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Eine kurze, aber sehr spannende Geschichte

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1 Kapitel - 4.003 Wörter - Erstellt von: Amy-Louise - Aktualisiert am: 2011-10-01 - Entwickelt am: - 10.867 mal aufgerufen - User-Bewertung: 2.33 von 5.0 - 6 Stimmen- Die Geschichte ist fertiggestellt - 6 Personen gefällt es

Ich möchte hier nicht zu viel verraten, aber ich kann eines sagen. Diese Geschichte ist alles andere als langweilig!

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    Lucie Frank war in vielerlei Angelegenheiten eine höchst merkwürdige Person. Seit ihr Ehemann vor mehr als 10 Jahren gestorben war, lebte sie allein in einem riesigen alten Anwesen draußen auf dem Land, hoch oben auf einem Felsen lag es. Vor einiger Zeit musste dieses ein wirklich schöner Wohnsitz gewesen sein, doch da auch Mrs.Frank immer älter wurde, fiel es ihr immer schwerer all den kleinen Tätigkeiten in Haus und Garten nachzukommen. Und so kam es, dass ihr „kleines Lieblingsschloss“, wie sie das alte Anwesen liebevoll nannte, zu fast allen Seiten vollständig eingewachsen war, bis auf einen kleinen Spalt zwischen zwei Rosenbüschen, wo man sich an schönen Tagen unter den riesigen Kastanienbaum setzten, und tief unten Dorf die vielen Autos beobachten konnte, die sich wie einige gigantische Karawane durch die Landschaft schlängelten. Das tat Mrs.Frank allerdings eher selten, denn obwohl sie sich für ihre 84 Jahre immer noch in bemerkenswert guter Verfassung befand, bereiteten ihr die alten Gelenke in letzter Zeit doch immer häufiger Probleme. Immer wenn es besonders schlimm war, humpelte sie in die Küche, machte sich einen heißen Tee und eine Wärmflasche und machte es sich in einem der knuddeligen Sessel vor dem Holzofen gemütlich, wo sie sich dann alte Fotos ansah. Kinder hatte sie keine, sie hatte nie welche bekommen können. Damals war das ein ziemlicher Schock für sie gewesen, doch mit den Jahren hatte sie gelernt sich damit abzufinden. Sie hatte ja William gehabt, ihren Mann. Jedes Mal, wenn Mrs.Frank so am Feuer saß und über Gott und die Welt nachdachte, vermisste sie ihn besonders stark. Sie vermisste nicht nur seine Augen, sein Lächeln, seine Art wie er sie immer in den Arm genommen hatte, nein, mindestens genauso stark vermisste sie alles andere an ihm. Sein Haar, das ergraut, und am Ende schließlich ausgefallen war, seine knöchrigen Finger, die er am Ende kaum mehr bewegen konnte, sein Körper der immer magerer und schwächer geworden war, sein Herz, dass trotz der Krankheit immer stark und fest geschlagen hatte, wenn sie ihr Ohr an seine Brust gedrückt hatte. Budumm, budumm, budumm. Ein beruhigend gleichmäßiges und beständiges Geräusch, sie hatte es schon immer gerne gehört. „Wie das Rauschen des Meeres“ hatte sie immer zu sagen gepflegt. Bis es eines Tages schließlich verstummt war. Seit diesem Tag hatte die Einsamkeit Einzug in die Mauern des Anwesens erhalten, manchmal war es so schlimm, dass Mrs.Frank es kaum ertragen konnte. Wie sehr sie sich ihn zurückwünschte. Seit er fort war, hatte sich vieles verändert. Mrs. Frank hatte ihre letzten Ersparnisse zusammengekratzt um ihrem William ein ordentliches Begräbnis zu verschaffen und hatte sich sehr von allen Menschen abgesondert und zurückgezogen. Sie meldete sich beim Seniorenclub ab, erzählte ihren Kaffee-Trink-Damen sie sei gerade sehr beschäftigt und ging nur noch alle zwei Wochen zum Einkaufen für ein paar Stunden hinunter ins Dorf. Schließlich entließ sie sogar den Gärtner und die Küchenhilfe. Einsamkeit war schlimm, aber schlimmer war die aufgesetzte Freundlichkeit der Leute, die sie tröstend anlächelten und versicherten, alles sei nur halb so schlimm oder ihr mitleidige Blicke zuwarfen. Über die Jahre war dieses Mitleid allerdings mehr in Misstrauen umgeschlagen. Offenbar hatte man im Dorf stillschweigend beschlossen „diesem Weib kann man nicht trauen.“. Manchmal munkelte man sogar Mrs.Frank würde dort oben in ihren Landsitzt nachts teuflische Rituale durchführen, um Kontakt zu ihrem Mann aufzunehmen. Das war natürlich Schwachsinn, trotzdem konnte Mrs.Frank es ihnen kaum verübeln, so zu denken, tatsächlich war sie seit William gestorben war still, verschlossen und fast schon geheimnistuerisch geworden. Die ständige Einsamkeit hatte ihr nicht gut bekommen, und tiefe Furchen der Trauer und Leere hatten sich in ihr Gesicht gegraben. Ihr ehemals langes und blondes Haar war schüttern und grau geworden, zum Gehen musste sie einen Gehstock verwenden, und ihre bucklige Haltung verursachte ihr Rückenschmerzen. Das einzige, was stets tadellos war, war Mrs.Franks Kleidung. Obgleich sie ihr einsames Dasein oben in dem Anwesen ohne jegliche Gesellschaft fristete, war sie stets perfekt zurechtgemacht. Sie trug Kostüme und schöne, lang Kleider, hatte zu jedem davon einen passenden Regenschirm und eine besondere Vorliebe für Perlenohrringe. Sie benutzte jeden Tag Lippenstift und das Silberkettchen, das William ihr vor vielen Jahren zum Hochzeitstag geschenkt hatte, nahm sie niemals ab, nicht mal bei Nacht. Ein letztes Aufbäumen gegen die Gleichgültigkeit die in ihrem Inneren herrschte. Das einzige, was Mrs.Frank noch Freude bereitete, war Daisy, ihre Schäferhündin. Manchmal war sie selbst davon überrascht, dass sie tatsächlich ein paar Stunden lang ihre Trauer um William vergessen konnte, wenn sie an einem schönen Sommertag auf der Bank unter dem Kirschbaum saß und Daisy hinter den Ohren kraulte. Genau wie Mrs.Frank war auch Daisy schon sehr alt, sie und William hatten sie gemeinsam damals noch als kleinen tapsigen Welpen zu sich geholt. Ein bisschen Leben könnte in ihrem Haus doch sicher nicht schaden, da waren sie sich einig gewesen. Und so war es dann auch gewesen. Daisy war wie ein Ersatzkind für die beiden, sie liebten und pflegten sie wie ein Baby und William pflegte stets zu sagen „Ein schöne Frau neben mir, eine warme Suppe auf dem Tisch und einen kleinen Hund auf dem Schoß – ich muss im Himmel sein.“ Und jedes Mal wenn er das sagte erwiderte Mrs.Frank wie aus der Pistole geschossen: „ Du, William, wenn du mal in den Himmel kommst, dann hältst du aber ein schönes gemütliches Plätzchen für mich frei. Und überhaupt, mit dem Sterben, da kannst du dir ruhig noch lange Zeit lassen.“ Aber dann war alles eben doch sehr schnell gegangen und Daisy war kaum ein Jahr alt geworden, da waren die beiden plötzlich alleine. Wobei sie natürlich nicht wirklich alleine waren, denn sie hatten ja immer noch sich. Und je länger sie so einsam zusammen lebten, desto vertrauter wurden sie miteinander. Mrs.Frank redete mit Daisy wie früher mit William und Daisy liebte nichts mehr als abends ihre alten Knochen vor dem Kaminfeuer auszustrecken und unterm Kinn gekrault zu werden. Und jeden Abend wenn Mrs.Frank zu Bett ging, blieb Daisy so lange neben ihrem Bett sitzen und leckte ihre Hand wieder und immer wieder, bis Mrs.Frank endlich in den Schlaf gefunden hatte. Diese mochte dieses Gefühl, es hatte etwas sehr beruhigendes für sie. Fast schon so beruhigend wie früher Williams Herzschlag. Viele Leute mochten dies eklig und abstoßend finden, aber Mrs.Frank fand es hatte durchaus eine einschläfernde Wirkung Daisys lange feuchte Zunge auf ihrer alten Haut zu spüren, Daisys Atem an ihrem Arm zu fühlen, solange bis sie schließlich einschlief und an nichts mehr denken musste. Alles in allem, kein Wunder also, dass Mrs.Frank von den Dorfbewohnern argwöhnisch beäugt wurde. Ihre eigentümliche Ausstrahlung machte den Leuten Angst und die wilden Gerüchte die umliefen schürten diese Angst noch. „Hexe!“ schrien sie ihr jedes Mal hinterher, wenn sie einmal zum Einkaufen ins Dorf kam und die Kinder bewarfen sie auf der Straße schreiend mit allerlei Unrat, auf dass sie stolperte und hinfiel. Niemand allerdings hasste die alte Frau so sehr wie Ewan MacAllister. *
    Ewan war jung, gerade erst 23 Jahre alt geworden und schön war er auch. Er hatte dunkelbraune Haare, strahlend blaue Augen und wenn er lächelte konnte kein Mädchen umhin ihm hinterher zu blicken. Gerade war er als erstes Kind seiner Familie an der Universität aufgenommen worden, Physik studierte er dort. Er war schlau, hatte ehrgeizige Pläne uns wie schon erwähnt, er hasste Mrs.Frank über alles. Er wusste nicht warum, aber sie bereitete ihm Unbehagen. Jedes Mal, wenn er sie sah packte ihn eine nie gekannte Angst, durchfloss wie Gift seine Adern und lies ihn schaudern. Und diese Angst machte ihn rasend, rasend wie ein Tier, halb blind vor unsäglichem Zorn. Er wollte keine Angst haben! Er wollte in die ganze Welt seinen Hass hinaus schreien er wollte, dass jeder wusste wie es um ihn stand. Diese Frau machte ihn wahnsinnig! Wahn – sin - nig! Doch Ewan war klug und listig, und er wollte nichts übereilen. Niemand kann sich auch nur im Entferntesten vorstellen, wie bedacht, wie vorsichtig er alles plante, wie perfekt er seine Maske nach außen wahrte. Er war schlau, das musste man ihm lassen. Niemand könnte je mit der gleichen Geduld warten, so ruhig, so gefasst auf den richtigen Moment warten, ohne nur den geringsten Verdacht zu erregen. Und niemand könnte seinen Plan, diesen teuflischen, grausamen aber trotzdem perfekten Plan, mit solcher Präzision ausführen wie er es in jener Nacht tat. Es war eine sternenklare milde Nacht, windstill und leise. Perfekt. Mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten, ohne jegliche Hast und Eile machte er sich auf den Weg zum kleinen Schloss oben auf dem Berg. Er hatte Zeit. Unter seinen Schuhsolen knirschte das Kies, und der Mond lies einen gespenstischen Schatten neben ihm erscheinen. Ewan lachte leise, er hatte keine Angst. Das Messer fühlte sich gut an in seiner Hand, schwer und angenehm kühl, wie erstarrter Wind. Er war schon fast da und konnte in der Dunkelheit die Umrisse des Schlosses erkennen. Es brannten keine Lichter, die alte Frau war schon schlafen gegangen. Kurz vor dem großen Eingangstor zum Garten hielt er inne. Ohne hinzusehen griff er in Richtung Boden und hielt auf Anhieb einen großen verrosteten Eisenring in der Hand. Er zog daran und eine Öffnung wurde frei, so groß, dass sich ein magereres Kind gerade so hätte hindurchzwängen können. Ewan war ohne Frage perfekt vorbereitet. Wie besessen hatte er in den letzten Wochen abgenommen, seinen Körper bis zuletzt ausgehungert um in diesem entscheidenden Augenblick hindurchzupassen. Selbstmord, sagten andere, Perfektion, sagte Ewan. Ohne auch nur die Seitenwände zu berühren glitt sein ausgemergelter Körper in den Schacht. Dunkel war es und moderig, und Ewan musste wie eine Schlange vorwärts kriechen, aber er kannte seinen Weg. Wie in einem Wahn hatte er ihn wochenlang auf Karten studiert, so lange, bis er sicher war, ihn auch im Dunkeln zu finden. Und er fand ihn - wenige Minuten später öffnete sich im Keller von Mrs.Frank eine Luke und er kroch heraus. Obwohl er nicht einmal die Hand vor den Augen sehen konnte wusste er genau wo er hinmusste. Wozu sonst hatte er Wochenlang über Bauplänen des Anwesens gebrütet, wenn nicht um jetzt perfekt zu sein? Eben. Leise, so unvorstellbar leise schlich er sich in Richtung Treppenhaus. Und noch so viel leiser stahl er sich die Stufen hinauf, niemand kann sich vorstellen wie vorsichtig er dabei war. Langsam Stufe um Stufe, wagte er kaum zu atmen. Wenn der Hund aufwachte, dann war alles verloren, dann war seine ganze Vorbereitung umsonst. Und damit wollte er nicht leben, damit konnte er nicht leben, keinen Tag länger konnte er die Anwesenheit von Mrs.Frank aushalten, wie weit entfernt sie auch sein mochte! Nein, das war unvorstellbar. Er musste es jetzt tun. Jetzt!
    Als er schließlich oben vor der Schlafzimmertür der alten Frau stand waren zwei Stunden vergangen, so unbeschreiblich besonnen war hinaufgeschlichen. Er griff nach dem Türknauf und drehte ihn Schritt für Schritt, Millimeter um Millimeter. Dann öffnete er in vollkommener Stille die Tür. Immer schön in Etappen. Nie zu hastig. Nach einer halben Stunde war der Spalt gerade groß genug um hin durchzuschlüpfen. Nicht Auszudenken wie behutsam er seinen abgemagerten Körper hindurchzwängte. Und dann sah er sie, die alte Frau, die so friedlich in ihrem Himmelbett lag, die Hündin zu ihren Füßen zusammengerollt – und die Furcht in seinem inneren war wieder da. Sie schmerzte, wie Eis in seinen Gefäßen, und sie machte ihn krank, wütend, wahnsinnig! Er konnte nicht länger warten. Die Zeit war reif.
    *
    An diesem Abend war bei Mrs.Frank alles wie immer gewesen. Sie hatte zu Abend gegessen, Eintopf mit Salat, wie an jedem Dienstag. Dann hatten sie und Daisy es sich vor dem Holzofen gemütlich gemacht und schließlich war Mrs. Frank im Wohnzimmer eingeschlafen. Das tat sie in letzter Zeit sehr häufig, sie wurde wohl doch langsam alt. Daisy hatte sie schließlich geweckt und die beiden alten Damen waren gemeinsam mit steifen Gliedern nach ober gehumpelt, Mrs.Frank auf zwei, Daisy auf vier schmerzenden Beinen. Wie müde Mrs.Frank auch sein mochte, ihre abendliche Zahnpflege war unerlässlich. Sie ließ sich auf dem Badewannenrand nieder, schrubbte ihre alten Zähne und blickte aus dem Fenster. Irritiert sah sie genauer hin. Hatte sich dort draußen gerade etwas bewegt? Sie kniff die Augen zusammen und blickte auf die Stelle an der sie etwas gesehen hatte, aber dort war nur Kies, das vom Mondlicht hell erleuchtet wurde. Ach, ihre alten Augen waren auch nicht mehr was sie früher einmal gewesen waren. Mit einem Ächzen richtete sie sich auf und ging in gekrümmter Haltung hinüber ins Schlafzimmer, Daisy im Schlepptau. Sie legte sich ins Bett, wartete bis Daisy sich auf dem Boden zusammengerollt hatte und schaltete dann ihre Nachttischlampe aus. Wie immer ließ sie ihren linken Arm locker an der Seite herausbaumeln, sodass Daisy wie gewöhnlich mit ihrer Zunge daran schlecken konnte. Plötzlich zuckte Mrs.Frank zusammen, leise, fast unmerklich hatte sie gerade auf der Treppe ein Geräusch vernommen. Was war das? Ein Einbrecher? Sollte sie die Polizei rufen? „Nein“, schimpfte sie sich in Gedanken, „wie albern, wahrscheinlich spielt dir dein Hirn auf deine alten Tage mal wieder einen Streich, sonst nichts.“ Sie lauschte noch viele Minuten lang mit klopfendem Herzen doch sie konnte nichts mehr hören. Daisy schlabberte genüsslich an ihrer Hand weiter und allmählich verfiel Mrs.Frank in einen unruhigen Schlaf. Sie konnte nicht gewusst haben was sie beim Aufwachen erwarten würde, denn sonst wäre es ihr sicher schwer gefallen Schlaf zu finden. Unwissenheit ist ein Fluch und ein Segen zugleich. *
    Mitten in der Nacht war Mrs.Frank wieder aufgewacht. Sie wusste nicht warum, aber irgendetwas kam ihr merkwürdig vor. Ungewöhnlich leise. Normalerweise ist es doch so, dass Lärm die Stille vertreibt, es muss also vollkommen leise sein, damit man die Stille hören kann. So gut man Stille eben hören kann. Dieses seltsame Gefühl aber, das Mrs.Frank in dieser Nacht hatte war anders. Es war, als ob etwas unvorstellbar leises, so unglaublich leise war, dass es alle anderen Geräusche vertrieb. War das denn möglich? „Die Leute haben Recht, du musst wirklich verrückt sein.“ Maßregelte sie sich streng und schob diesen komischen Gedanken bei Seite. Sie streckte die Hand aus um Daisys Fell zu berühren. Ach, da war es. So weich und wunderschön. Sie tätschelte es. „Ach, Daisy…“ sagte sie schlaftrunken. Gedankenverloren zwirbelte sie das Fell in den Händen. Dann beschloss sie noch ein wenig weiter zu schlafen, zog die Hand wieder ein und schloss die Augen. Neben ihrem Bett ertönte ein seltsames plätschern. Daisy machte doch nicht etwa gerade in die Wohnung? „Daisy, was tust du da…?“ murmelte sie verwundert und schob die Hand wieder aus dem Bett. *
    Niemals hätte Ewan sich träumen lassen, dass er jemals töten würde. Warum auch? Umso paradoxer erschien es ihm jetzt, dass seine Gedanken sich in den vergangenen Wochen so oft um ein und dieselbe Frage gedreht hatten. Wen sollte er zuerst töten? Die Frau oder den Hund? Wenn er den Hund zuerst tötete würde dieser sicherlich Widerstand leisten und vielleicht wachte die Frau davon auf und rief die Polizei! Aber wenn er die Frau zuerst ermordete, würde der Hund aufwachen und ihn höchstwahrscheinlich schneller zerfleischen als er weglaufen konnte. Letztendlich hatte er sich dazu entschieden, den Hund als erstes dranzunehmen. Aus zerfleischte Gliedmaßen konnte er gut und gerne verzichten, und es war außerdem sowieso mehr als unwahrscheinlich dass eine alte gebrechliche Frau noch den Weg zum Telefon finden würde um Hilfe zu rufen, während sie in ihrem Schlafzimmer bedroht wird. Nein, alles war perfekt vorbereitet. Nichts würde schiefgehen. Nichts durfte schiefgehen. Er packte sein Messer fest mit der rechten Hand und schlich langsam, unvorstellbar langsam auf den eingerollte Hund zu, so lange, bis er seinen Atem auf dem Gesicht spüren konnte. Dann musste er sich zusammenreißen um nicht aufzuschreien. Etwas hatte seinen Kopf gestreift – eine Hand. Die alte Frau tätschelte seinen Kopf! „Ach, Daisy…“ seufzte sie. Ewan bebte innerlich vor Erregung doch nach außen hin war er vollkommen ruhig. Er wartete bis sie fertig war, mit zum Zereisen angespannten Nerven und dennoch mucksmäuschenstill. Dann war es vorbei. Er zögerte nicht mehr lange. Seine Finger schlossen sich fest um den Griff des Messers. Mit brutaler Gewalt stieß er zu, durchtrennte mit einem Schnitt den Hals des Hundes nahezu vollständig. Sehnen, Knochen, Blutgefäße, alles fiel der Klinge zum Opfer. Warmes Blut spritze über seine Arme, sein Gesicht und seine Brust. Ein letztes leises Röcheln, dann lag der Hund tot da. Oben im Bett regte sich etwas… „Daisy, was tust du da?“…
    *
    „Leck lieber meine Hand noch ein bisschen, komm schon.“… „Daisy wo bist du denn?“ Warum kam Daisy nicht? Sollte sie nachsehen? Aber doch. Jetzt kam Daisy. Mrs.Frank konnte ihre warme, feuchte Zunge auf der Haut spüren. Ein gutes Gefühl war das. Ihr war als könnte sie jede einzelne Geschmacksknospe auf der Haut wahrnehmen. Ganz genau fühlte sie, wie Hand langsam feucht und glitschig wurde, und schloss die Augen um wieder einzuschlafen. Und auf einmal wusste sie es, noch bevor es geschah wusste sie es. Doch es war zu spät. Ganz plötzlich, sie fühlte es mehr als dass sie es hörte, sprang eine menschliche Gestalt von Boden auf, schaltete das Licht an und blickte sie mit wahnsinnigen Augen an. *
    „…Leck lieber meine Hand noch ein bisschen, komm schon.“ sagte die alte Frau mit ihrer dünnen, leicht rauen Stimme. Aber das konnte Daisy nicht mehr. „Daisy, wo bist du denn?“ Sollte er die Frau jetzt sofort töten? Nein, er wollte seinen Triumpf auskosten. Schön sollte es werden, beeindruckend schön. Er konnte es noch nicht tun. Also bewegte er sich langsam und vorsichtig auf die Hand der alten Dame zu. Er zögerte nicht einen Moment. Er streckte die Zunge aus und begann ihre Hand zu lecken. Salzig schmeckte sie und nach irgendetwas anderem, das er nicht erkennen konnte. Gar nicht mal schlecht. Weich und warm fühlte sich ihre Haut unter seiner Zunge an, angenehm eigentlich. Mit seiner Zunge konnte er jeden einzelnen Finger, jeden einzelnen Knochen unter der alten Haut der Frau spüren. Doch er musste aufhören, er konnte nicht ewig hier sitzen und alten Frauen die Hände lecken. Ewan fasste einen Entschluss. Er sprang auf, schaltete das Licht an und blickte der Frau wie von Sinnen direkt in die Augen. *
    Einen endlosen Moment lang starrten sich die beiden nur an. Mrs.Frank sah das grausame Gesicht des Mannes, bis auf die Knochen abgemagert, mit tief in den Höhlen liegenden Augen und Angst überkam sie. Ewan sah das zerknitterte, alte Gesicht der Frau und die Panik in ihren Augen. Hass brach über ihn herein wie er ihn noch nie verspürt hatte. Dann schrie die Frau. Es war ein langgezogener, schriller Entsetzensschrei. Noch nie hatte Ewan jemanden so laut schreien höre. Der flackernde Blick der alten Dame glitt von Ewans blutüberströmten Gesicht zu dem Messer in seiner Hand und schließlich zu Daisy, die so furchtbar verstümmelt in ihrer eigenen Blutlache auf dem Boden lag. Entgeistert und angstverzerrt blickten ihre Augen Ewan an. Er genoss ihr Grauen. „Eines sollten sie wissen“, sagte er langsam und bedächtig, er wollte jeden Moment auskosten, „Auch Mörder geben keine schlechten Hunde ab“. Auf seinem Gesicht breitete sich ein spöttisches Grinsen aus. Die Angst der alten Frau musste grenzenlos sein, sie brachte kein Wort hervor, sie konnte keinen Muskel rühren, sie konnte nur mit angstverzerrtem Gesicht und weit aufgerissenen Augen zu sehen wie der Mann mit dem Messer ausholte. Da war nur kalte, grausame Leere. Und Schmerz, unerträglicher Schmerz als der Mann das Messer rücksichtslos zwischen ihre Rippen rammte. Die Qual nahm ihr den Atem. So fühlte sich also das sterben an. Kein großartiger letzter Gedanke, kein Schnelldurchlauf des eigenen Lebens. „Bitte, mach dass ich sterbe, bitte, lass es bald vorbei sein.“ war der einzige Gedanke in ihrem Kopf. Einmal noch bäumte sich ihr verwundeter Körper auf. Sie schloss die Augen. Und würde sie nie wieder öffnen. Sie war tot.
    Mit roher Gewalt riss Ewan das Messer aus dem Oberkörper der toten Frau und wischte es an seiner Hose ab. Sie war tot. Sie war tot. Sie war tot. Er war zufrieden mit sich. Er hatte es geschafft. Er hatte die Frau getötet. Sie würde ihn nie wieder belästigen. Diese Frau, die ihn rasend gemacht hatte, rasend vor grenzenlosem Zorn, atmete nicht mehr. Er hatte sie töten müssen, er hätte ja sonst nicht weiterleben wollen, nicht weiterleben können. Sie hatte ihn wahnsinnig gemacht! Jetzt war sie tot. Tot. TOT. Er ließ sich das Wort auf der Zunge vergehen, stieß ein lautes triumphierendes Lachen aus und verließ dann, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen das Haus. Er hatte getan was getan werden musste. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. In zwei Stunden würde er frische Kleidung tragen, das Messer gegen einen Kugelschreiber ausgetauscht haben und auf dem Weg zur Uni sein. Und niemand würde jemals erfahren was er getan hatte. Er war fein raus. Wie sehr er sich täuschte. *
    Tatsächlich blieb der grausame Mord an Lucie Frank ungewöhnlich lange geheim. Niemand vermisste sie und kaum jemand kam je an ihrem Anwesen vorbei. Erst zwei Monate später gelangten die furchtbaren nächtlichen Ereignisse an die Öffentlichkeit. Als nämlich sieben Wochen nach Mrs.Franks Tod ein Anruf zweier Wanderer bei der Polizei einging, oben beim alten Schloss stinke es nach verrottendem Fleisch, schickte diese sogleich eine Truppe von acht Polizisten hinauf, die die entstellten und verwesenden Körper von Mrs.Frank und Daisy auffanden. Anhand von einer Haarprobe konnte Ewan MacAllister rasch als Täter festgestellt werden. Obwohl er beharrlich abstritt den Mord begangen zu haben, konnte er nur für schuldig befunden werden. Die Beweislast war erdrückend. Am 3. November 2002 wurde er offiziell für psychisch gestört erklärt und zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
    Nur über das weitere Schicksal von Lucie Frank weiß bis heute natürlich niemand Bescheid. Sicher ist nur eins, wäre es nach ihr gegangen, würde sie nun den Rest ihrer Tage an einem schönen ruhigen Plätzchen hoch über den Wolken verbringen, zusammen mit William. Ist es tatsächlich so unwahrscheinlich, dass die beiden dort oben sitzen? Was du dir wünschst wird geschehen, sagen viele Menschen. Unsinn, sagen andere. Ich weiß es nicht. Man kann nur hoffen

Kommentare (1)

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GHSN (19408)
vor 676 Tagen
*heule* Alle drei im Himmel vereint ^^