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Die Geschichte der Thompson Schwestern

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1 Kapitel - 1.871 Wörter - Erstellt von: LadyCasura - Aktualisiert am: 2012-05-01 - Entwickelt am: - 2.414 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Diesmal nur ein Kapitel, aber dafür ein langes: D

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    Kapitel 2 - Onkel Peet


    Mariah

    Peter Jack Thompson, oder kurz, Onkel Peet, war ein stämmiger kleiner Mann mit Halbglatze und schlecht sitzenden Hosen. Die Erfindung des Gürtels war anscheinend spurlos an ihm vorbeigezogen. Wir sahen Mums älteren Bruder eigentlich nur zu Weihnachten oder an besonderen Tagen, wie dem 90. Geburtstag von Granny, der Einschulung von meiner Cousine Meredith oder meiner offizielle Annahme an Hogwarts. Normalerweise lebte er mit Isabella, seiner Lebensabschnittgefährtin wie er sie nannte, in einem Wohnwagen und bereiste die Welt. Das dachten wir jedenfalls. Im Grunde war das auch nicht mal gelogen, Onkel Peet reiste nämlich wirklich in seinem Wohnwagen und zusammen mit Isabella durch die Weltgeschichte. Nur konnte sein Wohnwagen fliegen, war seine Frau Isabella eine Hexe und die Welt, die er durchwanderte, alles andere als normal.

    Am Montag klingelte das Telefon. Noch bevor ich etwas sagen konnte hörte ich Onkel Peet am anderen Ende der Leitung rufen „Heey, Riah meine Große. Kannst du mir noch einmal schnell verraten welche Hausnummer jetzt eure war? Isabella und ich haben sicher schon an zehn Türen geklingelt, aber bis jetzt war die Richtige noch nicht dabei.“ Etwas perplex gab ich ein unsicheres „74…“ zurück und sofort hörte ich eine Stimme im Hintergrund aufgeregt schnattern „Da hast du es! Ich hab doch gesagt irgendwas mit einer 7, aber du warst dir ja sicher, dass wir in den 40ern suchen müssen.“ Das war also Isabella. Ich hatte sie erst einmal gesehen, oder jedenfalls konnte ich mich nur an dieses eine Mal erinnern. Es musste eine Ewigkeit her sein, denn damals trug ich noch meine ausgewaschene hellblaue Jeans, die ich, seit ich neun war besaß und die mit mir mitzuwachsen schien. Doch im letzten Winter musste ich mit bedauern feststellen, dass der oberste Knopf gefährlich locker saß und sich der Reißverschluss nur noch mit Hängen und Würgen zuziehen ließ. Das war der Moment, in dem mit bewusst wurde, dass ich kein Kind mehr war. Verdammt, ich bekam eine Hüfte! Vorbei waren die Tage des ‚flach wie ein Brett‘ seins und auch die Tage ohne Becken waren gezählt. Und ehe ich's mich versah trug Rose meine geliebte Jeans, doch wenn sie nicht an meinen Beinen saß, dann sollte sie niemand tragen. Also wanderte sie in die Altkleidersammlung. Damals jedenfalls, als ich Isabella das erste Mal bewusst traf, hatte sie eine unglaubliche Mähne aus braunen Locken auf dem Kopf und redete so schnell, dass sich ihre Worte in meinen Ohren zu einem Schwall unverständlichem Gegackere vermischten. „Ist ja gut Hase“ hörte ich Onkel Peet am anderen Ende seine Frau, pardon, Lebensabschnittsgefährtin beruhigen und mit einem „Danke Große, wir sind gleich da“ legte er auf. Das monotone Tuten in der Leitung schien so unwirklich, dass ich mich allen Ernstes fragen musste, ob dieses „Gespräch“ gerade wirklich stattgefunden hatte. Diese ganze Zaubereigeschichte wollte mir noch immer nicht in den Kopf gehen. Es war doch absolut unmöglich. Ich meine, wie sollte denn eine komplette Welt, voller Drachen, Riesen, Werwölfen, Einhörnern, Meerjungfrauen, Geistern und nicht zu vergessen Hexen und Zauberern neben unserer Welt existieren? Wie konnte es sein, dass wir hier nichts von dieser Welt begriffen, während sie über unsere Welt sehr wohl Bescheid wussten. Ich steckte den Hörer in die Station und, als hätten sie nur auf ein Zeichen gewartet, klingelte es an der Tür.


    Während ich noch im Wohnzimmer vor dem Telefontisch stand und desorientiert in Richtung Flur schaute, hörte ich wie Rose‘ Zimmertür aufging und sie aufgeregt die Treppe herunter gerannt kam. Doch Mum war vor ihr an der Haustür und mit einem begrüßenden Lächeln im Gesicht öffnete sie Onkel Peet und Isabella die Tür. Ein lautes „Yiaah“ und ein überraschtes „oh mein Gott bist du schwer geworden“ waren das Erste, was ich zu hören bekam. Langsam betrat ich den Flur und sah Rose die wie ein Klammeraffe Arme und Beine um Onkel Peet geschlungen hatte. Er allerdings, hatte einen weniger euphorischen Gesichtsausdruck. Isabella und Mum umarmten sich gerade, als er mich am Ende des Flures stehen sah. „Na wen haben wir denn da?“ grinste er mir freundlich entgegen. „Mein Güte Loretta, deine Tochter wird den Männern mal die Herzen brechen“ Loretta, so hieß Mum und beinahe würde mein zweiter Vorname jetzt so lauten. Ein Glück hat Dad die Geburtsurkunden ausfüllen müssen. Mariah Loretta Thompson, mein Leben wäre sicher anders, erniedrigender verlaufen mit diesem Namen. Rose gab einen beleidigten Laut von sich und ließ Onkel Peet frei. „Wenn du erst mal zur Frau wirst Rosi, dann liegen dir die Kerle auch zu Füßen.“ Das war Isabella. Ihre Stimme war warm und rau, sicher rauchte sie, doch in ihrer Stimme schwang etwas ungemein Weibliches mit. Sie lächelte Rose an, die schon Onkel Peets Feststellung, sie wäre schwerer geworden, schwer getroffen hatte. Rose konnte ziemlich empfindlich auf solche Anspielungen reagieren, obwohl sie in keinster Weise Grund gehabt hätte sich aufzuregen. Sie hatte Wahrscheinlich einen Körperfettanteil von 0%. Das einzig runde an ihr waren ihre Paustbäckchen.
    Onkel Peet und Isabella hatten sich mittlerweile die Schuhe ausgezogen und standen nun neben meiner Mum und mir im Wohnzimmer. Rose war auf ihr Zimmer gegangen und wartete wahrscheinlich darauf, dass jemand zu ihr hochkam und sich bei ihr entschuldigte. Sie war eben erst elf.

    „Jetzt zeig Peet und Isabella doch mal den Brief“ sagte Mum aufgeregt und schaute mir dabei auffordernd in die Augen. Mit einem Seufzen drehte ich mich um und lief die Treppe hoch in mein Zimmer, wo ich den Brief, sicher vor Rose neugierigen Blicken, in einem Schuhkarton unter meinem Bett versteckt hatte. Für ihre elf Jahre war sie schon ziemlich frühreif, wie ich fand. Ohne ihr Handy zerfiel sie zu Staub und als sie sich vor zwei Wochen heimlich bei facebook anmeldete gaben meine Eltern endgültig ihre pädagogische Pflicht ab und ließen sie gewähren. Die Tür zu Rose Zimmer war nur angelehnt und ich sah ihre Zehen in ihren pinken Socken auf der Bettkante zappeln. Ich klopfte zweimal kurz an und schob dann langsam die Tür auf. Sie saß, an die Wand gelehnt auf ihrem Bett, ihren Laptop auf den Knien und ihre dünnen Fingern flogen nur so über die Tastatur. „Was ist?“ kam es mürrisch von ihr. Sie hatte sich nicht mal die Mühe gemacht aufzuschauen. „ Magst du nicht runterkommen? Es gibt bestimmt gleich Kuchen.“ Wagte ich vorsichtig einen ersten Annäherungsversuch. Er scheiterte kläglich. „Nicht das ich noch schwerer werde und sich Onkel Peet das nächste Mal einen Bruch hebt.“ Das war doch echt kindisch. „Ach man Rose, das war doch bloß ein Witz. Er dachte wahrscheinlich, wo du doch so dünn bist, dass du darüber lachen kannst.“ Sie funkelte mich wütend an „kann ich aber nicht. Und jetzt lass mich in Ruhe. Unten warten doch sicher schon alle auf dich“ Das taten sie wirklich. „Auf dich doch auch“ startete ich einen zweiten Anlauf. Sie lachte nur einmal verächtlich auf und gab mir mit einem genuschelten „das glaubst du doch selbst nicht“ zu verstehen, dass für sie die Unterhaltung beendet war. Doch ich würde ihr sicher nicht das letzte Wort lassen. Ich hasste es, wenn meine Schwester so war. Sie hatte doch gar keinen Grund sich aufzuregen. Bloß wegen dieser dummen Bemerkung von Peet? So empfindlich konnte doch nicht mal sie sein. Ich schaute ihr noch einige Sekunden zu, wie sie auf ihre Tastatur einstach, dann drehte ich mich um, murmelte noch ein „dann verkriech dich doch in deinem virtuellen Leben“ in den Raum und schloss die Tür.

    Von unten waren Stimmen und ab und zu Gelächter zu hören. Mum hatte Kaffee gekocht und der Duft von frisch gemahlenen Bohnen drang mir in die Nase. Schade, dass er nicht so gut schmeckte, wie er roch. Immer noch angefressen wegen Roses schlechter Laune betrat ich mein Zimmer und kniete mich vor mein Bett. Der Karton lag dort schon seit Jahren aus meinem Blickfeld verbannt. Anfangs lagerte ich lose Blätter darin, oder Zeug, das keinen Platz in meinem restlichen Zimmer fand, mir aber doch zu schade zum Aussortieren war. Heute befindet sich alles, was unter keinen Umständen in die besitzergreifenden Fänge von Rose kommen durfte, in diesem alten vermoderten Schuhkarton. Angefangen mit meinem Tagebuch, in das ich eigentlich nur schrieb, wenn mich mal wieder das Gefühl überkam, ich müsste die Nachwelt an meinem Leben teilhaben lassen. Und natürlich lag der erste, und bisher einzige, Liebesbrief, den ich je bekomme habe, auch darin. Er war von Chester, einem Jungen in meinem Jahrgang der, bevor er umgezogen war, fast jedem Mädchen einen Liebesbrief geschrieben hatte. Das jedoch bekam ich erst raus, nachdem seine behämmerten Kumpels lauthals lachend über meine Antwort auf seinen Brief, in der Klasse saßen und jeden einzelnen Brief, den Chester von den Mädchen als Antwort bekommen hatte vorlasen. Erstaunlicherweise hatte Chester fast von jedem Mädchen einen rosaroten Briefumschlag zurückbekommen und ein paar Inhalte waren mehr als peinlich. Einige waren sogar so dumm gewesen und hatten ihren Namen unter den Brief gesetzt. Diesen Fehler hatte ich zum Glück nicht begangen. Nach diesem Vorfall bildete sich in unserer Klasse eine zu hundert Prozent aus weiblichen Schülerinnen bestehende Anti-Chester Fraktion, die leider nie zum Einsatz kam, weil sich unser geliebter Chester nach seinem Umzug nach Chicago nie wieder meldete. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum ich den Brief überhaupt aufhebe. Ich sollte ihn lieber verbrennen. Aber der erste Liebesbrief, ob ernst gemeint oder nicht, ist doch schon was Besonderes. Und vielleicht hoffte ein naives Stück von mir ja, das er es bei mir ein bisschen ernster gemeint hatte, als bei den anderen Mädchen.

    Da lag der Umschlag aus Hogwarts. Ich konnte die grüne Tinte, in der mein Name in verschnörkelten Buchstaben geschrieben stand, leuchten sehen. Vielleicht war es doch wahr. Ich meine, nur mal angenommen das war alles wirklich real, was für ein Leben stand mir dann von nun an bevor? In was für eine unglaubliche Welt würde ich da eintauchen? Ich angelte den Brief aus dem Karton und schob diesen dann wieder zurück in die dunkle Ecke unter meinem Bett. Zögernd stand ich auf. Der Brief lag schwer in meinen Händen und umso länger ich auf den Umschlag starrte, desto mehr hatte ich das Gefühl, diese Welt würde meinen Namen rufen und nach mir greifen um mich zu sich zu ziehen.

Kommentare (1)

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cara mia (70258)
vor 734 Tagen
Die Geschichte klingt ganz toll, du hast wirklich Talent .
Ich würde mich sehr darüber freuen ,würdest du bald weiter schreiben