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Bay - die Figur meiner Kindheit!

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10 Kapitel - 1.141 Wörter - Erstellt von: Tatjana - Aktualisiert am: 2011-01-15 - Entwickelt am: - 2.282 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Lieber Leser,

hier möchte ich euch Bay, eine von mir selbst erfundene Phantasie-Figur vorführen.
Ich bin von Geburt an blind, und wie der eine oder andere Leser weiß, können blinde Menschen in sehr vielen Fällen gut mit Kunst umgehen. So auch ich. Ich zeichnete viel, heute zwar nicht mehr wirklich, aber ich stehe heute dafür voll auf Handarbeit - vor allem mit Holz, Filz und Ton. Und das folgende Objekt habe ich auch neulich nachgebaut.
Ich erfand sie mit ca. 9 Jahren. "I got you, Babe" war zur damaligen Zeit mein Lieblingssong. Ich verstand aber immer: "I got you bay." Der Name Bay gefiel mir so sehr, dass ich schon bald eine Phantasie-Figur entwarf. Sie hat unten eine Form eines Quaders, oben hat sie einen Oberkörper in der Form einer Acht. Aber nun wünsche ich Dir viel Spaß beim Lesen, vielleicht sogar beim Staunen!

    1
    Bay in meinem Alltag

    In meinen Vorstellungen hielt sie immer zu mir, auch wenn's so manchem nicht gepasst hat, ich sprach in Gedanken mit ihr, auch wenn manch einer was dagegen hatte - sie war einfach meine imaginäre Freundin, diese Quader-8-förmige Phantasie-Figur Bay! Und immer wenn ich den Song "I got you, babe" hörte, egal in welcher Version, spürte ich diese besondere Person ziemlich intensiv. Auch heute ist das immer noch so. Kaum ertönt das Lied, weiß ich es wieder zu schätzen, dass diese Person damals für mich da war - vielleicht heute noch ist?

    2
    Sie hat sich auf 'ne bestimmte Art gehäutet - wie eine Schlange - und noch anderes, was sie von sich gab ...

    Auch wenn man das nicht unbedingt häuten nennen kann - es ist zumindest damit zu vergleichen.
    Ihr ging in meinen Vorstellungen hin und wieder der "Achter" (das Oberteil) ab, verschwand ins nichts, und - schwupps - war wieder ein frischer "Achter" da!
    In meinen Gedanken konnte sie ganz normal sprechen, spielen und auch handeln.
    Wenn sie pinkeln musste, klang sie wie ein Wasserhahn - so habe ich sie mir zumindest gedacht.

    3
    Bay träumt

    Wie alles Wesen auf dieser Welt, musste sich Bay auch mal ins Bett liegen wenn sie müde war. Daher träumte sie auch. Aber - wenn sie träumte, unabhängig was sie träumte, waren in meinen Gedanken plötzlich Muster in der Luft zu sehen. Klingt komisch, war in meinen Gedanken jedoch eine Tatsache. Naja, sie war leider kein wirkliches Wesen, sondern nur eine Phantasie-Figur - das muss man ja auch bedenken.

    4
    Du willst wahrscheinlich noch wissen: Wie war und ist sie heute noch zu sehen?

    Ich habe ja früher viel gezeichnet - dann natürlich auch sie. Unzählige Male zeichnete ich die Person auf eine blindenspezifische Zeichenfolie, die man in eine spezielle Zeichentafel einspannt. Sehr viele Menschen bekamen die Figur zu Gesicht. Einigen hat's gepasst, einigen auch wieder nicht. Da drauf habe ich aber keine Rücksicht genommen, denn ich war ein Kind, und vor allem Kinder sollten sich schon durch Phantasie entwickeln.

    5
    Natürlich muss man auch imaginäre Freunde versorgen

    Ende 2006 besuchte ich eine Dame, die sich speziell für so etwas interessiert. Ich nenne hier zwar keine Namen, doch als ich ein Tonfeld vor mir stehen sah, habe ich Bay auch gleich aus Ton so zu sagen gebaut, sodass ich sie nicht nur selbst, sondern auch viele andere Menschen besichtigen konnten. Zwar haben diese Menschen bereits Bilder gesehen, aber jetzt konnte sie auch als richtige Figur dargestellt werden, die man vor sich auf den Tisch stellen kann.
    Endlich: Der MP3-Player, das Handy und noch viele andere Dinge, die man im Laufe eines Lebens zu sehen bekommt oder eventuell sogar selbst als Eigentum heißen kann, gehörten jetzt auch ihr. Wieso? Na, weil ich ihr auch das alles aus Ton bauen konnte, denn in diesem Tonfeld war schon eine ganz schön große Masse an Ton drin.

    6
    Was hat sie euch denn schlimmes Angetan?

    Wie ich ja schon vorher erwähnt habe, hat vielen Menschen meine imaginäre Freundin nicht gepasst. Doch warum nicht? Wird mir eines Tages jemand sagen können, aus welchen Gründen es so kam?
    Auch eine Phantasie-Figur ist kein minderwertigeres Wesen, das bevorzugt oder benachteiligt werden sollte, auch wenn man es nicht mit bloßem Auge sehen kann. Es ist schon schlimm genug, dass die Menschheit selbst teilweise von anderen Menschen durch Sexualstraftaten und dergleichen dermaßen gedemütigt wird.

    7
    So muss man etwas gegen diese Hasserei tun

    Einfach weitermachen, weiterhin Bilder und Holz-, Ton- oder Exemplare aus anderen Materialien herstellen. Dazu erfährst Du gleich mehr.

    8
    Ein weiteres Exemplar!

    Das Tonexemplar der Figur habe ich seit Ende 2006 nicht mehr gesehen. Ich gehe aber davon aus, dass es in sicheren Händen liegt.
    Im Sommer 2010 begann ich, aus Holz ein weiteres Exemplar der Figur zu bauen. Ich muss nur noch eine kleine Sache daran machen, dass es dann jemand sehen kann, der lediglich nichts gegen solche imaginäre Freunde hat.

    9
    Endlich: Eine Person, die Verständnis hat...

    Der Sommer 2010 war zugleich auch der Sommer, in dem ich erfahren konnte, dass auch sehr viele andere blinde Menschen ähnliche imaginäre Freunde besitzen und dass ich mit meiner Figur keinesfalls alleine auf dieser Welt bin. Dies war für mich einer der schönsten Momente, denn durch diese Aussage wusste ich zugleich, dass ich auch nicht der einzige Mensch auf dieser Erde bin, der so mit Missverständnissen geplagt war - vor allem, wenn man noch ein Kind ist, ist das um einiges schlimmer, als im Erwachsenenalter.

    10
    Und nun mein Schlusswort

    Alle Menschen haben Phantasien. Der eine nutzt sie aus, der andere eher nicht. Wenn auch Du ein Mensch bist, der auch solche Freunde hat wie ich, dann möchte ich zu dir noch folgendes sagen: Egal wie alt du bist und egal wie viel Verständnis Du für deine Vorstellungen erhältst, denke auch an deine imaginären Freunde, denn sie sind nicht mehr oder weniger wert.

Kommentare (1)

autorenew

Oona ( von: Oona)
vor 76 Tagen
Wow. Hat mich geflasht. Echt gut erzählt, man kann nachvollziehen, was du uns sagen wolltest. Cool, absolut cool!