter, die die Halle erhellten, Abstand hielten.
    Andrej war zwei Jahre älter als seine Schwestern, dreizehn, und die Schule, die für seine Mutter immer eine Art zu Hause gewesen war, war ihm selbst in seinem dritten Jahr hier immer noch irgendwie fremd. In Durmstrang regierten die Kälte, das Eis und der Schnee, selbst im Sommer und die Pelzmäntel und Handschuhe waren nicht umsonst als Schuluniformen festgelegt worden. Dennoch war Andrej anpassungsfähig. Er hatte schnell ein paar Freunde in seinem Alter gefunden, war zwar kein herausragender, jedoch unauffälliger und fleißiger Schüler und tat sich im Flugunterricht und beim Quidditchtraining als recht passabler Flieger hervor. Im Grunde war Andrej also in nahezu jeder Hinsicht der Durchschnitt. Lediglich seine Art fiel auf:

    Schon immer war Andrej das fröhlichste und optimistischste der drei Kinder gewesen. Er war freundlich, aufmerksam und hilfsbereit und hatte sich deswegen nie schwer getan, Freundschaften zu schließen. Seine Schwestern vergötterten ihn und obwohl er erst dreizehn war, war es oft allein ihm zu verdanken gewesen, dass so manche Streitereien seiner Eltern nicht ausgeufert waren. Das war allerdings auch der Grund, weshalb er hier im Schnee saß und nicht nach Hogwarts ging: 
    „Andrej ist zu weich“, erklärte seine Mutter immer wieder. „Durmstrang wird ihn zum Mann machen. Durmstrang hat auch mich zum Mann gemacht.“ Und zumindest damit hatte Alewtina Patterton Recht. Sie war der Mann im Haus Patterton. Vermutlich auch der Einzige.

    Die Trennung hatte Andrej tapfer aufgenommen. Er hatte es kommen sehen und war nicht sonderlich überrascht. Er machte sich nur Sorgen, wie seine Schwestern damit umgehen würden und die Vorstellung, nie wieder in ihr altes Haus zurückzukehren, sondern von nun an immer in Obninsk zu leben, im ewigen Schnee, ohne Mayla, Rena und ihren Vater... allein der Gedanke daran brachte Andrej an die Grenze zur Verzweiflung.

    Dennoch ließ er sich nichts anmerken. Bei den Frühstücksrunden war er gelassen und ruhig, fröhlich wie eh und je und nicht einmal seinen Freunden fiel auf, wie es wirklich in ihm aussah, wie unglücklich der kleine Junge mit dem dunkelbraunen Haar tatsächlich war. Andrej hatte sich gut in seiner Gewalt und tatsächlich wussten seine Klassenkameraden nicht viel über ihn. Es hatte auch nie jemand gefragt, aber eigentlich war Andrej selbst Schuld. So hatte er zwar ein paar Freunde und war bei nahezu jedem beliebt, doch keine der Freundschaften war sonderlich tief.

    Es war vier Tage nach dem Brief seiner Mutter, als Andrej erneut von seinem Jahrgangsstufenlehrer, Professor Petrow, von seiner Bank zur Seite gewinkt wurde. 
    „Ein Brief aus Hogwarts“, bemerkte er und legte den Umschlag in Andrejs Hand. „Ich weiß, dass Ihre Situation schwierig ist,  Patterton, aber bitte grenzen Sie den Briefkontakt ein. Der Schulleiter ist bereits verstimmt.“ Beide warfen einen Blick auf einen schlecht gelaunten Karkaroff, dann schob Petrow Andrej aus der Eiszapfenhalle.
    „Sie können den Brief beantworten, geben Sie ihre Antwort entweder mir oder Fomin, aber machen Sie dem Schreiber klar, dass der Briefkontakt bis zu den Ferien warten muss.“ Andrej nickte. Er konnte Ärger bekommen, wenn zu viel Post für ihn eintraf. Nur in Sonderfällen kontaktierten die Eltern die Schule und dann war es auch immer die Schule direkt und nicht die Schüler. So etwas wie die morgendlichen Posteulen in Hogwarts gab es nicht. Professor Petrow seufzte, schob sich die Brille auf die spitze Nase und klopfte dem bedrückten Jungen auf die Schulter.
    „Kopf hoch, Patterton“, sagte er. „Sie werden mir das nicht glauben, aber es wird besser. Mit der Zeit.“ Wieder nickte Andrej und schob sich den Umschlag in den Mantel. 
    „Danke, Professor“, sagte er artig. Der Strom der Schüler zog langsam aus der Halle an ihm vorbei und Petrow wedelte mit einem freundlichen Blick mit der Hand, um ihn zu verscheuchen. Andrej reihte sich in die lärmende Menge ein und ließ sich mit ihr treiben. Er hatte Maylas geschwungene Klaue auf dem Absender erkannt. Doch zuerst war Unterricht angesagt. Danach konnte er lesen, was seine Schwester ihm geschrieben hatte.

    -*-

    Nachdem Lia das Gespräch auf der Treppe belauscht hatte, hatte sie sich von allen abgekapselt. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken und jetzt, im sicheren Schutze der Bibliothek, kam sie sich unwahrscheinlich dumm vor. War sie nicht von Anfang an misstrauisch gewesen? Hatten ihre Sensoren sie nicht gewarnt? Natürlich war Lee nicht ihr Freund. Im Gegenteil. Es ging nur um ihren Bruder und ein dämliches Buch, sie war nur das Mittel zum Zweck. Lia schluckte und ärgerte sich, dass sie das Ganze so mitnahm. 
    Sie hatte das mit dem Buch nicht so ganz verstanden, doch zumindest so viel begriffen, dass man sie nur ausfragen wollte, um irgendetwas über ihren Bruder zu erfahren. Deswegen also die vielen Fragen, die scheinbar Interesse heucheln sollten. Was hatte Lee zu ihr gesagt? Er wollte mehr über sie erfahren? 
    Wütend wischte sich Lia eine Träne weg. Freunde. Klar. Er hatte sie benutzt. Und sie war auf ihn reingefallen. War es mit Harper dasselbe? Vermutlich. Auch bei ihr steckte etwas dahinter, dessen war sich jetzt Lia sicher. Ihre Mutter hatte Recht gehabt. Es war besser gefürchtet zu sein, als geliebt.
    Lia hatte so viel Wut in sich. Und das war sie nicht gewohnt. Normalerweise wurde sie traurig und bedrückt, doch diesmal war sie wirklich ärgerlich. Ärgerlich auf Lee und Harper, die sie ausnutzten. Ärgerlich auf sich, weil sie es zugelassen hatte. Ärgerlich auf ihre Mutter, weil sie Recht gehabt hatte. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Sollte sie Harper und Lee ins Gesicht sagen, was sie von ihnen hielt? Sollte sie einfach schweigen und sich zurückziehen? Sollte sie mit einem Lehrer... nein, das ganz bestimmt nicht.

    Betrogen worden zu sein, war ein hässliches Gefühl und Lia war überfordert damit. Die ganze Wut kochte in ihren Adern und hätte sie nach oben gesehen, wäre ihr aufgefallen, dass die Bücher in ihren Regalen zu wackeln begonnen hatten, doch sie war viel zu fixiert auf ihr Innenleben. Es war einfach ungerecht und gemein, so mit ihr umzugehen! Was dachten sich die beiden dabei? Vermutlich gar nichts. Und auch die Zwillinge. Lias Wut wurde zu Hass. War es denn so schwer, ihren Bruder selbst zu fragen, wenn sie ein Problem hatten? Und Gedref ahnte natürlich nichts davon. Es juckte Lia in den fingern, es ihm zu erzählen, einfach nur, damit die anderen nichts mehr in der Hand hatten. Wissen war Macht, das erkannte Lia jetzt und erst, als ein Band zur Auffindung von Wasserwesen laut krachend aus dem Regal polterte und jemand einen erschrockenen Laut ausstieß, blickte sie überrascht auf und der Gedankenstrom riss ab. 

    Jemand fluchte wütend hinter dem Regal. Irgendwoher kannte Lia die Stimme und langsam trat sie an das Holz und lugte vorsichtig um die Ecke. Das Mädchen, das hinter dem Regal gesessen hatte, hatte wohl den gleichen Einfall gehabt, denn Lia fand sich Auge in Auge mit einer Schülerin wieder, die ihr nur allzu bekannt vorkam. Der hohe braune Pferdeschwanz, der grüne Saum des Slytherinumhangs, die funkelnden Augen... das war das Mädchen, das ihr das Buch überlassen hatte.
    „Du!“, fauchte das Mädchen und Lia wich zurück. Schuldbewusst senkte sie den Blick, doch es war zu spät. Das Mädchen hatte geweint, genau wie sie, und beide hatten es gesehen. Lia starrte in den Boden.
    „Tut mir Leid“, wisperte sie. Doch ihr Gegenüber ließ sie nicht so leicht davon kommen.
    „Ach ja?“, fauchte sie. „Und was tut dir Leid?“ Aus den Augenwinkeln sah Lia, wie sich mit dem Ärmel durch das Gesicht fuhr. Lia begann zu stottern.
    „Nichts, ich meine... ich... Entschuldigung.“ Sie trat den Rückzug an. Dann ein Lachen. Sie lacht mich aus, dachte Lia. Und damit hatte sie nicht einmal unrecht.
    „Du bist echt bescheuert“, kam es von dem Mädchen und als Lia den Ton ihrer Stimme nicht deuten konnte und hastig aufsah, musste sie zu ihrer Überraschung feststellen, dass sie grinste. Jetzt war Lia eindeutig verwirrt. Das Mädchen kletterte um die Regalreihe, die an das Fenster andockte herum und war mit einem sogar sehr eleganten Sprung neben ihr. Wieder wich Lia einen schritt zurück.
    „Was?“, pampte sie das Mädchen an. „Glaubst du, ich verprügel dich?“ Lia blickte ihr unsicher ins Gesicht.
    „Ich … weiß nicht?“, gab sie ehrlich zur Antwort und erneut brach das Mädchen in Lachen aus, so dass sie sie sich einen tödlichen Blick von Madame Pince einfing.
    „Doch nicht in der Bibliothek“, meinte sie dann, etwas leiser und Lia war sich nicht sicher, ob es ein Witz war. Vermutlich nicht. 
    „Wie heißt du?“ Es war keine Frage, sondern ein Befehl und mit denen konnte Lia umgehen.
    „Lianna“, antwortete sie schnell. Das Mädchen rammte ihr Buch lieblos ins Regal zurück und trat dann wieder näher.
    „Wieso schaust du immer in den Boden?“, bemerkte sie skeptisch Lias Tick. „Suchst du etwas oder hast du was verloren? Oder bist du ein bisschen dumm?“ Lia schüttelte den Kopf, zuckte dann die Achseln, was in einem erneuten Lachanfall des Mädchens endete und einen weiteren bösen Blick der Bibliothekarin auf den Plan rief.
    „Mayla“, sagte das Mädchen dann.
    „Wie bitte?“ Lia sah jetzt doch auf.
    „Das ist mein Name“, bemerkte das Mädchen trocken. „Mayla Patterton. Mein Vater ist ein berühmter Besenbauer. Er hat den neuen Nimbus erfunden.“ Sie war sichtlich stolz darauf.
    „Das... freut mich“ Lia war sich unsicher, was sie darauf sagen sollte. Vielleicht lächeln? Lächeln war immer gut, hatte Gordon ihr beigebracht. Lia lächelte und das Mädchen schien zufrieden.

    Im selben Moment schlug die Bibliothekstür auf und eine Gruppe Slytherinmädchen betrat den Raum. Mayla und Lia, von der Tür aus gut zu sehen, erregten fast sofort ihre Aufmerksamkeit, denn eine von ihnen winkte Mayla zu. Sie nickte zurück, schob die überraschte Lia dann plötzlich weiter in das Regaldickicht.  
    „Wenn du jemandem erzählst, dass ich geheult habe, hex ich dir den Popelfluch auf den Hals“, zischte sie Lia mit böse ins Ohr. „Kein Wort, verstehst du mich?“ Lia beeilte sich mit großen Augen heftig zu nicken. Im selben Moment war Mayla zwischen den Büchern verschwunden und tauchte bei den Slyterinmädchen wieder auf. Sie grinste und scherzte und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie kurz zuvor noch in einer dunklen Ecke der Bibliothek geweint hatte. Dort stand nur noch Lia de la Carra, mit offenem Mund, die sich fassungslos fragte, was in aller Welt das für ein verrücktes Mädchen war, das sie da gerade angefallen hatte.

    12
    In verschiedenen Gefährten saßen fünf Kinder auf dem Weg nach Hause. Jedes hing seinen eigenen Gedanken nach, jedes hatte viel zum Grübeln und viel erlebt und jedes konnte sich nicht wirklich auf die Ferien und auf Weihnachten freuen.

    Harper Crickett saß allein in einem Abteil und starrte aus dem Fenster. Der Streit mit Lia saß ihr noch in den Knochen und machte es der sonst so menschenfreundlichen Harper gerade nicht möglich, sich mit anderen Leuten zu unterhalten. Es gab auch niemandem, mit dem sie hätte reden können. Die meisten Menschen hielten Harper für anstrengend. Schon seit je her war es ihr schwer gefallen, die Klappe zu halten. Selbst, wenn sie es wollte – und Harper hatte es wirklich versucht – schienen die Worte sich hinter ihren Lippen zu stauen und sprudelten plötzlich wie von selbst aus ihrem Mund, wie ein Wasserfall. Als kleines Kind hatte Harper auch nie Geheimnisse für sich behalten können. Alles, alles hatte sie irgendwann ausgeplaudert und das nicht einmal aus einer bösen Absicht heraus. Es passierte einfach und Harper konnte nichts dagegen tun.
    Und so war es zum Streit mit ihrer besten und zugegeben auch einzigen Freundin gekommen. Harper hatte Lia von Anfang an gemocht. Oder besser gesagt, sie hatte sie neugierig gemacht. Harper war eines von den Kindern, denen man etwas verbot und die es dann erst recht taten. Lia wäre ihr vermutlich nicht einmal aufgefallen. Aber weil ihr Vater so streng darauf bestanden hatte, dass sie Abstand von dem Mädchen hielt, war Harpers unbändige Neugierde geweckt.
    „Wieso?“, fragte sie jedes Mal, wenn ihr Vater ihr irgendetwas verbat. „Wieso darf ich das nicht? Warum?“
    „Weil!“, kam es dann einfach irgendwann genervt von ihrem Dad und ihre Mutter lachte.
    Auch bei Lia hatte Harper irgendwann ihre Warum-Frage stellen müssen.
    „Warum läufst du immer weg?“, fragte sie und hielt sie am Ärmel fest, als das Mädchen mit dem langen blonden Zopf schon wieder ausbüchsen wollte.
    „Nein, du rennst jetzt nicht weg! Sag mir gefälligst, wieso du immer abhaust und nicht mehr mit mir redest!“
    Wie üblich hatte Lia geschwiegen. Trotzig die Lippen zusammengepresst und in den Boden gestarrt und langsam machte es Harper richtig wütend.
    „Was soll das?“, schimpfte sie und verschränkte die Arme. „Ich weiß ja nicht mal, was du hast! Wie kann ich dir denn helfen, wenn du nie was sagst?“
    „Mir helfen?“, wiederholte Lia. Irgendetwas an dem Ton stieß Harper unangenehm auf.
    „Ja, dir helfen!“, erklärte sie wütend. „Freunde machen sowas.“
    Wieder dieser Blick. Harper schluckte.
    „Wir sind Freunde, Lia“, beharrte sie. „Oder siehst du das anders?“ Schuldbewusste blaue Augen blickten Harper an. Sie hatte sie erwischt. Und mit einem Mal war da ein Kloß in Harpers Hals. Zum ersten Mal fehlten ihr wirklich die Worte. Eine Weile starrten sich beide Mädchen auf dem Gang an, während hinter ihnen die Schüler lachend vorbeizogen, unwissend, dass für Harper gerade ihre kleine, bunte Welt zerbrochen war.
    Lia machte kurz den Mund auf, schwieg dann aber doch wieder. Und da drehte Harper sich um und verschwand in den Gang. Sie tauchte einfach ab in die Schülermasse, verschwand zwischen einer Gruppe Hufflepuffs, die sich schon auf die Ferien freuten und glitt an ein paar Ravenclaw-Mädchen vorbei, die freudig in den Himmel zeigten, von dem die ersten Schneeflocken sanft heruntersegelten. Harper war es vollkommen egal. Der Schnee, die Schüler, die Schule. Sie wollte nur noch weg und alleine sein.

    Im Zug hatte sie Lia kurz beim Einsteigen gesehen. Harper hockte mit zwei ihrer Klassenkameradinnen in einem Abteil, doch blickte sie einfach nur durch das Fenster auf die verschneite Landschaft, die vorbeizog. Sie war vor Freude geplatzt, als sie angekommen war. Und jetzt war da mit einem Mal gar nichts mehr. Energisch wischte sich Harper eine Träne von der Wange. Was hatte sie bloß falsch gemacht?

    -*-

    Obwohl die Kabinen beheizt waren, fror Andrej. Er konnte nicht einmal sagen, woran das lag. Während auf dem Gang ein paar Schüler bereits ihre Ferienkleider angelegt hatten, hatte sich Andrej in seinen Mantel verkrochen. Auch die Durmstrang-Schüler wurden mit dem Zug nach Hause gebracht, jedoch unterschied sich das Gefährt grundsätzlich vom komfortablen und reisefreundlichen Hogwarts-Express. Hier gab es keine Süßigkeitenfrau, die mit ihrem Wagen durch die Gänge zog, keine gepolsterten Wände und wehenden Vorhänge. Die Wände des ehemaligen Militärtransports bestanden aus Metall, die Sitze waren grob bezogen und es gab ein Abteil, das als Speisewagen diente, in dem man sich von einem Zugbegleiter einen Teller kaltes Essen abholen konnte. Die Gänge waren beherrscht von Metallrohren und grünlich leuchtenden Neonröhren und das Ganze hatte eher den Charme eines Gefangenentransportes als einer Schülerbahn. Dass es die meiste Zeit durch den Untergrund ging, machte es nicht besser.
    Bisher hatte es Andrej nie sonderlich gestört, er war nichts anderes gewohnt und auch wenn der Zug nicht sonderlich heimelig wirkte, so kam er doch stets pünktlich und das auf die Sekunde. Drei Bahnhöfe waren die offiziellen Haltestellen und Andrej, der ja die Ferien bei seiner Mutter verbringen würde, durfte bereits an der ersten aussteigen. Es war also eine vergleichsweise kurze Fahrt und Andrej wollte sich nicht beschweren.
    Er und Petko, sein bester Freund, hatten eine der Kabinen für sich alleine ergattern können und Petko begriff schnell, dass der sonst so freundliche und redselige Andrej heute nicht zu Gesprächen aufgelegt war und schwieg. Zumindest war Petko das, was einem besten Freund am Nächsten kam. Manchmal hatte Andrej das Gefühl, dass ihn keiner so richtig verstand. Mit Ausnahme von seiner Familie, von der er nun getrennt war. Er spürte Maylas Brief unter seinem Mantel, das raue Pergament an seinen Fingern machte ihn traurig und das Rattern des Zuges schlug Andrej diesmal auf die Nerven. Als eine Klassenkameradin die Kabine betrat, stand Andrej auf.
    „Ich hole mir etwas zu essen“, teilte er Petko entschuldigend mit und ließ ihn mit dem Mädchen allein.
    Auf dem Gang kam es Andrej noch kälter vor. Beim Aufstehen hatte er seine Jacke liegen lassen und nun schützte ihn nur noch ein Pullover. Obwohl Andrej tief im Inneren wusste, dass die Kälte nichts mit der Umgebung zu tun hatte.

    Der Speisewagen war fast völlig leer. Durmstrang war eine kleine Schule. Eine Gruppe Jungs saß an einem der Tische und unterhielt sich in schnellem Russisch, zwei Mädchen aus Andrejs Jahrgang hatten sich etwas zu trinken geholt, doch ansonsten blieb es übersichtlich. Eigentlich hatte Andrej nicht einmal Hunger. Aber er kam sich blöd vor, einfach nur hier herumzustehen und im Grunde hatte er ohnehin keinen Plan, wohin er sollte. Während Andrej noch dastand und zögerte, wurde die Metalltür am gegenüberliegenden Ende aufgestoßen und der Lärmpegel hob an. Andrej blickte auf und sah niemand Geringeren als Viktor Krum, gefolgt von zwei Freunden und einer Gruppe Mädchen den Waggon betreten.

    13
    [Das letzte Kapitel ist sogar noch neu und wurde auch nie hochgeladen bisher. Ich hab leider die Kapitel etwas doof re-kalkuliert^^]

Kommentare (21)

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PotterGirl (87542)
vor 97 Tagen
Ich habe diese Fanfiction vor Ewigkeiten einmal gelesen und bin so froh, dass ich sie wieder gefunden habe. Bitte schreib weiter!
Bella Fan (78765)
vor 694 Tagen
Sooo schön! Echt grandios. Total toller Schreibstil. Mann kann sich super in die Geschichte und die Personen hineinversetzten. Klasse!
alicia-maria Black (62487)
vor 697 Tagen
Bitte schreib weiter so cooooooooool
S.B. (94274)
vor 724 Tagen
Ähhm...du hast doch gar keine Geschichte geschrieben.
Es steht nur Empty. Sehr witzig!
P. Lestrange (31961)
vor 849 Tagen
Lässt sich leider nicht öffnen :-(
Mamutoi (51520)
vor 882 Tagen
Ich finde es doof das bei mir empty steht und zwar überall
Little Miss Sunshine (14970)
vor 932 Tagen
Dies ist meine absolute Lieblings FF!!! Wunderschön geschrieben, man kann sich nur fragen, woher du diese Ideen hast!!! Der Link klappt zwar nicht bei mir, aber trotzdem!!! Man kann sich richtig in Lia hineinversetzen und ich brenne vor Neugier, wenn ich daran denke, wie es wohl weitergehen wird;)))))))
Svenja Granger ; ) (32506)
vor 947 Tagen
Hey.
Also, ich kann mich den Meinungen der anderen nur anschließen: Du hast einen super Schreibstil, die FF lässt sich super , die Story ist total spannend verpackt und sofort hat man Lust auf mehr! Ich hoffe, es gibt bald eine Fortsetzung!
BS dahin, Ahoi,
svenja Grange r; )
N,S,T (86428)
vor 952 Tagen
Ich finde die Geschichte super toll!
Elly (15372)
vor 954 Tagen
Die Geschichte ist echt super und ich habe mich mega gefreut, dass die Geschichte weitergeschrieben wurde :). Dein schreibstyl ist wirklich schön zu lesen :) weiter so!
Larrypen (91311)
vor 955 Tagen
Nachdem ich immer wieder in den Hintern getreten wurde, wird es demnächst eine Fortsetzung der Geschichte geben. Hier geht es weiter:
http://www.fanfiktion.de/s/508496070002a792067007d0/1/Lia-Lestrange
cara mia (67933)
vor 980 Tagen
Weiterschreiben! !!!!!!!!!
Selly (25616)
vor 1032 Tagen
Hey
Ich fand die Geschichte richtig gut
Kommt vllt daher das ich Malfoy , narzissa
, Bellatrix mag und du fast alle 3 drinnen hattest
Ich hoffe du schreibst eine Fortsetzung
Wobei ich es nicht mehr glaube da du es 2012
Geschrieben hast
Miri (52803)
vor 1120 Tagen
Bitte bitte bitte schreib ne Fortsetzung!!!!!!!
Girl-Jojo (34727)
vor 1123 Tagen
Fortsetzung*________________________*
Sona (16679)
vor 1126 Tagen
Schreib n'Fortsetzung! BITTE!!!!Hey, ich will wissen wie es weiter geht!!!!!
Bellatrix Lestrange (76871)
vor 1291 Tagen
Du MUSST diese Geschichte einfach fortsetzen! Wenn nich dann quäle ich dich so lang mit dem "Cruciatus" bist du es tust!
Mira (82033)
vor 1300 Tagen
Das ist wirklich richtig gut geschrieben, solches Taent sieht man nicht oft... richtig klasse! :D Ich hoffe, es geht weiter, mir gefällt die Story und deine Art zu schreiben :)
Ginny Weasley (70930)
vor 1353 Tagen
Wahnsinniges Talent, tolle Story, abeeeeeer Ich finde keine Fortsetzung. Schreibst du gerade eine oder kommt keine Fortsetzung mehr?
mx (53618)
vor 1391 Tagen
Hey!! Wieso bei Merlins müffelnder Unterhose gibt es keine Fortsetzung!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!:/