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Vorsicht, bissig!

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2 Kapitel - 9.222 Wörter - Erstellt von: Melanie - Aktualisiert am: 2012-08-15 - Entwickelt am: - 4.365 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Eine kleine Geschichte über Bis(s)!

    1
    Edward half mir beim Einsteigen und passte auf wie ein Luchs, dass die Stoffmassen aus Chiffon und Seide, die Blumen, die er mir eben noch eigenhändig in den kunstvoll hochgesteckten Locken befestigt hatte, und mein sperriger Gips unversehrt blieben. Meine missmutige Miene ignorierte er einfach.
    Als ich zu seiner Zufriedenheit im Auto saß, stieg auch er ein und fuhr den langen, schmalen Weg zur Straße.

    „Wann genau hast du eigentlich vor, mir zu sagen, was das alles soll?“ fragte ich launisch. Ich hasste Überraschungen, das wusste er genau.

    „Ich bin entsetzt, dass du noch nicht selber draufgekommen bist.“ Er lächelte spöttisch, und mir stockte wieder einmal der Atem. Ob ich mich jemals an seine Schönheit gewöhnen würde?

    „Ich habe bereits erwähnt, dass du sehr gut aussiehst, oder?“, fragte ich

    „Hast du“, bejahte er grinsend. Noch nie zuvor hatte ich ihn in schwarz gesehen, und es war nicht zu leugnen, dass der Kontrast zur Blässe der Haut seine Schönheit auf eine Weise unterstrich, die absolut überirdisch war.

    Nichtsdestotrotz machte mich die Tatsache, dass er einen Smoking trug, ziemlich nervös. Noch nervöser machte mich allerdings dieses Kleid. Und der Schuh. Nur ein Schuh, wohlgemerkt – der andere Fuss war sicher im Gips verwahrt, weswegen ich mich ohnehin kaum auf den Beinen halten konnte. Und der hohe Absatz, der nur von Satinbändern gehalten wurde, würde meine Standsicherheit bestimmt nicht erhöhen.

    „Wenn mich Alice jetzt jedes Mal wie ein Versuchskaninchen behandelt, komm ich nicht mehr zu euch“, maulte ich.

    Zuerst hatte sie mich in ihr atemberaubendes Schlafzimmer verschleppt, dann hatte sie stundenlang Friseuse und Kosmetikerin gespielt, als wäre sie sechs und ich ihre Barbiepuppe. Wenn ich zappelig wurde oder mich beschwerte, machte sie mir ein schlechtes Gewissen: Sie habe schließlich einerlei Erinnerungen an ihr menschliches Lebe, und ob ich ihr den Spaß nicht gönnen könnte, ein bisschen was von ihrer verlorenen Kindheit nachzuholen.

    Zur Krönung steckte sie mich in ein absolut unglaubliches Kleid – tiefblau und schulterfrei, mit Rüschen und französischen Etiketten, die ich nicht lesen konnte. Kurzum: Wir waren in Abendgarderobe irgendwohin unterwegs, und das konnte nichts Gutes bedeuten, da war ich mir sicher. Außer... doch das traute ich mich nicht zu formulieren, nicht einmal in Gedanken.

    Edwards Handy klingelte. Er zog es aus der Innentasche seines Smokings, warf einen Blick aufs Display und ging ran.

    „Hallo, Charlie“, sagte er zurückhaltend.

    Charlie? Auch das konnte nichts Gutes bedeuten.

    Charlie war ziemlich... na ja, schwierig gewesen seit meiner Rückkehr nach Forks. Carlisle behandelte er fast wie einen Heiligen, Edward dagegen hielt er nach wie vor für den Schuldigen an meiner Verletzung weil ich ohne ihn gar nicht erst nach Phoenix gefahren wäre – Edward selber war ganz seiner Meinung. Die Folge war, dass es zu Hause neuerdings Regeln gab: Ich hatte jetzt meine persönlichen Sperrstunden und Besuchszeiten.

    Irgendwas, das Charlie sagte, brachte Edward dazu, zuerst ungläubig zu gucken und dann zu grinsen.

    „Das ist nicht dein Ernst!“ Er lachte.

    „Was denn?“, wollte ich wissen.

    Er ignorierte mich. „Gib ihn mir doch mal“, sagte er mit sichtlichem Vergnügen. Ein paar Sekunden vergingen.

    „Hallo Tyler, hier ist Edward Cullen.“ Seine Stimme war sehr freundlich, zumindest oberflächlich – ich kannte ihn jedoch gut genug, um den leisen Anklang der Drohung nicht zu überhören. Aber was machte Tyler bei mir zu Hause? Doch nicht etwa... Ich schaute an mir herab, auf das viel zu elegante Kleid, in das Alice mich gezwängt hatte. Und dann war der Groschen gefallen.

    „Es tut mir Leid, wenn es da ein Missverständnis gegeben haben sollte, aber Bella ist heute Abend unabkömmlich.“ Dann wurde sein Ton schärfer. „Um ganz ehrlich zu sein, sie wird jeden Abend unabkömmlich sein, zumindest für alle außer mir. Ist nicht bös gemeint. Und es tut mir leid, wenn ich dir den Abend verdorben habe.“ Es klang so, als täte es ihm überhaupt nicht Leid. Dann klappte er das Handy zu und grinste zufrieden.

    Zornesröte schoss mir ins Gesicht, und Tränen traten mir in die Augen.
    Er schaute mich überrascht an. „War das Letzte ein bisschen übertrieben? Ich wollte dich nicht kränken.“

    Anstatt zu antworten, schrie ich ihn an: „Wir gehen auf den Jahresabschlussball?“

    Mit einem Mal war alles geradezu schmerzhaft offensichtlich. Ich hätte nur mal auf die Idee kommen müssen, mir die Plakate etwas genauer anzuschauen, die jede Wand in der Schule zierten – dann wäre mir sicherlich auch das datum aufgefallen. Allerdings hätte ich nicht im Traum damit gerechnet, dass er mich dazu nötigen würde. Kannte er mich denn so schlecht?

    Jedenfalls hatte er nicht mit einer so heftigen Reaktion gerechnet. Seine Lippen waren zusammengepresst, seine Augen verengten sich. „Bella, stell dich doch nicht so an.“

    Ich schaute nach draußen; wir waren schon auf halbem Weg zur Schule.

    „Warum tust du mir das an?“, fragte ich voller Entsetzen.

    Er deutete auf seinen Smoking. „Ehrlich Bella, was hast du denn gedacht, wo wir hingehen?“

    Am liebsten wäre ich im Boden versunken, so peinlich war mir das alles. Zum einen, weil ich offensichtlich ein Brett vor dem Kopf gehabt hatte. Zum anderen, weil die unbestimmte Erwartung, die ich den ganzen Tag lang, während Alice versuchte, mich in eine Schönheitskönigin zu verwandeln, gehegt hatte, so weit von der Realität entfernt war. Eine ängstliche Hoffnung, die mir jetzt bloß noch dämlich vorkam.

    Klar hatte ich gedacht, dass ein besonderer Anlass bevorstand. Aber ein Schulball? Nie im Leben wäre ich darauf gekommen.

    Wütende Tränen rollten über meine Wangen. Dann fiel mir zur Bestürzung ein, dass Alice mir Wimperntusche aufgetragen hatte, und ich wischte mir im Gesicht herum, um das Gröbste zu verhindern. Doch meine Hand war nicht geschwärzt – wahrscheinlich hatte sie sich schon gedacht, das für mich nur wasserfestes Make-up in Frage kam.

    Er verstand die Welt nicht mehr. „Das ist doch lächerlich! Wieso weinst du denn jetzt?“

    „Warum? Weil ich sauer bin!“

    „Bella.“ Er entfesselte die ganze Kraft seiner goldenen Augen.

    „Was?“, fragte ich verwirrt.

    „Tu es mir zuliebe.“

    Sein Blick löste meine Wut einfach auf – es war unmöglich, mit ihm zu streiten, wenn er zu solchen unlauteren Mitteln griff. Schmollend gab ich mich geschlagen.

    „Schön“, sagte ich eingeschnappt – leider war ich unfähig, dabei so böse zu gucken, wie ich wollte. „Wie du willst. Aber du wirst schon sehen – ich bin längst wieder mal fällig für einen Unfall. Wahrscheinlich breche ich mir mein anderes Bein auch noch. Hast du diesen Schuh gesehen? Das ist kein Schuh sondern eine tödliche Falle.“ Zum Beweis hob ich mein heiles Bein ein Stück an.

    „Hmmm.“ Er schaute viel länger hin, als notwendig. „Erinnerst du mich daran, dass ich mich nachher bei Alice bedanke?“

    „Alice kommt auch?“

    „Ja, mit Jasper. Und Emmet auch... mit Rosalie.“

    Das tröstliche gefühl verschwand wieder. Mit Rosalie war ich keinen Schritt vorangekommen, obwohl ich mich prima mit Emmet verstand. Er freute sich, wenn er mich sah – er fand meine menschlichen Verhaltensweisen wahnsinnig komisch. Oder vielleicht auch nur die Tatsache, dass ich ständig hinfiel. Rosalie dagegen behandelte mich wie Luft. Ich schüttelte den Kopf, um den gedanken an sie zu verscheuchen; dabei fiel mir etwas anderes ein.

    „War Charlie eigentlich eingeweiht?“, fragte ich misstrauisch.

    „Na klar.“ Er grinste, dann lachte er in sich hinein. „Aber Tyler nicht, wie's aussieht.“

    Ich verzog mein Gesicht. Wie Tyler sich derartig täuschen konnte, war mir ein Rätsel. In der Schule, wo Charlie uns nicht in die Quere kam, waren Edward und ich unzertrennlich – abgesehen von den seltenen sonnigen Tagen.

    Dann waren wir da; Rosalies rotes Cabrio war nicht zu übersehen. Edward stieg aus, öffnete mir die Tür und bot mir seine Hand.

    Doch ich verschränkte die Arme vor der Brust, blieb sitzen und gönnte mir ein kleines Gefühl des Triumphes: Der Parkplatz war voller Menschen in Anzügen und Abendkleidern – lauter Zeugen. Er konnte mich also nicht gewaltsam aus dem Auto zerren, als wären wir alleine im Wald.

    Er seufzte. „Wenn dich jemand umbringen will, bist du tapfer wie ein Löwe – aber wenn vom Tanzen die Rede ist...“ Er schüttelte den Kopf.

    Ich schluckte. Tanzen!

    „Bella, ich pass auf, dass dich nichts und niemand verletzt, nicht einmal du selbst. Ich lass dich nicht ein einziges Mal los, versprochen.“

    Ich ließ mir das durch den Kopf gehen und fühlte mich augenblicklich besser, was ihm nicht entging.

    „Na los“, sagte er zärtlich. „Das wird schon nicht so schlimm.“ Dann beugte er sich zu mir herunter und legte einen Arm um meine Hüfte. Ich ergriff seine andere Hand und ließ mich aus dem Auto heben.

    Auf seinen Arm gestützt humpelte ich zur Schule. Weit hinten, am westlichen Horizont, brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dünne Wolkendecke.

    In Phoenix fanden Abschlussbälle in Ballsälen satt. In Forks musste man mit der Turnhalle vorlieb nehmen – dem wahrscheinlich einzigen raum in der Stadt, der ausreichend Platz bot. Als wir hereinkamen, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen: Die Wände waren tatsächlich mit Luftballons und Girlanden aus pastellfarbenem Krepppapier geschmückt.

    „Das sieht aus wie der Vorspann zu einem Horrorfilm“, kicherte ich.

    „Na ja“, murmelte er, als wir langsam auf die Kasse zugingen. „Ausreichend Vampire sind ja da.“ Der Großteil meines Gewichts lastete auf ihm, aber immerhin musste ich meine Füße selbstständig vorwärts wuchten.

    Ich schaute auf die Tanzfläche; in ihrer Mitte hatte sich ein großer Freiraum gebildet, durch den in vollendeter Anmut zwei Paare wirbelten. Die anderen Tänzer hatten sich an den Rand des Geschehens zurückgezogen, um ihnen Platz zu machen. Niemand sonst tanzte – keiner wollte sich dem Vergleich mit dieser Pracht aussetzen. Emmet und Jasper sahen geradezu einschüchternd perfekt aus in ihren klassischen Smokings. Alice war atemberaubend; durch die großen, dreieckigen Aussparungen ihres tiefschwarzen Satinkleides strahlte ihre schneeweiße Haut. Und Rosalie war.. na ja, einfach Rosalie: unglaublich schön. Ihr leuchtend rotes Kleid war rückenfrei und schmiegte sich bis hinunter zu den Waden eng an ihren Körper, um dann mit einer weiten, gerafften Schleppe auszulaufen. Der Ausschnitt reichte bis zur Taille. Ich bedauerte jedes anwesende Mädchen, mich eingeschlossen.

    „Soll ich die Türen verriegeln, damit du die ahnungslosen Kleinstädter massakrieren kannst?“, flüsterte ich verschwörerisch.

    „Und welche Rolle spielst du dabei?“ Er funkelte mich an.

    „Ich? Ich mach bei den Vampiren mit, was denn sonst?“

    Er lächelte. „Hauptsache, du musst nicht tanzen.“

    „Genau.“

    Er kaufte zwei Eintrittskarten und schob mich in Richtung Tanzfläche. Ich stemmte mich gegen seinen Arm und machte mich schwer.

    „Ich hab Zeit“, drohte er. „Den ganzen Abend, wenn's sein muss.“

    Irgendwann hatte er mich dort hingeschleppt, wo die anderen vier schon elegant herumwirbelten, wenn auch auf eine Art, die weder in die Gegenwart noch zur Musik passte. Mutlos schaute ich ihnen zu.

    „Edward.“ Meine Kehle war so trocken, dass ich nur ein flüstern herausbekam. „Ich kann wirklich nicht tanzen!“ Panik stieg in mir auf.

    „Aber ich, Dummerchen", flüsterte er zurück. Er legte meine Arme um seinen Nacken und stellte mich auf seine Füße.

    Und dann wirbelten wir umher.

    „Ich fühl mich wie eine Fünfjährige“, sagte ich lachend, nachdem wir minutenlang mühelos über die Tanzfläche geglitten waren.

    „So siehst du aber nicht aus“, murmelte er und zog mich für einen Moment an seine Brust, so dass meine Füße in der Luft baumelten.

    Alice kreiselte an uns vorbei. Unsere Blicke begegneten sich, und sie lächelte mir ermutigend zu. Ich lächelte zurück. Erstaunt merkte ich, dass es mir tatsächlich Spaß machte.... ein bisschen zumindest.

    „Okay, ich hab's mir schlimmer vorgestellt“, gab ich zu.

    Doch Edward blickte verärgert zu Tür.

    „Was ist denn?“, fragte ich und folgte seinem Blick. Unsere Drehungen erschwerten die Orientierung, doch schließlich sah ich, was ihm nicht passte. Jacob Black, nicht im Smoking, aber mit weißem Hemd und Krawatte, lief über die Tanzfläche und wollte anscheinend zu uns. Seine Haare waren wie üblich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

    Nach der ersten Überraschung kam ich nicht umhin, ihn zu bemitleiden – es war offensichtlich, dass er sich geradezu schmerzlich unwohl fühlte in seiner Haut. Mit zerknirschte Miene kam er auf mich zu.

    Edward gab ein kaum hörbares Knurren von sich.

    „Lass ihn in Ruhe!“, zischte ich.

    „Er möchte ein Schwätzchen mit dir halten“, sagte er bissig.

    Dann stand Jacob vor uns; seine Verlegenheit war nicht zu übersehen.

    „Hey, Bella, ich hatte gehofft, dass du hier bist. Es klang, als hätte er genau das nicht gehofft. Doch sein Lächeln war genauso liebenswürdig wie immer.

    „Hi, Jacob.“ Ich lächelte zurück. „Was gibt’s?“

    „Darf ich?“, fragte er, an Edward gewandt, und trat auf mich zu. Ich war verblüfft, dass er nicht zu ihm aufschauen musste – er war mindestens zehn zentimeter gewachsen, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte.

    Edwards Gesicht war beherrscht, sein Blick ausdruckslos. Statt einer Antwort stellte er mich vorsichtig auf den Boden und trat einen Schritt zurück.

    „Danke“, sagte Jacob freundschaftlich.

    Edward nickte nur und schaute mir eindringlich in die Augen. Dann drehte er sich um und ging.

    Jacob legte seine Hände um meine Hüften, ich hob meine zu seinen Schultern.

    „Wow, Jake, wie groß bist du denn?“

    „Eins fünfundachtzig“, sagte er stolz.

    Eigentlich tanzten wir gar nicht – mein Gipsbein machte das unmöglich - sondern wippten nur unbeholfen hin und her, ohne unsere Füße zu heben. Aber das war okay; es war schlaksig und linkisch und tanzte wahrscheinlich genauso schlecht wie ich.

    „Und, wie kommt's, dass du hier bist?“, fragte ich, doch ich musste die Neugier vortäuschen, denn nach Edwards Reaktion konnte ich es mir schon denken.

    „Du wirst es nicht glauben, aber mein Dad gibt mir zwanzig Dollar dafür“, gestand er beschämt.

    „Verstehe“, murmelte ich. „Na ja, ich hoffe, du hast wenigstens ein bisschen Spaß. Schon einen Blick auf jemanden geworfen“, erkundigte ich mich scherzhaft und deutete mit dem Kopf auf ein paar Mädchen, die wie ein Sortiment buntes Konfekt aufgereiht an der Wand standen.

    „Ja“, sagte er seufzend. „Aber sie ist schon vergeben.“

    Er blickte mir flüchtig in die Augen, dann schauten wir beide verschämt zu Seite.

    „Du siehst übrigens sehr hübsch aus“, fügte er schüchtern hinzu.

    „Danke, äh – und weshalb wollte Billy, dass du herkommst?“ Doch ich kannte die Antwort bereits.

    Jacob schien nicht sonderlich froh zu sein über meine Frage. Wieder war ihm sichtlich unwohl; er schaute zur Seite. „Er meinte, es sei ein 'sicherer' Ort, um mit dir zu reden. Ganz ehrlich, langsam glaub ich, er verliert den Verstand.“

    „Halbherzig stimmte ich in sein Lachen ein.

    „Na ja, er will mir den Hauptbremszylinder kaufen, den ich brauche, wenn ich dir etwas ausrichte“, gestand er kleinlaut und grinste verlegen.

    „Na dann los – ich will schließlich, dass dein Auto fertig wird.“

    Ich grinste zurück. Wenigstens glaubte Jacob nichts von alldem, das machte die Situation halbwegs erträglich. Ich sah, dass Edward an der Wand lehnte und mich mit ausdrucksloser Miene beobachtete. Ein Mädchen aus der Klassenstufe unter uns taxierte ihn schüchtern, doch er schien es nicht zu bemerken – trotz seines pinkfarbenen Kleides.

    Jacob schlug beschämt die Augen nieder.

    „Nicht sauer sein, okay?“

    „Ich wüsste nicht, warum ich auf dich sauer sein sollte“, beteuerte ich.
    „Ich werde noch nicht einmal auf Billy sauer sein. Sag einfach, was du mir sagen sollst.“

    „Also – o Gott, das ist so dämlich... tut mir Leid, Bella. Okay – er will, dass du mit deinem Freund Schluss machst. 'Bitte!', soll ich dir sagen.“

    verächtlich schüttelte Jacob den Kopf.

    „Er ist also immer noch abergläubisch, was?“

    „Und wie. Er war irgendwie völlig... außer sich, als er hörte, dass du in Phoenix einen Unfall hattest. Er wollte nicht glauben - “, Verlegen verstummte er.

    Meine Augen verengten sich. „Dass ich die Treppe runtergefallen bin?“

    „Ich weiß, es ist verrückt“, sagte Jacob schnell.

    „Er glaubt, dass Edward was mit dem Unfall zu tun hatte.“

    Ich wusste, ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Und ich war sauer, trotz meines Versprechens.

    Jacob traute sich nicht, mir in die Augen zu sehen. Wir hatten es mittlerweile ganz aufgegeben, im Rhythmus der Musik zu schaukeln, obwohl seine Hände noch immer an meinen Hüften lagen und meine um seinen Hals geschlossen waren.

    „Jacob, wahrscheinlich wird Billy mir das nicht glauben, aber ich will, dass du es weißt.“

    Mein ernster Ton ließ ihn aufhorchen; er schaute mich wieder an.

    „Edward hat mir das Leben gerettet. Ohne ihn und seinen Vater wäre ich jetzt tot.“

    „Ich weiß“, beteuerte er, doch ich hörte, dass meine Aufrichtigkeit ihn berührt hatte. Vielleicht würde er Billy wenigstens davon überzeugen können.

    „Hey, tut mir Leid, dass du das machen musstest“, sagte ich aufmunternd. „Aber die Ersatzteile waren's doch wert.“

    Er wich meinem Blick aus. „Hmmm“, brummte er, immer noch ziemlich geknickt.

    „Sag bloß, da ist noch mehr.“ Ich konnte es nicht fassen.

    „Nein, vergiss es“, murmelte er. „Ich besorg mir 'nen Job und spar mir das Geld selber zusammen.“

    Ich schaute ihm in die Augen, bis er meinen Blick erwiderte. „Spuck's aus, Jacob.“

    „Es ist zu peinlich.“

    „Egal. Erzähl's mir.“

    „Okay... aber es ist echt peinlich.“ Er schüttelte den kopf. „Ich soll dir sagen... nein, ich soll dich warnen, dass“ - er malte Gänsefüßchen in die Luft - „'wir dich nicht aus den Augen lassen.' Das ist nicht mein Plural, sondern seiner.“

    Er hielt den Atem an und wartete auf meine Reaktion.

    Es klang wie aus einem Mafiafilm. Ich brach in schallendes Gelächter aus.

    „Du Ärmster! Tut mir Leid, dass du dazu gezwungen warst.“

    „Na ja, es gibt Schlimmeres“, wehrte er ab und grinste erleichtert. Sein Blick glitt anerkennend über mein Kleid.

    „Und, was soll ich ihm ausrichten?“, fragte er frohlockend. „Dass er sich gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern soll?“

    „Nein“, antwortete ich seufzend. „Richte ihm meinen Dank aus. Ich weiß, dass er es gut meint.“

    Das Lied endete, und ich nahm meine Arme wieder von seiner Schulter.

    Er blickte auf mein schlimmes Bein und ließ seine Hände vorsichtshalber auf meinen Hüften liegen.

    „Willst du weitertanzen? Oder soll ich dich irgendwo hinbringen?“

    Edward antwortete für mich. „Danke, Jacob, ich mach das schon.“

    Jacob zuckte zusammen und fuhr herum; Edward stand direkt hinter ihm.

    „Hallo, ich hab dich gar nicht bemerkt“, sagt er. Und dann, an mich gewandt: „Äh, ja, dann bis bald, Bella.“

    Er trat zur Seite und hob schüchtern seine Hand.

    Ich lächelte. „Ja, bis bald.“

    „Tut mir Leid“, sagte er, dann drehte er sich um und ging.

    Das nächste Lied begann und Edward schloss mich in seine Arme. Die Musik war ein bisschen zu schnell für einen Engtanz, doch das schien ihn nicht zu stören. Zufrieden legte ich meinen Kopf an seine Brust.

    „Und, fühlst du dich jetzt besser?“, fragte ich scherzhaft.

    „Kann ich nicht behaupten“, sagte er kurz angebunden.

    „Sei nicht sauer auf Billy“, sagte ich. „Er ist Charlies bester Freund, da macht er sich eben Sorgen um mich. Es hat nicht speziell mit dir zu tun.“

    „Ich bin gar nicht sauer auf Billy“, korrigierte er gereizt. „Aber sein Sohn geht mir langsam auf die nerven.“

    Verwundert hob ich den Kopf von seiner Brust und schaute ihm ins Gesicht. Er schien es ernst zu meinen.

    „Warum denn das?“

    „Erstens habe ich meine Versprechen gebrochen.“

    Verständnislos sah ich ihn an.

    Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich habe versprochen, dich den ganzen Abend nicht loszulassen“, erinnerte er mich.

    „Stimmt. Aber ich verzeih dir.“

    „Danke. Aber da ist noch etwas.“ Er runzelte die Stirn.

    Ich wartete geduldig.

    „Er hat gesagt, du bist hübsch“, sagte er schließlich. Seine Miene verfinsterte sich noch mehr. „so wie du aussiehst, kommt das quasi einer Beleidigung gleich. Du bist mindestens wunderschön.“

    Ich lachte. „Meinst du nicht, du bist ein wenig voreingenommen?“

    „Das hat damit nichts zu tun.“

    Wir wirbelten wieder umher; ich stand auf seinen Füßen und lag in seinen Armen.

    „Willst du mir nicht langsam mal erklären, was das alles soll?“, fragte ich ihn.

    Verwirrt schaute er mich an; ich runzelte die Stirn und umfasste mit einem bedeutungsvollen Blick die ganze Veranstaltung.

    Er schien kurz zu überlegen, dann schwenkte er mich plötzlich herum und wirbelte mit mir durch die Schülermenge auf die Hintertür der Turnhalle zu. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf Jessica und Mike, die die auch gerade tanzten und mich neugierig beäugten. Jessica winkte, ich lächelte. Angela lag, strahlend vor Glück, in den Armen von Ben Cheney, der einen Kopf kleiner war als sie; sie wandte ihren Blick nicht von seinen Augen. Ich sah Lee und Samantha; ich sah Lauren, die uns böse blicke zuwarf, und Connor – jedem Gesicht, das an mir vorbeiflog, konnte ich einen Namen zuordnen. Und dann standen wir vor der Tür und schauten in das kühle, matte Licht der eben untergegangenen Sonne.

    Als uns niemand mehr sehen konnte, nahm er mich hoch und trug mich über den dunklen Schulhof, bis wir bei den Erdbeerbäumen ankamen, wo er sich, mit mir in seinen Armen hinsetzte. Mein Kopf lag an seiner Brust. Der Mond stand schon am Himmel, deutlich sichtbar durch die zarten Wolkendecke. Bleich leuchtete Edwards Gesicht im weißen Licht – dem letzten Licht des Tages. Seine Lippen bildeten eine schroffe Linie.

    „Und – wozu das Ganze?“, drängte ich sanft.

    Doch er blickte betrübt zum Mond und ignorierte mich.

    „Wieder eine Dämmerung“, sagte er leise. „Wieder ein Ende. Egal, wie perfekt ein Tag ist, er endet immer.“

    Ich war sofort hellhörig. „Manche Dinge müssen nicht enden“, murmelte ich.

    „Ich bin mit dir zum Ball gegangen“, sagte er langsam, „weil ich nicht will, dass du irgendwas verpasst. Ich möchte nicht, dass dir durch mich etwas entgeht. Ich möchte, dass du ein Mensch bist, dass dein leben so weitergeht, wie es verlaufen wäre, wenn ich 1918 gestorben wäre, wie es hätte sein sollen.“

    Ich erschrak; dann schüttelte ich verärgert den Kopf. „Edward – in welchem Paralleluniversum wäre ich je auf die Idee gekommen, freiwillig zu einem Schulball zu gehen? Wenn du nicht tausendmal stärker wärst als ich, hätte ich das nie mit mir machen lassen.“

    Er lächelte flüchtig, doch sein Blick blieb traurig. „So schlimm ist es doch nicht, das hast du selber gesagt.“

    „Aber nur, weil ich mit dir hier bin.“

    Eine Weile sagte keiner etwas; er blickte zum Mond, ich auf sein Gesicht. Ich wünschte mir, ihm erklären zu können, wie wenig Interesse ich an einem normalen Leben hatte.

    „Verrätst du mir etwas?“, fragte er und schaute mit einem schwachen Lächeln auf mich herab.

    „Habe ich dir je etwas vorenthalten?“

    „Versprich einfach, dass du's mir sagst“, beharrte er und grinste.
    Ich wusste, dass ih das sofort bereuen würde. „Wie du willst.“

    „Ich hatte vorhin den Eindruck, dass du vorhin ernsthaft überrascht warst, als dir klar wurde, wohin wir fahren.“

    „Das stimmt.“

    „Das dachte ich mir. Aber du hattest doch bestimmt eine andere Theorie, oder? Was hast du denn geglaubt, was ich vorhatte?“

    Ich hatte gewusst, ich würde es bereuen. Unwillig schürzte ich meine Lippen.

    „Das würde ich dir lieber nicht sagen.“

    „Du hast es versprochen“, protestierte er.

    „Ich weiß.“

    „Warum willst du es nicht sagen?“

    Ich wusste genau, was er dachte: dass mir die Antwort peinlich war, sonst nichts.

    „Weil du wahrscheinlich sauer sein wirst. Oder traurig.“

    Nachdenklich schoben sich seine Augenbrauen zusammen. „Trotzdem, ich will es wissen. Sagst du es mir . Bitte?“

    Ich seufzte. Er wartete.

    „Na ja... ich dachte, es wäre ein... besonderer Anlass. Aber nicht so was Banales Menschliches.“ Ich rümpfte die nase. „Jahresabschlussball!“

    „Nicht so was Menschliches?“, wiederholte er verständnislos.

    Ich blickte an meinem Kleid hinab und nestelte an eine Chiffonschleife herum. Er schwieg und wartete.

    Ich gab mir einen Ruck und sagte ihm die Wahrheit. „Also meinetwegen – ich hatte gehofft, dass du deine Meinung vielleicht geändert hast und mich... doch verwandeln würdest.“

    Ein Dutzend Emotionen liefen über sein Gesicht. Verärgerung... Schmerz... Dann schien er sich zu fangen und setzte eine belustigte Miene auf.

    „Und du dachtest, das wäre ein Anlass für Abendgarderobe?“, zog er mich auf und berührte den Revers seines Smokings.

    Um meine Verlegenheit zu überspielen, guckte ich böse. „Was weiß ich denn, wie so was abläuft. Ich fand's jedenfalls naheliegender als einen Schulball.“

    Er grinste immer noch. „Das ist nicht witzig“, sagte ich.

    „Du hast Recht, es ist wirklich nicht witzig.“ Sein Lächeln verschwand. „Aber ich betrachte es lieber als Witz, als mir vorzustellen, dass du es womöglich ernst meinst.“

    „Ich meine es ernst.“

    Er seufzte tief. „Ich weiß. Und du willst es wirklich so sehr?“

    Seine Augen waren schmerzerfüllt. Ich biss mir auf die Lippen und nickte.

    „Du bist also schon bereit für das Ende“, murmelte er vor sich hin. „Bereit für das Ende deines Lebens, obwohl es gerade erst begonnen hat. Bereit, alles aufzugeben.“

    „Es wäre nicht das Ende, sondern der Anfang“, widersprach ich leise.

    „Ich bin das nicht wert“, sagte er traurig.

    „Erinnerst du dich, dass du mir mal gesagt hast, ich könne mich selber nicht sonderlich gut einschätzen?“, fragte ich spöttisch. „Du hast offenbar dieselben Schwierigkeiten.“

    „Ich weiß, was ich bin.“

    Ich seufzte.

    Wieder einmal wechselte abrupt seine Stimmung. Er schob die Lippen vor uns musterte mich eindringlich. Sekundenlang ruhte sein Blick auf meinem Gesicht.

    „Du bist also wirklich bereit?“

    „Ähm.“ Ich schluckte. „Ja.“

    Er lächelte und beugte sich hinunter, bis seine kalten Lippen die weiche Stelle an meinem Hals berührten, wo der Puls unter der Haut pochte.

    „Jetzt gleich?“ Sein kühler Atem an meinem Hals ließ mich erschaudern.

    „Ja.“

    Ich flüsterte, um zu verhindern, dass meine Stimme brach. Mein Atem ging ungleichmäßig, und mein Körper war hart wie ein Brett, doch wenn er dachte, dass ich ihm etwas vorspielte, hatte er sich getäuscht. Meine Entscheidung stand fest, und ich würde sie nicht ändern – auch wenn meine Hände vor Angst zu Fäusten geballt waren.

    Er lachte finster in sich hinein und hob seinen Kopf. Seine Miene war tatsächlich enttäuscht.

    „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich so leicht nachgebe“, spottete er leicht angesäuert.

    „Man kann ja mal träumen.“

    Er zog seine Augenbrauen hoch. „Das ist dein Traum? Ein Monster zu sein?“

    „Nein, nicht ganz“, erwiderte ich und verzog das Gesicht. Von wegen Monster! „Hauptsächlich träume ich davon, für immer mit dir zusammen zu sein.“

    Er hörte den leisen Schmerz in meiner Stimme und sah mich mit zärtlicher Wehmut an.

    „Bella.“ Er strich über meine Lippen. „Ich bleibe bei dir – ist das denn nicht genug?“

    Mein Mund weitete sich unter seinen Fingerspitzen zu einem Lächeln.

    „Für den Moment, ja.“

    Stirnrunzelnd registrierte er meine Hartnäckigkeit. Keiner von uns beiden würde an diesem abend nachgeben. Er atmete aus, und es klang beinahe wie ein Knurren.

    Ich berührte sein Gesicht. „Edward. Ich liebe dich mehr als alles andere in der welt zusammen. Ist das denn nicht genug?“

    „Doch, es ist genug“, antwortete er lächelnd. „Genug für alle Zeiten.“

    Und er beugte sich hinab, um abermals seine kalten Lippen an meine Kehle zu legen.

    2
    Seine Lippen fuhren meinen Hals hinauf bis sie schließlich meine Lippen fanden.

    Ein heißes Kribbeln durchfuhr mich von Kopf bis Fuß. Nie sollte dieser Moment enden. Ich wollte für den rest meines Lebens in Edwards Armen bleiben und ihn nie wieder verlassen.

    Ich kuschelte mich an Edwards starke Brust und sah erst in den Sternen gesprenkelten Himmel und dann in Edwards goldene Augen. Sie waren so unergründlich wie immer.

    Gedankenverloren strich er über meine Haare, bis er auf einmal stoppte und ganz steif wurde.

    „Was ist los?“, fragte ich?

    „Scht!“

    Edward legte mir seine kalte Hand auf den Mund.

    „Kein Wort!“, zischte er eindringlich in mein Ohr.

    Ruckartig setzte ich mich auf. Was war los? Beunruhigt sah ich in Edwards angespanntes Gesicht. Starr blickte er die Hauptstraße hinunter und seine Augen schienen mit jeder Sekunde dunkler zu werden.

    Mit einem Mal sprang er so heftig auf, dass ich mich schnell an der Bank festhalten musste.

    „Verdammt noch mal!“, zischte ich so leise wie möglich, aber dennoch
    wütend. „Was ist hier los?“

    Mit einem Satz war Edward wieder neben mir und hob mich unsanft hoch.

    „Schnell, wir müssen die Anderen warnen!“

    Und schon lief er mit mir auf dem Arm zurück zur Halle. Eilig schloss ich die Augen und versuchte, die schon wieder aufsteigende Übelkeit zurückzuhalten.

    Schon auf halbem Weg kamen uns Alice, Jasper, Emmet und Rosalie entgegen geeilt.

    „Ich weiß es“, sagte Alice nüchtern. „Ich habe ihn gesehen.“

    „Jemand muss uns verraten haben!“, knurrte Rosalie.

    Dass Rosalie mich nicht mochte, wusste ich ja schon, aber dass sie so weit gehen würde, mich bei diesem Satz mit ihren Blicken zu beschuldigen, hätte ich nicht gedacht. Auch Edward warf einen wütenden Blick zu Rosalie hinüber, aber Alice ging rasch dazwischen.

    „Dafür ist jetzt keine Zeit! Edward, bring Bella so schnell wie möglich in Sicherheit!“

    Was zum Teufel war hier los? Sollte es jetzt zur Gewohnheit werden, dass mir hier nichts mehr erzählt wurde?

    „Wen hast du gesehen?“, fragte ich Alice während ich mich wütend in Edwards Armen wand. Schließlich setzte er mich ab.

    „Pass auf“, sagte er eindringlich, „ich bringe dich jetzt zum Wagen und du fährst so schnell wie möglich nach Hause!“

    „Und du?“

    „Ich bleibe hier.“

    Verdammt noch mal! Beinahe hätte ich mit dem Fuß aufgestampft, wenn mir nicht noch gerade rechtzeitig mein Gipsbein eingefallen wäre.

    „Ich gehe nirgendwo hin!“, verkündete ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nicht bevor mir jemand erzählt, um was es hier geht!“

    Edward sog zischend die Luft ein und blickte mir tief in die Augen. Seine eigenen waren mittlerweile tiefschwarz.

    „Bitte Bella...“

    Edward packte mich an der Schulter und einen Moment dachte ich, er würde mich durchschütteln wie ein kleines Kind. Doch dann ließ er mich mit einem Seufzen los und wandte sich an Alice.

    „Alice“, bat er leise, „machst du das?“

    Sie nickte und trat an Edward vorbei einen Schritt auf mich zu. Dabei legte sie einen Arm um meine Taille und sah mich fragend an. Widerwillig nickte ich. Alice hob mich hoch und trug mich langsam in Richtung Auto.

    Verdammt noch mal, Alice!“, schimpfte ich.

    Ich fühlte mich wie eine Figur, die ohne etwas dagegen machen zu können, auf einem riesigen Spielfeld hin und hergeschoben wurde.

    „Jetzt hör mal zu“, sagte Alice ungewohnt scharf, „wir sind, wie du vielleicht schon gemerkt hast, in Gefahr! Wenn du jetzt nicht sofort zusiehst, dass du nach Hause kommst, bringst du nicht nur dich sondern auch uns unnötig in Gefahr!“

    Ich schluckte. Wieso konnte das Leben mir mein Glück mit Edward nicht gönnen?

    „Dann sag mir wenigstens, um wen oder was es geht“, bat ich leise während Alice mich vorsichtig auf dem Autositz absetzte. Würde ich so überhaupt fahren können?

    „Helsing“, antwortete Alice tonlos und einen Moment glaubte ich, einen Funken Angst in ihren Augen zu entdecken.

    „Van Helsing, der legendäre Vampirjäger.“

    Einen Moment stockte mir das Blut in den Adern bevor das Zuknallen der Autotür mich aus meiner Starre hochschrecken ließ.

    „Jetzt fahr!“, schrie Alice und ihr verzerrtes Gesicht ließ Panik in mir hochsteigen.

    Ich drückte das Gaspedal durch, so dass der Motor heulend protestierte. Mit einem Satz flog der Transporter nach vorne und beinahe wäre ich gegen das Lenkrad geschleudert worden.

    Aus den Augenwinkeln sah ich Alice zu den Anderen zurückeilen. Doch kurz darauf verlor ich sie aus den Augen, da der Wagen auf die dunkle Straße rollte.

    Einen Moment lang war ich vollkommen blind, bis mir endlich einfiel, die Scheinwerfer einzuschalten. Sofort erhellte der Lichtkegel die vor mir liegende Straße und ein Stück des Waldes rechts und links.

    Mein Herz raste in meiner Brust und pochte schmerzhaft bis zum Hals.

    „Van Helsing“, hallte es in meinen Ohren wider. Ein Vampirjäger! Was, wenn er Edward etwas tat? Wieso war ich in Gefagr? Vampirjäger jagten doch normalerweise Vampire und nicht Menschen oder?

    Starr heftete ich meinen Blick auf die Straße. Meine Gedanken kreisten immer wieder um Edward. Ihm durfte nichts geschehen!

    Wenn ihm etwas passierte, würde ich nicht weiterleben können. Er war mein Leben. Auch wenn ich nie gedacht hätte, dass ich je so für eine Person empfinden würde. Doch die Zeit hier in Forks und mit Edward hatte einen anderen Menschen aus mir gemacht.

    Auf einmal tauchte am rande des Lichtkegels eine Person auf und sprang mit einem riesen Satz mitten auf die Straße.

    Ein schrille Schrei hallte in meinen Ohren wider und erst viel später sollte ich herausfinden, dass es mein eigener gewesen war.

    Trotz des Wissens, dass es nichts bringen würde, riss ich das Lenkrad herum und trat gleichzeitig in die Bremsen. Mit quietschenden Reifen kam der Wagen schlitternd zum Stehen. Ich bildete mir ein, draußen am Fenster graue Rauchschwaden vorbei ziehen zu sehen.

    Panisch blickte ich mich um. Wo war die Person? Sobald sie das Erste Mal im Licht aufgetaucht war, hatte ich sie erkannt: Victoria, die Frau des toten Trapper James. Ihr rotes Haar hatte im Scheinwerferlicht kurz aufgeleuchtet bevor sie wieder aus meinem Blickfeld verschwunden war.

    Panik drohte mich zu überrollen. Wieder einmal drückte ich das Gaspedal bis zum Anschlag durch und wieder flog der Wagen mit einem Satz nach vorne. Doch dieses Mal war ich darauf vorbereitet und krallte mich am Lenkrad fest.

    Der Wald an beiden Seiten der Straße flog an mir vorbei. Ich unterdrückte den Drang, hektisch über die Schulter nach hinten zu blicken.

    Wieso war ich schon so weit von der Schule entfernt? Konnte man in so kurzer Zeit eine so große Strecke zurücklegen? Oder war ich einfach in Gedanken versunken und die Zeit länger gewesen, als ich dachte?

    Aber das würde bedeuten... Das würde bedeuten, dass Edward mittlerweile etwas zugestoßen sein könnte! Wütend nahm ich den Fuß vom Gaspedal, nur um gleich darauf wieder wütend drauf zu treten.

    Konnte diese elendige Klapperkiste nicht ein wenig schneller fahren? Es war das erste Mal seit ich den Transporter besaß, dass ich ihn verfluchte. Er hatte mir immer treu gedient und ich hatte nichts Besseres zu tun, als ihn zu beschimpfen. Vielleicht war das auch der Grund, warum er gerade in dem Moment, in dem etwas schweres auf dem Dach landete und eine tiefe Delle hineindrückte, den geist aufgab.

    Der Motor gab ein letztes Stottern von sich, dann war nicht mehr zu hören. Wie lange würde es dauern, bis das Auto langsamer wurde und schließlich ganz stehen blieb?

    Wenn jetzt kein Wunder geschah, war ich verloren. Ich dachte diesen Gedanken ganz klar und nüchtern. Diese Frau wollte mich töten und es gab nichts, was ich dagegen tun konnte. Dennoch würde ich alles versuchen, es zu verhindern. Selbst wenn es sinnlos war.

    Doch sowohl das Kleid als auch der sperrige Gips würden mich erheblich behindern. Ich nahm die Hände vom Lenkrad und strich ein letztes Mal bewundern über das blaue Satin, dann fasste ich an den Saum des Kleides und zog mit einem kräftigen ruck daran. Es gab ein hässliches Ratschen und nur wenige Sekunden später hielt ich den ehemals schönen Rock in meinen Händen.

    Sowie ich den Rock fallen ließ, ließ ich die letzte schöne Erinnerung an diesen Abend, das letzte Fünkchen Hoffnung, dass doch alles gut werden würde, fallen.

    Ich sah aus dem Fenster. Noch immer rasten die Bäume an mir vorbei. Zu schnell zum Herausspringen und immer noch zu weit weg von der Schule als dass Edward mich hören könnte.

    Kurz spielte ich mit dem Gedanken, Victoria durch eine Vollbremsung vom Dach zu schleudern. Aber selbst wenn es mir gelänge, was würde es mir bringen?

    Wenn das Auto einmal stand, würde ich es nicht mehr zu Laufen bekommen.

    Auf einmal ertönte ein durchdringendes Kreischen vom Beifahrerfenster. Mit einem Schrei fuhr ich herum. Lange, dunkle Fingernägel fuhren an der Scheibe entlang, fanden einen schmalen Spalt zwischen Fenster und Türrahmen, schoben sich hinein und begannen langsam aber unerbittlich die Scheibe hinunter zudrücken. Das konnte doch nicht wahr sein! Meine Finger klammerten sich so verkrampft um das Lenkrad, dass meine Knochen weiß hervortraten. Ich wollte nicht sterben! Nicht so und nicht hier! Nicht bevor ich Edward noch einmal auf seine kalten Lippen geküsst hatte.

    Eine stumme Träne der Verzweifelung rann über mein Gesicht. Dann riss ich das Lenkrad mit Schwung herum, wurde gegen das Fenster geschleudert. Die Hände am Fenster verschwanden für einen Moment. Jedoch nur um wenige Sekunden danach wieder aufzutauchen. Jetzt sah Victoria auch noch mit rot glühenden Augen zu mir herein.

    Ich biss meine Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte. Nein, ich durfte mich jetzt nicht meiner Angst hingeben, musste alles versuchen um zu überleben, um noch einmal in Edwards goldene Augen blicken zu können.

    Mittlerweile hatte Victoria das Fenster ganz aufgeschoben und kletterte geschwind wie ein Affe zu mir herein. Wie aus Reflex stieß ich die Beifahrertür auf und ließ mich hinaus fallen.

    Ich schlug hart mit dem Kopf auf dem Asphalt auf. Alles um mich herum drehte sich. Es tat höllisch weh. Aus dem Wagen hörte ich einen kurzen aufschrei, dann lehnte die Vampirfrau sich aus dem Wagen und brüllte mir zu:

    „Das hat keinen Sinn! Ich werde dich töten, so wie du James umgebracht hast!“

    Ihr rotes Haar umgab sie wie ein Kranz aus Feuer. Ich schloss die Augen und versuchte mich nicht hier auf die kalte Straße zu erbrechen.

    „Oh Edward....“, flehte ich leise. Ich brauchte ihn.

    Mühsam kämpfte ich mich hoch. Mein Gips hatte einen dicken Riss, der sich von oben bis unten einmal durch in hindurch zog und mein Bein schmerzte. Kaum stand ich einigermaßen sicher, kam Victoria auch schon wieder auf mich zu.

    Jetzt schrie ich.

    „Eeeedwaaaaaaard!“

    Meine Stimme drohte sich zu überschlagen. Nicht noch einmal! Nicht noch einmal solche Höllenschmerzen! Nicht noch einmal so leiden!

    Victoria lachte.

    „Dein lieber Edward wird dir jetzt auch nicht mehr helfen können“, sagte sie hämisch. „Der ist nämlich schon längst tot! Van Helsing leistet immer gute Arbeit.“

    „Du lügst!“, schleuderte ich ihr ins Gesicht. „Niemand bringt Edward um – nicht einmal so ein dahergelaufener Vampirjäger!

    Victoria lachte erneut und begann mich wie eine Raubkatze zu umkreisen.

    „Weißt du“, sagte sie gedehnt, „du gefällst mir. Du bist mutig. Wieso bist noch keiner von uns?“

    Ich antwortete nicht. Da holte Victoria mit der Hand aus und schlug mir ins Gesicht. Mein Kopf flog herum und in meinem Nacken knackte etwas.

    „Ich habe dich etwas gefragt!“, herrschte sie mich an.

    „Das geht dich gar nichts an!“, zischte ich und duckte mich unter dem nächsten Schlag weg. Überrascht von meiner eigenen Reaktion hielt ich inne. Victoria nutzte dies sofort aus um mir einen Stoß zu verpassen, der mich sofort wieder zu Boden fallen ließ.

    „Frech willst du also auch noch werden“, zischte sie und trat mir mit dem Fuß zwischen die Rippen, so dass mir ein gequältes Stöhnen entwich.

    Gerade als die Frau zum nächsten Tritt ausholte, tauchten zwei Scheinwerfer in der Kurve auf. Keinen Meter vor uns blieb der silberne Volvo quietschend stehen. Auf dem Dach hockte ein hagerer Mann dessen langes graues Haar im Wind wehte. Sobald Emmet ausstieg, stürzte er sich auf ihn. Doch Emmet setzte sich heftig zu Wehr und während Alice und Edward auf mich zustürmten, kamen Jasper und Rosalie zur Hilfe. Selbst Carlisle war mittlerweile zu den anderen gestoßen und schien zu überlegen, was er tun sollte, bevor er sich entschied Emmet zu helfen.

    Edward stürmte auf mich zu und kniete neben mir nieder.

    „Bella“, flüsterte er. „Bella, es tut mir so Leid!“

    „Ist schon gut“, flüsterte ich schwach. „Aber pass auf dich auf.“

    Es brach mir das Herz Edward so leiden zu sehen.

    Jeder atemzug brannte wie Feuer in meinem Hals und mein Brustkorb schien zu platzen.

    „Du sollst dir doch nicht immer Sorgen um mich machen“, flüsterte Edward mit einem schwachen Lächeln.

    „Jetzt geh!“, drängte ich ihn. „Oder willst du Alice nicht helfen?“

    Edward sah mich noch einen Moment unergründlich an, dann sprang er auf um Alice, die mittlerweile in Bedrängnis geraten war, zu helfen.

    Das war auch der Moment, in dem mich die Bewusstlosigkeit endlich von meinen Schmerzen erlöste und mich wie ein schwarzes Tuch umhüllte.


    Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, war es still und dunkel um mich herum. Ich ließ meinen Blick vorsichtig von rechts nach links wandern.

    Ich lag immer noch auf der Straße und meine Rippen schmerzten immer noch, dass jeder Atemzug zur Qual wurde. Es konnte also nicht viel Zeit vergangen sein.

    Als ich mich genauer auf die Geräusche meiner Umgebung konzentrierte, hörte ich hier ein leises Rascheln und da ein leises Raunen.

    Vorsichtig setzte ich mich auf und erblickte Emmet, Jasper, Alice, Rosalie und Carlisle, die um etwas herumstanden.

    Ich schaffte es, mich auf die Knie zu erheben und krabbelte vorsichtig auf die anderen zu, bis ich sah, um was sie anderen herumstanden.

    Es war Edward, der regungslos und mit geschlossenen Augen auf dem Boden lag. Aus seinem Mund rann ein dünnes Rinnsal Blut und die Ringe unter seinen Augen waren so dunkel wie nie zuvor.

    Ein verzweifeltes Stöhnen entwich meinen Lippen und ließ die anderen herumfahren. Als Alice mich erblickte, kam sie sofort auf mich zu und schloss mich in die Arme.

    „Lebt er noch?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.
    Alice zögerte, dann nickte sie.

    „Ja, aber wir können ihm nicht helfen.“

    „Kann man denn gar nichts machen?“

    Alice schüttelte den Kopf. Ich hatte das Gefühl in einen endlosen schwarzen Abgrund zu fallen.

    „Er hat mir das Leben gerettet“, hauchte ich, „und musste selber sterben.“

    Alice sah mich traurig an und ich wusste, dass sie, wenn sie gekonnt hätte, genauso geweint hätte wie ich.

    „Doch, es gibt etwas, wie man ihm helfen kann“, mischte Rosalie sich ein und sah mich dabei herausfordernd an.
    Bildete ich mir das ein, oder warf Alice ihr wirklich einen warnenden Blick zu.

    Doch Rosalie fuhr unbeirrt fort: „Was Edward braucht, ist Blut. Menschenblut.“ Sie machte eine Pause. „Da du der einzige Mensch unter uns hier bist, bist du auch die Einzige, die ihm helfen kann.“

    Verunsichert sah ich von einem zum anderen. Carlisle nickte zögernd und tieftraurig.

    „Ja“, sagte er tonlos. „Du bist die Einzige, die ihm helfen kann. Doch wir wollen dich zu nichts zwingen.“

    Noch während Carlisle das sagte, fasste ich einen Entschluss.

    „Ich will ihm helfen“, brachte ich unter Tränen hervor und versuchte das Zittern in meiner Stimme zu verbergen. „Was muss ich tun?“

    Carlisle sah mich noch einmal durchdringend an, dann hob er mich hoch und setzte mich so sanft es ging neben Edward wieder ab. Plötzlich hielt er ein Messer in die Hand.

    „Du musst dir eine deiner Pulsadern aufschneiden und das Blut in seinen Mund laufen lassen.“

    Es schien ihn alle Überwindung, die er besaß, zu kosten, mir das zu sagen.

    Am ganzen Körper zitternd wie Espenlaub nahm ich das Messer entgegen. Ich warf noch einmal einen Blick in die Runde. Die Trauer in allen Gesichtern ließ mich nicht länger zweifeln.

    Ich setzte das Messer an mein linkes Handgelenk, zögerte noch einen kurzen Moment. Würde ich jetzt sterben? Hier und jetzt für Edward?

    Ich beugte mich noch einmal nach vorne und hauchte Edward einen Kuss auf seine Lippen. Dann zog ich entschlossen das Messer quer über mein Handgelenk. Ein brennender Schmerz durchfuhr mich und ich biss mir auf die Lippe um nicht auf zuschreien.

    Mit der anderen Hand öffnete ich Edwards Mund um dann mein Handgelenk darüber zu halten. Erst langsam und dann immer schneller floss das Blut in Edwards Mund. Nach einiger Zeit ließ sogar der Schmerz nach.

    Mit jedem Tropfen Blut, den ich verlor, sah ich Edward wieder mehr zu sich kommen. Doch mit jedem Tropfen, den ich verlor, spürte ich meine Lebensenergie schwinden. Meine Umgebung verschwamm und die Geräusche konnte ich bald nicht mehr zuordnen. Das Einzige, was ich noch spürte, war das Feuer zwischen meinen Rippen und in meinem Arm. Doch ich zwang mich aufrecht sitzen zu bleiben. Nie würde ich es mir verzeihen können, wenn ich jetzt aufgeben müsste und Edward doch noch verlieren würde.

    Doch irgendwann waren auch meine letzten Reserven aufgebraucht. Mir wurde schwarz vor Augen und ich fiel vornüber. Aber die Bewusstlosigkeit kam nicht. Ich konnte nichts sehen, doch wie durch einen Nebel bekam ich alles mit.

    Edward begann dich unter mir zu regen. Seine Hand griff nach der meinen.

    „Bella“, hörte ich seine schwache Stimme in meinem Ohr.

    Ich konnte mich nicht bewegen. Wollte ihm so gerne ein Zeichen geben, dass es mir gut ging, doch es ging nicht. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr, reagierte einfach nicht auf die Befehle, die mein Gehirn aus sandte.

    „Bella!“ Edwards Stimme klang panisch. Flehend. Seine Hand umfasste meine noch fester. Aber sein Händedruck wich. So wie alles um mich herum von mir wich. Meine Schmerzen verschwanden. Ich fühlte mich so ruhig und so geborgen.

    Doch da war eine Hand an meiner Schulter, die mich schüttelte, mich abhielt, dahin zu gehen, wo es schön war. Wo es keine Schmerzen mehr gab.

    „Bella! Du darfst nicht gehen!“

    Nicht gehen? Wieso nicht?
    Vor mir war doch das Licht. Ich wollte nicht länger in der Dunkelheit bleiben, wollte ins Licht.

    „Sie wird sterben Edward, du kannst ihr nicht mehr helfen.“
    Wer würde sterben? Redete Carlisle über mich? Ich starb doch nicht. Mir ging es doch gut.
    Jemand schluchzte neben mir auf.

    „Aber man muss doch irgendetwas machen können.“

    „Eine Sache gibt es, die du machen kannst.“

    War das Alice? Ich wusste es nicht. Wenn die Hand doch endlich aufhören würde mich zurückzuhalten! Ich wollte nicht länger hier bleiben. Hier auf der kalten Straße. Wieso war eigentlich noch kein Auto gekommen?

    Wie ging es Charlie? Charlie... Mit ihm würde ich noch einmal reden müssen, dass er Edward diese hinterhältige Entführung zu diesem Ball erlaubt hatte.

    „Was denn?“

    Nein, ich wollte keine Stimmen mehr hören.

    „Du weißt es.“

    „Nein, das kann ich nicht.“

    „Dann wird sie sterben.“

    Ich hörte unregelmäßige und flache Atemzüge an meiner Wange.

    „Bella?“

    Bella? Das war ich!

    „Bella, hörst du mich?“

    Natürlich hörte ich ihn, ich war ja nicht taub.
    Etwas nasses fiel auf mein gesicht. Weinte Edward? Aber Vampire können nicht weinen!

    Jemand – Edward? - strich mir mit den Fingerspitzen über die Wangen, fuhr meinen Hals hinunter.

    „Bella, ich liebe dich.“

    Seine Stimme, so gebrochen und voller Leid. Ich wollte es nicht mehr hören! Ich wollte nicht Schuld sein, dass er traurig war.

    Dann spürte ich ich einen stechenden Schmerz an meinem Hals und das Licht vor mir verschwand. Dafür breitete sich ein glühendes Feuer in meinen Venen aus.

    Nach kurzer Zeit kam die Dunkelheit wieder. Umarmte mich wie ein lange verlorenes Kind und hüllte mich in warme, kuschelige Decken als wolle sie mich nie wieder loslassen.

    ***********************************

    Leise zwitscherten die Vögel vor dem Hintergrundgeräusch des ständig fließenden Flusses.

    Ich lag auf dem Rücken und sah in den Himmel. Heute war einer der wenigen Sonnentage in Forks.

    „Du bist sogar noch schöner geworden“ Aus Edwards Stimme klang unendliche Traurigkeit.

    Ich drehte mich auf den Bauch um Edward anzusehen. Seine Haut glitzerte wie mit Diamanten besetzt und hob sich so von dem frischen Grün des Grases ab.

    „Wieso bist du dann traurig?“, fragte ich.

    „Ich habe dein Leben beendet, bevor es begonnen hat.“

    Seine Augen wurden noch dunkler und erinnerten mich nun an jene Nacht.

    Langsam strich ich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

    „Nein“, widersprach ich. „Du bist der Grund weswegen ich auf der Welt bin. Und dass ich jetzt bin wie du, ändert nichts an dieser Tatsache.“

    Edward sah mich zweifelnd an, dann lächelte er plötzlich spitzbübisch und hielt meinen Arm in die Sonne.

    „Du glitzerst schöner als jeder Diamant.“

    Ich betrachtete meinen Arm. Ja, auch ich glitzerte jetzt. Ein seltsames Gefühl.

    „Hast du eigentlich geweint, bevor du mich gebissen hast?“, fragte ich.

    Edwards Augen verdunkelten sich wieder und er sah gedankenverloren in die Ferne.

    „Ja“, antwortete er schließlich. „Du hast mich zum weinen gebracht. Dein Blut hat es möglich gemacht. Ich wusste vorher auch nicht, dass es möglich ist.“

    Ich lächelte.

    „Komm her“, forderte er mich auf und zog mich in seine Arme.
    Unendlich lange sahen wir uns in die Augen, bis sich unsere Lippen endlich zu einem langen, leidenschaftlichen Kuss trafen.

Kommentare (1)

autorenew

Gwendolyn.R (38339)
vor 832 Tagen
Naja.....
Also dein schreib still ist wirklich gut und du solltest mehr schreiben aber die Story War mir zu verändert.Alles in allem War es eine gute Story